«Die Täter sind frei, wir haben lebenslänglich»

Am 17. Juli 2014 stürzt Flug MH17 über der Ostukraine ab – nach bisherigen Ermittlungen abgeschossen von einer Rakete. 298 Menschen sterben. Ein Jahr danach haben die Ermittler nicht mehr als erste Spuren. Eine Qual für die Angehörigen der Opfer.

Bryce und Daisy sassen beim Abschuss genau dort, wo die Rakete das Flugzeug traf. Von den sterblichen Überresten ist kaum was übrig geblieben. Einzig ein paar Knochenteile konnten die Eltern von Bryce, Selene und Rob Hendriksz, entgegennehmen.

Der 23-jährige Bryce und seine 20-jährige Freundin Daisy wohnten zusammen bei seinen Eltern. Zu viert lebten sie in Rotterdam – nun sind die Eltern alleine. Während von Bryce und Daisy kaum etwas übrig blieb, blieben die Tickets und die Bordkarten unversehrt. Ein schwacher Trost für Rob und Selene, doch an solche Fetzen Papier klammern sich viele Angehörige.

Bergung der sterblichen Überreste dauerte Monate

Ein Grossteil der sterblichen Überreste lag bis im März diesen Jahres – ganze neun Monate – auf der Absturzstelle. Und weil die Knochenteile erst kürzlich identifiziert wurden, wurden sie von den Behörden noch nicht an die Angehörigen zurückgegeben. «Deshalb konnten wir noch immer keine Beerdigung durchführen», erzählt Selene Hendriksz.

Die Absturzstelle lag mitten im Kampfgebiet. Der Zugang war gefährlich. Es dauerte Tage und im Falle von Bryce und Daisy sogar Monate, bis sterbliche Überreste gefunden wurden. Noch laufen die Ermittlungen, die Knochenteile sind noch nicht freigegeben.

Journalisten waren schneller

Das schleppende Vorgehen der Behörden verärgert. In die Trauer von Selene und Rob hat sich viel Wut gemischt. Sie erheben Vorwürfe: «Ich finde die niederländischen Ermittler haben es viel zu zögerlich angepackt. Tagelang, monatelang lagen sie dort auf dem Feld. Nichts passierte.» Die Behörden seien zu wenig entschlossen vorgegangen.

Soldaten in einem Trümmerfeld.

Bildlegende: Mitten im Kriegsgebiet liegt die Absturzstelle der MH17. Keystone/Archiv

Schneller als die offiziellen Ermittler waren die sozialen Medien und Journalisten. So tauchten beispielsweise Handyvideos auf, die in der Region einen Lastwagen mit einer Rakete zeigen. «Wie noch bei keinem Unglück zuvor findet über das Internet eine Art öffentliche Ermittlung statt», erklärt Pieter Klein von RTL Niederlande.

Das wirke sehr polarisierend und befeuere auch Verschwörungstheorien und Argwohn bei den Niederländern, betont der Journalist weiter. Denn es gebe so viel unterschiedliche Infos, dass Niederländer sich fragen würden: Wem könne man vertrauen – Putin? Der Ukraine? Der niederländischen Regierung? Den Ermittlern?

Selene und Rob Hendriksz wollen im Herbst oder Winter zusammen mit anderen Angehörigen zur Absturzstelle reisen. Bisher war es noch immer zu unsicher. Die Eltern sagen: die Asche der beiden ist dort, dort ist ihr Grab.

Fragen und Antworten zum Stand der Ermittlungen

Was ist gesichertes Wissen zum MH17-Absturz und was nicht?Unumstritten ist, dass die Passagiermaschine über dem Kriegsgebiet abgeschossen wurde. Die Untersuchungen konzentrieren sich auf eine Rakete, die von einem bodengestützten Luftabwehrsystem des Typs Buk abgefeuert wurde. Gestritten wird aber darüber, wer das Geschoss abgefeuert hat. Die Ukraine geht davon aus, dass Russland das Buk-System in das von Separatisten kontrollierte Kriegsgebiet lieferte. Russland weist dies zurück.
Wie ist der offizielle Stand der Ermittlungen?Der niederländische Sicherheitsrat schloss in seinem ersten Zwischenbericht zur Ursache im September 2014 technisches und menschliches Versagen sowie einen Terroranschlag aus. Der Abschlussbericht soll im Herbst vorliegen. Die Ermittlungen der niederländischen Staatsanwaltschaft weisen in Richtung eines Abschusses durch eine Abwehrrakete.
Gibt es Beweise für eine Schuld Russlands oder der Separatisten?Das internationale Ermittlerteam unter Leitung der Niederlande hat Videos und abgehörte Telefongespräche der Separatisten veröffentlicht. Die deuten daraufhin, dass diese über ein Buk-System verfügten und eine Rakete zum fraglichen Zeitpunkt abgefeuert hatten. Der russische Hersteller des Buk-Systems erklärte, dass die Ukraine eine Vielzahl solcher Waffen besitze. Die Firma geht nach eigenen Recherchen davon aus, dass die Rakete von ukrainisch kontrolliertem Gebiet aus abgeschossen wurde.
Wie reagiert Russland auf die Schuldvorwürfe?Die russische Führung verlangt unvoreingenommene Ermittlungen durch die internationalen Ermittler und den Sicherheitsrat in den Niederlanden. Das Land leitet die strafrechtlichen Ermittlungen sowie die Suche nach der Ursache, weil die meisten der 298 Opfer von dort stammten. Kremlchef Wladimir Putin hatte der Ukraine die Schuld an der Tragödie gegeben, weil sie trotz bekannter Gefahren den Luftraum über dem Kriegsgebiet nicht komplett für die zivile Luftfahrt gesperrt hatte. Separatisten hatten vor dem Absturz der MH17 mehrere Militärflugzeuge abgeschossen.
Wie ist der Stand der Ermittlungen in Russland?Von Anfang an erhoben die Russen den Verdacht, dass ein anderes Flugzeug die Passagiermaschine abgeschossen haben könnte. Später präsentierte die oberste Ermittlungsbehörde dazu auch einen mutmasslichen Zeugen, einen ehemaligen ukrainischen Militärangehörigen, der sich nach Russland abgesetzt hatte. Der 22-Jährige belastete einen Kampfpiloten aus seiner Einheit, der den Flug MH17 von einem Suchoi-Bomber Su-25 abgeschossen haben soll. Die Ukraine hatte dies zurückgewiesen. Die Behörden in Moskau gehen aber nach eigenen Angaben auch anderen Hinweisen nach. Kremlchef Wladimir Putin hatte zuletzt im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur gesagt, dass er einen Bericht auf seinem Tisch habe, nach dem die Maschine von einer Buk-Rakete von ukrainisch kontrolliertem Gebiet aus abgeschossen wurde.
Gibt es Beweise durch Satellitenbilder?In den USA gab es Berichte über eigene Satellitenbilder, die die Schuld der prorussischen Rebellen beweisen sollen. Sie wurden aber nicht veröffentlicht. Russland präsentierte kurz nach dem Abschuss Satellitenbilder, nach denen ukrainische Truppen ein Buk-System nahe der Absturzstelle stationiert hatten. Experten streiten aber darüber, ob die Bilder echt sind.

Wer schoss auf MH17?

Der Abschuss der Boeing 777 war eine menschliche Tragödie mit weltpolitischen Folgen. Mehr

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Angehörige in den Niederlanden trauern

    Aus Tagesschau vom 17.7.2015

    Die Eltern eines jungen Paares aus Rotterdam erzählen von ihrer unendlichen Trauer und ihrer Wut über die zögerlichen Ermittlungen rund um den MH17-Abschuss.

  • Gedenken an MH17-Opfer

    Aus Tagesschau vom 17.7.2015

    Vor einem Jahr wurde Flug MH17 der Malaysia Airlines auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ost-Ukraine abgeschossen. 298 Menschen starben. Heute finden an verschiedenen Orten Gedenkfeiern für die Opfer statt.

  • Ein Jahr nach MH17-Absturz

    Aus 10vor10 vom 16.7.2015

    Russland weist auch ein Jahr nach dem Flugzeugabsturz in der Ostukraine alle Anschuldigungen zurück, obwohl Hinweise auf einen Abschuss durch prorussische Separatisten hinweisen. «10vor10» fragt, weshalb die Aufklärung des Unglücks so schwierig ist.