Zum Inhalt springen

International Die Taktik hinter den «Geisterschiffen»

Schiffe ohne Besatzung, überladen mit Flüchtlingen. Innerhalb weniger Tage rettete die italienische Küstenwache hunderte von Migranten aus führerlosen Schiffen. Das UNO-Flüchtlingswerk und ein Schweizer Schifffahrtsexperte liefern Erklärungen für diese Häufung.

Legende: Video Neue Dimension der Grausamkeit abspielen. Laufzeit 3:09 Minuten.
Aus 10vor10 vom 02.01.2015.

Das Phänomen der «Geisterschiffe» im Mittelmeer zeigt nach Ansicht der EU-Grenzschutzagentur Frontex einen «neuen Grad der Grausamkeit». «Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters», sagte Pressesprecherin Ewa Moncure. Der Schmuggel von Flüchtlingen sei ein «Multimillionengeschäft».

Für die Schmuggler lohne sich die Rechnung, wenn ein bereits ausgemustertes Schiff ohne Crew und Treibstoff auf dem Meer zurückgelassen werde.

Maximale «Rendite» für die Schlepper

Beat Schuler vom UNHCR kommt beim Flüchtlingsschiff «Sky Blue M» mit 800 Personen an Bord auf bis zu 5 Millionen Franken Einnahmen für die Schlepper. Für eine Fahrt bezahle ein Flüchtling zwischen 5000 und 7000 Franken.

«Die Flüchtlinge zahlen in eine Gesellschaft ein, die den Betrag verwaltet. Sobald die Dienstleistungen erbracht sind, also die Überfahrt gelungen ist, dann werden die Geldbeträge ausbezahlt. Somit ist das Risiko für die Flüchtlinge kleiner, dass sie ihr Geld verlieren.»

Flüchtingstransport im grossen Stil

Die Vereinten Nationen warnen vor dieser neuen Taktik der Schleuserbanden. In den vergangenen zwei Monaten seien verstärkt alte Frachter ohne elektronische Hilfsmittel eingesetzt worden, um heimlich Flüchtlinge nach Europa zu bringen. Die Frachter seien gekauft, geleased oder geklaut und kämen zumeist aus der Türkei, führt Beat Schuler aus.

Legende: Video Hochseekapitän Roger Witschi zum Vorgehen der Schlepper abspielen. Laufzeit 2:31 Minuten.
Vom 02.01.2015.

Roger Witschi, Hochseekapitän und Schifffahrtsexperte, mutmasst gegenüber «10vor10», dass es sich bei den Frachtern um ausgemusterte Küstenmotorschiffe aus der Nord- und Ostsee handeln könnte. Diese seien über Weiterverkäufe ins östliche Mittelmeer gelangt – und könnten dort auf «Chartermärkten» für wenig Geld von den Schleppern gemietet werden.

«Seriös wirkende Personen, die sich beispielsweise als Warentransporteure ausgeben, können solche Schiffe durchaus kurzfristig chartern. Für einen Tag, eine Woche, ähnlich wie bei der Autovermietung.» Dies sei bereits für 2000-3000 Dollar pro Tag möglich – maximale Rendite also.

«Verladung» auf internationalen Gewässern?

Doch wie schaffen es hunderte Asylsuchende unbemerkt an Bord der Frachter? «Vermutlich fand die Bemannung mit den Flüchtlingen auf internationalen Gewässern statt, über kleine Schlepperboote, wie man sie bereits kennt. Alles andere wäre ein sehr grosses Versagen der Behörden.»

Schuler sieht weitere Vorteile für die Schlepper: «Es gibt in der Türkei über eine Million syrische Flüchtlinge. Es ist einfacher, direkt von der türkischen Küste aus abzulegen als zuvor nach Libyen zu gelangen – per Flugzeug oder auf dem Landweg – und von dort eine Bootsfahrt nach Lampedusa oder Sizilien zu riskieren».

Ende von «Mare Nostrum» als Begründung

Hintergrund sei zugleich auch das Ende des italienischen Hilfseinsatzes «Mare Nostrum». Dadurch werde eine Überfahrt der Flüchtlinge in kleineren Schiffen gefährlicher. Die Mission wird zwar unter dem Namen «Triton» von den EU-Staaten weitergeführt, jedoch in begrenztem Umfang und mit deutlich weniger Mitteln.

Die Gefahr das Leben zu verlieren, ist aber auch auf den Frachtern gross. Denn auch auf den grossen Schiffen setzen sich die Schleuser unterwegs ab und schalten den Autopilot ein. Ohne Kapitän besteht die Gefahr, dass das Schiff kentert. Bisher hat die Küstenwache jedoch rechtzeitig eingegriffen.

22 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Walter Starnberger, Therwil
    Nachdem die EU in Griechenland und Bulgarien eine dicke Mauer gebaut hat an der Grenze zur Türkei, können die Flüchtlinge ja nur noch über das Meer nach Europa kommen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von F.Riedo, Bern
    Die EU und deren Staaten haben die Grenze zu Land, zu Luft und zu Erde zu schützen und vor illegalem übertreten zu bewahren. Daher sollte man bereits auf internationalem Gewässer die Schlepper-Schiffe stoppen und abdrängen. Europa ist der kleinste Kontinent und wird von muslimischen Flüchtlingen überschwemmt. Zudem ist eine baldige Rückkehr in die Heimat nicht möglich, was den Steuerzahlern Mrd. kostet die dann an anderer Stelle fehlen und die Gefahr Terroristen unter den Asylanten zu haben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Markus bach, Basel
    Traurig manche Kommentare! Leute, das sind allles unschuldige Menschen, die ihr letztes Bisschen Hoffnung auf eine Karte setzen und all-in gehen. Europa und dazu gehören wir, sind dafür verantwortlich, dass die Flüchtlinge leben dürfen! Gegen das organisierte Schlepper-Verbrechen muss man mittel- und langfristig vorgehen. Nur ist kurzfristig nichts anderes angebracht als die Leute zu Retten! Grosser Respekt geht hier an Italien. Das sind alles Menschenleben, sowie deins und meins!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Werner Christmann, Stein am Rhein
      Ziemlich blauäugig, Markus Bach. Die Gutbetuchten können sich so eine Abenteuerreise (die dekadenten Westeuropäer oder Amerikaner würden für so einen Ego-Trip noch viel mehr bezahlen) leisten, derweil wohl so an die 99 % der Flüchtlinge in Zeltlagern ausharren.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Hans Glauser, Herlisberg
      "Gutbetuchte" reisen nicht so. Es sind Leute, die an Leib und Leben bedroht sind. Aber das scheint hier vielen Schreiber zweitrangig zu sein. Viele solcher Ignoranten propagieren noch "Hilfe vor Ort" und das in kriegsgeplagten Länder wie Syrien. Da kann einem der Hass auf solche "Menschen" schon mal hochkommen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Bernot Guisan, Lausanne
      Jeder weiss, dass die wirklich armen Leute nie nach Europa kommen. Sie haben nicht so viel Geld. Eine Überfahrt kostet ja zwischen 5'000 und 10'000 $. Also hören sie auf von "verfolgen und armen Leuten". So ein Quatsch.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von Werner Christmann, Stein am Rhein
      Hans Glauser: Hass ist ein destruktives Gefühl. Ignoranten glauben, dass jeder Flüchtling zehntausende von Dollars in der Tasche hat, die er dann irgendeinem Schlepper nachwirft, um dann unsere Sozialwerke zu überschwemmen. Wie gesagt: 99 % der Flüchtlinge haben diese Möglichkeit nicht und denen muss dort geholfen werden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Werner Christmann, wie wollen sie den Flüchtlingen vor Ort helfen? Hingegen und ihnen Essen, Wasser und Kleidung geben ist auf die Dauer leider keine Lösung. So werden sie von uns leider nur noch mehr abhängig. Viel dienlicher wäre da meines Erachtens ihnen Mut zu machen und Wege aufzuzeigen wie sie das Unrecht im eigenen Land konstruktive aus der Welt schaffen können. Leider sind wir aber da auch nicht weiter.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    6. Antwort von Hans Glauser, Herlisberg
      Wie sollen die Leute in Syrien das Unrecht aus der Welt schaffen, wenn das Unrecht von den Russen unterstützt wird?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    7. Antwort von Werner Christmann, Stein am Rhein
      Hans Glauser 13:51: Ist wohl ein wenig komplexer als ihre einseitige Russlandphobie. Wobei das hier mit Verlaub gar nichts mit dem Thema zu tun hat. Was wollen den Russen sonst noch so in die Schuhe schieben?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen