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Jahrestag des Aufstands «Die Tibeter wollen eine echte Autonomie»

Zehntausende Tibeter starben beim Aufstand 1959. Seither hat China die Unterdrückung der Tibeter aufrecht erhalten. Trotzdem glaubt ein enger Mitarbeiter des Dalai Lama an eine Lösung des Konflikts. Langfristig.

Legende: Audio «Der Menschenrechtsdialog hat nichs gebracht» abspielen. Laufzeit 12:16 Minuten.
12:16 min, aus SRF 4 News aktuell vom 10.03.2017.

SRF News: Sie werfen der internationalen Gemeinschaft vor, Tibet gegenüber «geschichtsvergessen» zu sein. Wie meinen Sie das?

Kelsang Gyaltsen: Als 1950 die Volksbefreiungsarmee Chinas in Tibet einmarschierte, haben die Tibeter und die ganze nichtkommunistische Welt dies als Invasion und militärische Besetzung betrachtet. Heute nimmt die internationale Gemeinschaft leider hin, dass Tibet zur Volksrepublik China gehört. Vor diesem Hintergrund muss man sagen, dass die internationale Gemeinschaft die Geschichte vergessen hat. Sie akzeptiert die heutige, faktische Realität.

Was ist der Grund dafür?

Ein Grund liegt darin, dass sich China seit dem Tod Mao Tse-tungs gegenüber dem Westen geöffnet und eine historisch nie dagewesene wirtschaftliche Entwicklung durchgemacht hat. China ist heute für viele Länder ein sehr wichtiger Handelspartner. Sie wagen es deshalb kaum mehr, die Situation in Tibet oder die Menschenrechtslage gegenüber China anzusprechen. Zu verärgert hat Peking in der Vergangenheit jeweils auf solche Hinweise reagiert.

Die Behauptung Pekings, der Dalai Lama strebe die Unabhängigkeit Tibets an, ist nichts anderes als ein Vorwand, um nicht mit den Tibetern über eine Autonomie sprechen zu müssen.

Sind des demnach vor allem wirtschaftliche Gründe, weshalb die westliche Staatenwelt Tibet von der Agenda genommen hat?

Ganz sicher. Zwar führen die meisten westlichen Regierungen mit China seit Jahrzehnten einen sogenannten Menschenrechtsdialog. Dazu gehört auch die Schweiz, die dies seit 1995 tut. Die westlichen Länder erklären öffentlich, mit China regelmässig über Menschenrechte und Tibet zu sprechen. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass dieser Dialog zu keinerlei Verbesserung der Menschenrechtssituation in China oder Tibet geführt hätte.

China hat den Gesprächen hinter verschlossener Tür offenbar bloss zugestimmt, damit die westlichen Staaten im Gegenzug darauf verzichten, die Menschenrechtssituation in China und Tibet öffentlich zu thematisieren und anzuprangern.

Wie ist die momentane Situation in Tibet? Welche Verletzungen der Menschenrechte geschehen dort?

Die Chinesen betrachten Tibet als erobertes Land und die Tibeter als besiegtes Volk. Die Chinesen befürchten, dass sich Tibet eines Tages von China abspalten könnte. Pekings Politik in Tibet ist deshalb darauf ausgerichtet, dies zu verhindern. Tibetische Kultur, Sprache und Identität werden von den Chinesen geschwächt und unterminiert. Zudem strömen seit den 1980er-Jahren immer mehr Chinesen nach Tibet. Inzwischen sind die Tibeter in ihrer eigenen Heimat in der Minderheit.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine einvernehmliche Lösung in der Tibet-Frage erzielt werden kann – auch wenn die Repression unter Xi Jinping in letzter Zeit wieder zugenommen hat.

Wie realistisch ist Pekings Befürchtung, Tibet könnte sich von der Volksrepublik China abspalten?

Dazu gibt es eigentlich keinen Grund. Der Dalai Lama und die tibetische Führung im Exil haben wiederholt versichert, dass die Tibeter keine Unabhängigkeit von China anstreben. Was sie wollen, ist aber eine echte Autonomie im Rahmen der Volksrepublik China. Das tibetische Volk muss in seiner Heimat seine Sprache, Kultur, Identität und Tradition bewahren und pflegen können. Die Behauptung Pekings, der Dalai Lama strebe die Unabhängigkeit Tibets an, ist nichts anderes als ein Vorwand, um nicht mit den Tibetern über eine Autonomie sprechen zu müssen.

Legende: Video Tibet: Selbstverbrennungen aus Protest gegen China abspielen. Laufzeit 03:52 Minuten.
Aus 10vor10 vom 12.04.2013.

Was bräuchte es, damit der Konflikt zwischen den Tibetern und China friedlich gelöst werden kann?

Dafür ist ein Umdenken der chinesischen Führung nötig, was ihre Tibet-Politik angeht. Ich bin zuversichtlich, dass sich mittel- bis langfristig Lösungen abzeichnen werden. Denn inzwischen erfahren die Tibeter mehr Verständnis, Unterstützung und Solidarität von chinesischen Brüdern und Schwestern als von westlichen Regierungen. Unter den gebildeten und informierten Chinesen hat die Wertschätzung der tibetischen Kultur und des Buddhismus in den vergangenen 20 Jahren stark zugenommen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch in China mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zustande kommen. Dann kann eine einvernehmliche Lösung in der Tibet-Frage erzielt werden. In diese Richtung deutet die Entwicklung in China der letzten Jahrzehnte – auch wenn die Repression unter Xi Jinping in letzter Zeit wieder zugenommen hat.

Werden die jungen Tibeterinnen und Tibeter noch so viel Geduld aufbringen?

Ich bin fest davon überzeugt davon, dass der Freiheitskampf der Tibeter gewaltlos bleiben wird, so lange der XIV. Dalai Lama am Leben ist. Seine Weisung der Gewaltlosigkeit wird strikt befolgt.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.

Tibet befindet sich in einer chinesischen Zwangsjacke

Exil-Tibeter in aller Welt erinnern an den Aufstand gegen die chinesischen Besetzer, der am 10. März 1959 in der tibetischen Hauptstadt Lhasa ausbrach. Er forderte schätzungsweise 86'000 Tote. Im Zuge der Unruhen floh der XIV. Dalai Lama als 13-Jähriger mit seiner Entourage ins indische Exil. Seither sind ihm hunderttausende Tibeter gefolgt, viele von ihnen flohen zu Fuss über die 5000 Meter hohen Himalaya-Pässe. Noch heute lebt der Dalai Lama in Dharamsala, Nordindien. Dort befindet sich auch die tibetische Exilregierung.
Laut exiltibetischen Angaben sind der chinesischen Herrschaft seit der Invasion 1950 schätzungsweise 1,2 Millionen Tibeter zum Opfer gefallen. Gegen 6000 buddhistische Klöster wurden zerstört, weil die Chinesen den Nonnen und Mönchen Agitation im Kampf für eine Unabhängigkeit vorwerfen. Tausende Mönche wurden verhaftet, manche verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Heute ist es in Tibet verboten, ein Bild des Dalai Lama zu besitzen oder seinen Namen bloss zu erwähnen.
Die kulturelle und sprachliche Unterdrückung der Tibeter ist allgegenwärtig. In höheren Schulen Tibets wird nur noch auf Chinesisch unterrichtet, den Schülern wird eine neue kulturelle und historische Vergangenheit vermittelt, aus der jeder Bezug auf ein früher unabhängiges Tibet gestrichen ist. Zudem werden Chinesen dazu ermutigt, nach Tibet zu ziehen. Inzwischen leben im tibetischen Gesamtgebiet über 5 Millionen Chinesen gegenüber 4,5 Millionen Tibetern. In gewissen Bezirken sind die Chinesen den Tibetern zahlenmässig um ein Vielfaches überlegen.
Tibet besass bis ins 20. Jahrhundert ein eigenes Staatswesen. Die gegenwärtige Zugehörigkeit Tibets zur Volksrepublik China ist völkerrechtlich umstritten. Aus Sicht Chinas ist mit der Invasion 1950 bloss ein älterer, früher bestandener Rechtszustand wiederhergestellt worden, da das Gebiet während Jahrhunderten zu China gehört habe. Entsprechend lässt sich Peking heute auf keinerlei Gespräche ein, an den zurzeit herrschenden Verhältnissen etwas zu ändern.
Legende: Karte von Tibet srf

Kelsang Gyaltsen

Kelsang Gyaltsen

Kelsang Gyaltsen floh 1959 aus Tibet nach Indien und dann in die Schweiz. Seit 1985 ist er in der tibetischen Politik aktiv, zuletzt war er der langjährige Sondergesandte des Dalai Lama in Europa. Inzwischen ist der heute 66-Järhrige pensioniert.

Tibeter zeigen Flagge

Demonstranten von hinten vor einem Gebäude.
Legende: twitter/@steschnyinfo

Über 800 Tibeter sowie Sympathisanten haben sich zu einer Protestkundgebung in Bern versammelt. Die Teilnehmenden gedachten des Volksaufstandes in Tibet vor 58 Jahren. Der Kundgebungszug formierte sich auf dem Helvetiaplatz und zog friedlich und lautstark zum Münsterplatz.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    China und deren Führung wird sich auf Grund der Ereignisse in Europa & Nahost sagen. Extremer Glauben macht nur Ärger. Religion sollte ruhig gelebt werden. Sie werden also an ihrer bisherigen Linie festhalten und jeden Extremismus, der religiös motiviert ist, knallhart bekämpfen. Damit sind sie auf einem guten Weg. Keine Macht religiösen Spinnern. Es ist für alle das Beste, wie Geschichte leider immer wieder zeigt.
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Tibet und der Bevölkerung bieten sich mit der Entwicklung der Weltwirtschaft in Raum Fernost - Nahost und Europa manche Chancen. Natürlich müssen sich die Regierung in Peking und ihre Organe in den Provinzen echt auf die Tibeter zubewegen. Respekt gegenüber fremden Kulturen war stets ein guter Weg für beiderseitigen Erfolg. Für China ist diese Region auf Grund des Rohstoff- und Wasserreichtums strategisch äusserst wichtig. Die Moderne bietet Vorteile, besonders den hochalpinen Tibetern.
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  • Kommentar von Edwin Schaltegger (Edwin Schaltegger)
    Die gewaltsame Eroberung durch China von Tibet war eine üble Sacher. Man darf aber nicht vergessen, dass Tibet über Jahrhunderte zum chinesischen Kaiserreich gehörte. Tibet erhielt aber auch die Chance sich wirtschaftlich stark zu entwickeln und den Lebensstandart massiv zu erhöhen. Man kann sich auch fragen ob das religiöse patriachalische Staatswesen unter Dalai Lama besser war? Die Priesterschaft genoss grösste Privilegien und das Volk blieb mausarm und wirtschaftlich total rückständig.
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    1. Antwort von Christian Szabo (C. Szabo)
      Nüchtern mehrere Seiten beleuchtet. Nicht nur die Darstellung des Westens,der in Filmen und Berichten oft auf das brutale China hinweist. Tibet könnte sich durch seinen Rohstoff-Reichtum enorm entwickeln.. Dabei muss Kultur nicht verschwinden, wie Europa zeigt. Die Frage bleibt, ob Chinesen mit den Tibetern mehr auf Augenhöhe umgehen können und wollen. In China ist Staat und Religion wie bei uns getrennt. Tibet sollte dies ebenfalls anstreben.
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    2. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      @Schaltegger: Naja. Die Chinesen liessen die Einheimischen Tibeter wenig vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren. Das im Gegensatz zum Europäischen Kolonialismus oder den USA im besetzten Westdeutschland nach 1945. Die Chinesen kamen, bauten eine eigene Stadt und vom Restaurant bis zur Schule war alles chinesisch. Ein Kontakt zu den Einheimischen existierte nicht. Das hat sich mittlerweile im Tibet doch etwas geändert, ist aber in Afrika (chinesische Rohstofffirmen) immer noch so.
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