Anschlag in Manchester «Die Trauer hört nie auf, sie verändert sich einfach»

Die öffentliche Anteilnahme nach dem Anschlag in Manchester hilft den Betroffenen bei der Trauerarbeit, sagt der Psychologe Urs Braun. Jedoch nur kurzfristig.

Kerzen, Blumen, Fotos.

Bildlegende: Die Anteilnahme nach dem Anschlag in Manchester ist riesig. Reuters

SRF News: Bei Anschlägen, Amokläufen oder Flugzeugabstürzen kommen häufig viele Menschen gleichzeitig ums Leben – und das Ereignis gelangt an die breite Öffentlichkeit. Was bedeutet es für die Betroffenen, wenn dadurch besonders viele Menschen an ihrer Trauer teilnehmen wollen?

Urs Braun: Wenn so viel Anteilnahme da ist, kann dies zu Beginn des Trauerprozesses durchaus hilfreich sein. Die Betroffenen fühlen sich aufgehoben und unterstützt. Die enorme öffentliche Unterstützung gibt quasi einen Rahmen für das, was jetzt erst kommt – das Verstehen, dass eine geliebte Person nicht mehr wieder kommt und das Abschiednehmen von ihr.

Ich beobachte zudem, dass Menschen, die einen Angehörigen bei einem grossen Ereignis wie einem Terroranschlag verlieren, weniger Schutz bedürfen. Denn die Öffentlichkeit nimmt das Ereignis zur Kenntnis und hat deshalb viel mehr Verständnis für ihre Trauer. Wer hingegen jemanden bei einem Ereignis verliert, das von der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen wird, der braucht mehr Schutz. Denn die Welt dreht sich im gleichen Tempo weiter und die Trauernden können nicht automatisch auf Verständnis von der Gesellschaft hoffen.

Kann die öffentliche Anteilnahme auch das Gegenteil bewirken und den Trauerprozess erschweren?

Ja, es kann auch belastend sein. Ich kenne Trauerfamilien, die sich abschirmen wollten, um in den eigenen vier Wänden trauern zu können. Nicht alle Trauernden können von der kollektiven Anteilnahme profitieren.

Besteht die Gefahr, dass im Sog der kollektiven Anteilnahme das Einzelschicksal vergessen geht?

Das ist schwierig zu sagen. Nach den ersten Tagen ist jeder Mensch so oder so gezwungen, seinen eigenen Trauerprozess zu beginnen und durchzustehen. Zudem hört die Anteilnahme in der Öffentlichkeit auch wieder auf, das Geborgensein in der Gruppe hält nicht lange an. Dann muss jeder für sich selbst Antworten finden auf die Fragen, die ihm diese Lebenssituation stellt.

Inwiefern ist Trauer privat und inwiefern eben doch auch öffentlich?

Jeder muss – wie gesagt – seinen eigenen Trauerprozess durchmachen, insofern ist Trauern sehr privat. Früher gab es auch öffentliche Zeichen der Trauer, etwa die Trauerkleidung. Das war natürlich eine Einschränkung bei der Kleiderwahl, aber es war auch ein Schutz. Es ermöglichte den Betroffenen, trauern zu können und sie konnten der Umgebung dies signalisieren. Heute kennen wir kaum noch Trauerzeichen und auch Trauerrituale kennen wir in der westlichen Gesellschaft nicht mehr. Das macht es für die Betroffenen schwierig, auch in der Öffentlichkeit trauern zu können. Denn die Trauer hört nie auf, sie verändert sich einfach. Aber ich höre von vielen Betroffenen, dass von ihnen nach ein paar Wochen verlangt wird, dass sie wieder funktionieren. Trauer wird heute leider zu schnell als Krankheit angesehen.

Es bräuchte also nicht nur die kurzfristige öffentliche Anteilnahme, sondern insgesamt mehr Toleranz gegenüber Trauernden?

Es wäre schön, wenn wieder mehr Bewusstsein für den Trauerprozess vorhanden wäre. Es braucht in der Gesellschaft Verständnis dafür, dass Trauerarbeit lange dauert und dass die Betroffenen einen gewissen Schutz vor den Ansprüchen ihres Umfelds brauchen.

Zur Person

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Dr. phil. Urs Braun ist eidg. anerkannter Psychotherapeut und zertifiziert in Notfallpsychologie (NNPN/FSP). Er arbeitet als Leitender Psychologe in der Psychiatrischen Klinik Wil.

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