«Die Türkei wird es nicht schaffen, die Kurden zu besiegen»

Die türkische Regierung wähnt sich im Krieg mit den Kurden: Im eigenen Land, in Syrien und im Nordirak. Journalist Thomas Seibert erklärt den Dreifronten-Kampf.

SRF News: Wenn es ein syrischer Kurde war, der das Attentat verübte: Warum bombardiert die Türkei dann die Kurden im Irak?

Thomas Seibert: Insgesamt macht die Türkei die kurdische Rebellenorganisation PKK für die Gewalt verantwortlich. Die PKK unterhält ihr Hauptquartier im Nordirak. Und Ankara sagt, eine Unterorganisation der PKK in Syrien, habe hinter dem Anschlag gestern Abend in Ankara gesteckt. Das heisst, aus türkischer Sicht macht es durchaus Sinn im Nordirak anzugreifen.

Wie kann sich denn die türkische Regierung innerhalb von so kurzer Zeit so sicher über die Attentäter sein?

Ministerpräsident Davutoglu erklärt das mit der schnellen Ermittlungsarbeit, welche durch die Erfassung von Flüchtlingen aus Syrien ermöglicht worden ist. Der junge Mann, der als Selbstmordattentäter ermittelt wurde, soll als Flüchtling aus Syrien in die Türkei eingereist sein. Dabei wurden ihm routinemässig Fingerabdrücke abgenommen. Diese Daten werden in ein zentrales System eingespeist. So konnte die Polizei rasch anhand von Leichenteilen diesen Mann identifizieren. Das sagen jedenfalls die türkischen Behörden. Inzwischen wurden auch neun mutmassliche Komplizen festgenommen.

Auf Vergeltung folgt Vergeltung: Hat die türkische Regierung überhaupt eine Chance, die Kurden militärisch zu besiegen?

Nein, eigentlich nicht. In 30 Jahren hat es die Türkei nicht vermocht, die PKK zu besiegen. Das wird sie auch jetzt nicht schaffen. Ausserdem kämpft sie inzwischen an drei Fronten: Einmal im Südosten des eigenen Landes, wo schon seit Monaten schwere Gefechte toben und wo auch heute wieder ein Militärkonvoi der Armee von der PKK angegriffen worden sein soll. Dann die Luftangriffe im Nordirak, bei denen 70 PKK-Leute getötet worden sein sollen. Und drittens im Norden Syriens, wo der Ableger der PKK für die kurdische Autonomie kämpft. Die Türkei möchte diese Autonomie auf keinen Fall hinnehmen und greift deshalb auch die syrischen Kurden an.

Um das Problem mit den Kurden zu lösen, müsste Erdogan also wieder auf die Kurden zugehen und mit ihnen das Gespräch suchen?

Viele Kritiker in der Türkei fordern eine Rückkehr zum Friedensprozess mit der PKK, der in den letzten zwei Jahren einige Früchte getragen hatte: Es gab einen Waffenstillstand und viel Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Wiederaufbau im Kurdengebiet – die ersten Touristen kamen zurück. All das kann man jetzt vergessen. Von Vorteil wäre auch mit den Kurden im Norden Syriens das Gespräch zu suchen. Eine Annäherung dort würde zumindest den Kampf gegen den IS vereinfachen. Aber das ist reine Theorie, denn im Moment ist die türkische Führung der Meinung, voll auf Härte gegen die PKK setzen zu müssen. Von einer Verständigung, Annäherung oder Verhandlungen ist überhaupt keine Rede.

Es scheint, der gestrige Anschlag zementiert das Bild der Türkei als Land, das immer unsicherer wird. Trotzdem will die EU die Türkei zu einem sicheren Herkunftsland deklarieren, um ihr Flüchtlingsproblem zu lösen. Ist der Plan der EU angesichts der neuesten Ereignisse nicht komplett widersinnig?

Viele Politiker sagen, man könne keine Flüchtlinge in ein Land zurückschicken, wo in gewissen Teilen mehr oder weniger ein Bürgerkrieg tobt, wo die Armee gegen Teile der Bevölkerung vorgeht und ständig Anschläge passieren. Die Türkei und europäische Politiker wenden dagegen ein, dass sich die Gewalt relativ leicht örtlich und subjektmässig begrenzen lässt. Viele dieser Anschläge richten sich ja gegen die Sicherheitskräfte. Das heisst, das Gegenargument würde lauten, dass die Türkei sehr wohl ein sicheres Herkunftsland ist, wenn man sich von bestimmten Regionen wie dem kurdischen Südosten fernhält. Insofern wird diese Diskussion in Europa weitergehen. Aber ich denke, wenn der politische Wille der beteiligten Staaten, die Leute zurückzuschicken vorhanden ist, dann ist die Definition der Lage in der Türkei selbst am Ende Geschmacksache.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.