Krieg in Syrien Die unsichtbaren Kriegsschäden sind die schlimmsten

Das Wichtigste in Kürze

  • Zerbombte Strassen, zerstörte Häuser – Bilder aus syrischen Städten wie Aleppo zeugen von den verheerenden Folgen des Bürgerkriegs.
  • Doch eine neue Studie der Weltbank zeigt, die unsichtbaren Kriegsschäden sind in Syrien weit schlimmer als die sichtbaren.
  • Das sei häufig so nach grossen Kriegen, sagt der in London lehrende deutsche Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl.

Mit akribischer Genauigkeit listet die Weltbank-Studie die Schäden in einzelnen syrischen Städten auf:

  • Aleppo – 23,3 Prozent der Häuser beschädigt, 7,5 Prozent zerstört.
  • Homs – 17,3 Prozent der Häuser beschädigt, 5,8 Prozent zerstört.

Insgesamt seien im Durchschnitt ein Drittel aller Wohnhäuser und die Hälfte der Schulen und Spitaler mehr oder weniger in Schutt und Asche gelegt – durch Luftangriffe und Artilleriebeschuss.

Die Forscher der Weltbank stützen sich bei ihrer nüchternen Analyse vor allem auf Satellitenbilder. Sie haben aber auch Regierungsangaben und Medienberichte kritisch geprüft und berücksichtigt.

Was auffällt: Verglichen mit den Bildern zerbombter Siedlungen in den Medien erscheinen diese Zahlen eher niedrig. Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics, findet sie jedoch plausibel. «Ich halte sie für glaubwürdig – und für niedriger als ich dachte.»

«  Dreht man die Kamera um 180 Grad, schaut es ganz anders aus. »

Albrecht Ritschl
Wirtschaftshistoriker London School of Economics

Die Bilder von Krieg und Zerstörung könnten täuschen, sagt der Wirtschaftshistoriker – nicht nur im Fall Syrien. «Es kommt immer darauf an, wo man die Fernsehkamera hinrichtet. Wenn man sie ausrüstet auf zerstörte Strassen, denkt man, das ganze Land sehe so aus. Dreht man sich um 180 Grad, schaut es ganz anders aus.»

Dieses Problem kennt auch die Weltbank. Darum hat sie keinen Aufwand gescheut, um möglichst verlässliche Daten zu gewinnen zu den Kriegsfolgen. Wichtig dabei: Die Weltbank selbst bezeichnet die Schäden an Häusern, Strassen, Flughäfen, an der Strom- und Wasserversorgung und an der sonstigen physischen Infrastruktur als «Spitze des Eisbergs».

Viel bedeutender seien die Auswirkungen von sechs Jahren Bürgerkrieg auf die Bevölkerung. Rund eine halbe Million Menschen sind getötet worden im Krieg. Mehrere Millionen leben auf der Flucht. Diese humanitäre Krise sei – auch wirtschaftlich – das weit grössere Problem.

Nicht die Sachschäden sind entscheidend

Dem Wirtschaftshistoriker Ritschl kommt diese Erkenntnis vertraut vor. «Das Entscheidende ist wohl nicht der Blick auf die Schäden am Sachkapital», sagt er. «Die Einbrüche der Produktivität, die Massenflucht der Bewohner – das alles ist möglicherweise kurzfristig wichtiger als die Frage, wie gross die Zerstörung städtischen Wohnraums ist.»

Wie sollen angesichts der prekären Lebensbedingungen in Syrien die Landwirtschaft, die Öl- und Gasförderung oder die Industrie funktionieren? Die Investitionen in Syrien sind versiegt, die Handelsbeziehungen weitgehend unterbrochen.

Die Folgen: eine Arbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent, Armut und Verschuldung. Selbst nach einem Ende des Konflikts würden die wirtschaftlichen Aussichten auf lange Zeit düster bleiben, schreiben die Weltbank-Ökonomen.

Historiker Albrecht Ritschl sagt, aus der Geschichte sei bekannt, dass die Finanzierung des Wiederaufbaus meist nur ein untergeordnetes Problem sei – im Verhältnis zur Gesamtaufgabe. Er verweist auf Deutschland nach 1945: Damals lancierte die US-Regierung ein milliardenschweres Hilfsprogramm, den sogenannten Marshall-Plan. «Uns wird immer erzählt, der Marshall-Plan sei ein massives amerikanisches Hilfsprogramm gewesen», so Ritschl. «Wenn wir uns aber die Zahlen anschauen, waren die Hilfeleistungen gemessen an der Grösse der Aufgabe klein.»

«  Die Marshall-Planer haben gewusst, dass es ein Fehler wäre, nur Geld nach Europa zu pumpen. »

Albrecht Ritschl
Wirtschaftshistoriker London School of Economics

Die weitaus grössere Leistung sei es gewesen, wieder rechtsstaatliche Strukturen zu errichten nach dem Kollaps des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. «Die Marshall-Planer haben bereits gewusst, dass es ein Fehler wäre, einfach nur Geld nach Europa zu pumpen. Sie versuchten stattdessen, Aufbauhilfe zu leisten – vor allem institutioneller Art.» Das hiess in der Praxis, aus ehemaligen Nazis biedere Verwaltungsmitarbeiter zu machen.

Aus solchen historischen Erfahrungen politische Empfehlungen abzuleiten, sei unzulässig, sagt Ritschl. Er warnt aber davor, in Syrien Fehler zu wiederholen, die sich durch einen Blick in die Geschichtsbücher vielleicht vermeiden liessen. Solche Fehler hätten die USA etwa nach dem Krieg im Irak gemacht. «Man hat den Eindruck, dass die Amerikaner dort in ihrem Demokratisierungseifer funktionierende Strukturen zerstört haben.»

Ein Dilemma

In diesem Punkt sieht der Historiker die internationale Gemeinschaft vor einem Dilemma. «Wir stehen hier vor ausgesprochen unappetitlichen Güterabwägungen. Aus heutiger Sicht durften im Nachkriegsdeutschland viele Menschen ein bürgerliches Leben führen, die sich für Verbrechen oder auch nur ihre Schreibtischtäterschaft verantworten mussten. Das ist natürlich stossend – und moralisch sehr, sehr schwierig.»

Und angesichts solcher Herausforderungen könnte es sein, dass dereinst der rein physische Wiederaufbau der syrischen Infrastruktur gar kein so riesiges Problem darstellen wird.