Die USA haben ein Trinkwasser-Problem

Der aktuelle Trinkwasser-Skandal in der amerikanischen Stadt Flint ist kein Einzelfall. Auch in anderen US-Ortschaften ist das Wasser mit Blei oder anderen Schadstoffen verseucht. Es sind dies die Folgen veralteter Infrastruktur und lascher Kontrollen.

Drei Männer in Tarnuniformen und orangen Westen verteilen an einer Strasse Trinkwasser an Autofahrer.

Bildlegende: Angehörige der Nationalgarde verteilen Trinkwasser in Flint/Michigan – denn Hahnenwasser macht krank. Imago

Plötzlich halten die Politiker in Washington grosse Reden: «Wir sind doch die Vereinigten Staaten von Amerika, kein Drittweltland», entsetzt sich etwa der republikanische Kongressabgeordnete Jason Chaffetz aus Utah. «Das ist nicht nur eine nationale Tragödie, das ist eine nationale Peinlichkeit», doppelt die Demokratin Brenda Lawrence aus Michigan nach.

Bleiwasser aus dem Hahn

Grund für die Aufregung ist der Trinkwasser-Skandal in der Kleinstadt Flint im Bundesstaat Michigan. Monatelang floss verschmutztes, bleihaltiges Wasser aus den Hähnen. Die Behörden handelten erst, als es nichts mehr zu beschwichtigen und zu bestreiten gab.

Das stark ätzende Wasser aus dem Flint-Fluss, das die Stadt aus Spargründen seit April 2014 in ihr Trinkwasser gespeist hatte, griff die Leitungen an und setzte so hochgiftiges Blei frei. Bei vielen Kindern wurden überhöhte Bleiwerte im Blut festgestellt. Die Langzeitfolgen sind noch nicht abschätzbar.

Knausrige Politiker

Die Bestürzung im US-Kongress erstaunt, denn die Qualität des Trinkwassers ist hier selten ein Thema. In der Vergangenheit standen die Politiker auf der Bremse, wenn es darum ging, strengere Trinkwassernormen zu erlassen oder Geld in die Wasserinfrastruktur zu investieren. Nicht einmal die 200 Millionen Dollar, die US-Präsident Barack Obama Flint als Sofortmassnahme zur Verfügung stellen will, sind derzeit abgesegnet.

Dabei ist Flint kein Einzelfall. Auch in Greenville/North Carolina, Jackson/Mississippi und selbst in Washington D.C. waren Quartiere betroffen. Und es nimmt kein Ende: Erst Anfang Woche wurde bekannt, dass die Ortschaft Sebring in Ohio ebenfalls ein Blei-Problem hat.

Bleiröhren sind das Problem

Zwar hat der US-Kongress schon vor 30 Jahren bleihaltige Wasserröhren verboten. Aber noch immer liegen bis zu 10 Millionen Stück dieser Röhren im Boden. Es sind Zeitbomben: Wenn sich die Zusammensetzung des Wassers, das durch diese Leitungen fliesst, verändert, oder wenn es nicht richtig behandelt wird, kann das Blei – wie in Flint – ins Trinkwasser gelangen.

Die US-Umweltbehörde EPA schätzt, dass es bis zu 50 Milliarden Dollar kosten würde, alle alten Leitungen im Land zu ersetzen. Doch das Geld dafür ist nicht vorhanden. Kommt dazu, dass in den USA die Wasserkontrollen äussert lasch sind: Die Schadstoffgrenzen sind hoch angesetzt, zwischen einzelnen Tests gibt es lange Intervalle und Behörden halten ihre Befunde unter dem Deckel. Auch schreibt die EPA lediglich die Überprüfung einer beschränkten Menge von Schadstoffen vor; Wissenschaftler fordern jedoch, den Kreis der Schadstoffe zu erweitern. Bis jetzt ist nichts geschehen.

Wann gibt es wieder Trinkwasser?

Flint ist kein Einzelfall und wohl auch nicht der letzte Fall. «Aber Flint ist ein besonders krasser Fall», sagt Professor Laura Sullivan von der Kettering Universität gegenüber dem Radiosender NPR. Sie habe noch nie so stark beschädigte Leitungen gesehen.

Die Stadtverwaltung hat zudem keine Ahnung, welche Leitungen Blei enthalten, denn die vorhandenen Daten stammen aus den 1980er-Jahren und sind nicht komplett. Derzeit weiss niemand, wann die Bevölkerung wieder Trinkwasser im Haus haben wird. Dazu müssen zuerst alle Wasserleitungen ersetzt werden. Und das wird Jahre dauern.