«Die USA und die Türkei könnten auseinanderdriften»

US-Vizepräsident Joe Biden reist heute in die Türkei. Es dürfte eine schwierige Reise werden. Jahrzehntelang war die Türkei ein enger Verbündeter der USA. Doch nun ist das Verhältnis äusserst angespannt. Ein Experte glaubt, dass dies mittelfristig so bleibt.

Biden und Erdogan bei einem früheren Treffen in Istanbul

Bildlegende: US-Vizepräsident Joe Biden und Präsident Erdogan bei einem Treffen im November 2014 in Istanbul. Reuters

Spätestens seit dem Putschversuch in der Türkei Mitte Juli ist das Verhältnis zwischen der Türkei und den USA kompliziert. Die Türkei verlangt nämlich vehement, dass die USA den Islamprediger Fethullah Gülen ausliefern, der in den USA im Exil lebt. Ihn vermuten sie als Hauptverantwortlichen hinter dem Putschversuch. Die USA haben sich bis anhin geweigert, Gülen auszuliefern.

SRF News: Gibt es vor dem Biden-Besuch Anzeichen, wonach die USA im Fall Gülen einlenken könnten?

Thomas Seibert: Die amerikanische Regierung hat zwar Experten nach Ankara geschickt, um mit den Türken über die technischen Aspekte dieser Auslieferung zu sprechen. Aber die amerikanische Regierung betont auch immer wieder, dass die Entscheidung über eine Auslieferung von Gülen nicht bei ihr selbst liege, sondern bei den amerikanischen Gerichten. Alles, was die Türken bisher gegen Gülen vorgelegt haben, reicht wohl nicht aus, um vor amerikanischen Gerichten standzuhalten.

Die USA haben das Vorgehen der Türkei nach dem Putschversuch kritisiert. Wird Biden bei dem Treffen auf den Tisch klopfen oder eher versöhnlich auftreten und versuchen zu kitten?

Biden ist ein sehr erfahrener Politiker, der mit solchen Situationen umgehen kann. Er wird deutlich ansprechen, dass die Amerikaner sehr besorgt sind, was die Massenverhaftungen und die von Gegnern der türkischen Regierung als Hexenjagd bezeichneten Kampagne angeht. Er wird aber auch vorsichtig genug sein, um die Türken nicht noch mehr zu ärgern. Denn die USA brauchen die Türkei – zumindest im Moment – im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gleich nebenan in Syrien.

«  Die USA brauchen die Türkei im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. »

Hören Sie hier das Gespräch mit Thomas Seibert

2:59 min, aus SRF 4 News aktuell vom 24.08.2016

Und doch gibt es in den USA regierungsnahe Stimmen, die sagen, man müsse im Kampf gegen den IS auf anderen Verbündeten als die Türkei setzen. Die Türkei werde zu unberechenbar. Ist das realistisch?

Es ist mittelfristig auf jeden Fall realistisch, auch wenn die amerikanische Regierung im Moment von einer solchen Neuorientierung – offiziell jedenfalls – nichts wissen will. Aber mittelfristig muss man aus amerikanischer Sicht sagen, dass die Türkei allmählich sehr unberechenbar wird, weil eben alles in Ankara auf die Person Erdogan zugeschnitten ist, auf seine Meinungen und Launen. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

Werden die USA und die Türkei trotz der grossen Spannungen weiterhin versuchen, zusammenzuarbeiten?

Im Moment werden beide versuchen, bei dieser Partnerschaft zu bleiben. Aber was die nächsten Jahre angeht, bin ich doch sehr skeptisch. Ich glaube, da wird sich einiges verändern. Die USA und die Türkei könnten auseinanderdriften.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.