Die vergessene Hölle Afghanistans

Hunderttausende von Flüchtlingen suchten in den letzten Monaten Schutz in Europa. Die grösste Gruppe kommt aus Syrien, die zweitgrösste aus Afghanistan. Viele Afghanen sehen im eigenen Land keine Zukunft mehr für sich und ihre Kinder.

Junge und andere Menschen betteln um Maiskolben.

Bildlegende: In Afghanistan sind Hunger und Gewalt an der Tagesordnung. Keystone

Die Botschaft ist einfach: «Geht nicht weg. Bleibt hier. Sonst kommt ihr vielleicht an einen Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt.» Doch die Warnung des afghanischen Ministeriums für Flüchtlinge und Rückführungen, verbreitet über Twitter und Facebook, geht seit Wochen ins Leere. An vielen Afghanen prallt die Botschaft ab.

Seit dem Abzug der meisten Nato-Truppen im vergangenen Jahr hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan dramatisch verschlechtert. Viele flüchten deshalb, wie ein junger Mann aus der Provinz Nangarhar. Dort, an der Grenze zu Pakistan, gab es in den vergangenen Monaten heftige Machtkämpfe zwischen den Taliban und Vertretern der Terrorgruppe Islamischer Staat.

«Jahrelang haben wir unter den Taliban gelitten, jetzt bereiten uns die Kämpfer des Islamischen Staats Kopfschmerzen. Deshalb legen viele Familien Geld zusammen, damit sie wenigstens für ein Familienmitglied die Schmuggler bezahlen können. Vor allem für Leute wie mich, die mit den amerikanischen Truppen gearbeitet haben, ist es extrem gefährlich, im Land zu bleiben. »

«  Jahrelang haben wir unter den Taliban gelitten, jetzt bereiten uns die Kämpfer des Islamischen Staats Kopfschmerzen »

Afghanischer Flüchtling

Flüchtlinge im eigenen Land

Eine Million Menschen sind laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) zurzeit innerhalb Afghanistans auf der Flucht. Vertrieben wegen Kämpfen, auf der Suche nach Schutz und Arbeit. Wer genügend Geld hat, versucht das Land zu verlassen.

Die schlechte Wirtschaftslage und die Gewalt im Land hätten in diesem Sommer dazu geführt, dass mehr als 100'000 Afghaninnen und Afghanen ihr Land Richtung Europa verlassen hätten, erklärt Babar Baloch, der Sprecher des UNHCR für Zentraleuropa. «Viele sind seit Jahren auf der Flucht. Im Bürgerkrieg und zur Zeit der Taliban-Herrschaft Ende der 90er-Jahre flohen sie nach Pakistan oder in den Iran. Als die Taliban 2001 vertrieben wurden, kehrten Millionen zurück nach Afghanistan. Damals hatten sie grosse Hoffnungen. Aber heute sieht die Situation düster aus. Viele Gebiete sind unsicher, die politische Lage ist kompliziert.»

«  Wer bereits so viel durchgemacht hat, nimmt das Risiko der Überfahrt auf sich, weil in Europa Sicherheit wartet. »

Babar Baloch
Sprecher UNHCR

Rettung in Europa?

Mindestens 2500 Franken pro Person, meist aber mehr, zahlen Familien an Schmuggler. Die Reise dauert eineinhalb bis drei Monate und führt durch den Iran und die Türkei nach Europa.

Die Menschen verkaufen alles, um die Reise zu finanzieren. Doch manchmal reiche selbst das nicht, sagt Baloch. In Ungarn traf er einzelne Kinder und Jugendliche, die sich zu Gruppen zusammen getan hatten. «Ihre Familien hatten kein Geld, um der ganzen Familie die Überfahrt zu zahlen. Sie versuchten, mindestens ein Kind vor der Gewalt zu retten und schickten es alleine los.»

Andere werden auf der Überfahrt zu Waisen - wie jener sechsjährige Junge, den UNHCR-Mitarbeiter Baloch getroffen hatte. Seine Eltern waren im Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken. Er versuche jetzt in Deutschland seinen Onkel zu finden.

Lebensgeschichten, die von Horror, Trauma und Verlusten erzählten, sagt Baloch. Und fügt hinzu: «Wer bereits so viel durchgemacht hat wie viele Afghanen, der nimmt das Risiko der Überfahrt auf sich, weil in Europa Sicherheit wartet.»

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