Krieg im Jemen «Die Welt schlafwandelt in die nächste Tragödie»

Hunger, Cholera, Bomben auf Zivilisten: IKRK-Präsident Peter Maurer war im Jemen – und zeigt sich tief erschüttert.

Die Bilanz nach 27 Monaten Krieg im Jemen: Mehr als 10'000 Tote. Hunderttausende, die im Angesicht von Hunger und Cholera um das nackte Überleben kämpfen. 3,3 Millionen Menschen, die akut unterernährt sind. Weitere 14 Millionen haben kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und das alles in einem Land, dessen zivile Infrastruktur weitgehend kollabiert ist.

«Tief bewegt von dem, was ich im Jemen gesehen habe»

Peter Maurer hat diese Woche den Jemen bereist, um auf die humanitäre Katastrophe aufmerksam zu machen und mit den Kriegsparteien zu verhandeln. Seine Reise führte den Präsidenten Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) von Aden über Taizz in die Hauptstadt Sanaa. In einer Stellungnahme zeigte sich Maurer tief erschüttert über das Schicksal der Bevölkerung:

«  Das unnötige Leid lässt einen verzweifeln. Die Welt schlafwandelt in die nächste Tragödie. »

Die humanitäre Katastrophe sei menschengemacht, so Maurer – und absolut vermeidbar: «Menschen sterben an chronischen Krankheiten, die sich leicht behandeln liessen.» Auch die Cholera-Epidemie, die tausende Menschen in einen qualvollen Tod zu treiben droht, wäre mit einer halbwegs intakten Gesundheitsversorgung zu kontrollieren gewesen.

Krieg und kein Ende in Sicht

Im Jemen kämpfen seit 2015 die schiitischen Huthi-Rebellen gegen die Truppen von Präsident Abd-Rabbu Mansour Hadi. Sanaa und grosse Teile des Landes werden von den Rebellen kontrolliert. Eine internationale Koalition unter der Führung des sunnitischen Saudi-Arabiens versucht, die Aufständischen zu vertreiben.(sda)

Jemeniten seien widerstandsfähige Menschen, so Maurer: «Aber wie viel mehr können sie ertragen?» Das Beispiel Syrien zeige, wie aus zwei Jahren Krieg sechs, ja zehn Jahre werden könnten. «Das Schicksal des Jemen kann ein anderes sein, aber ich sehe wenig Zeichen der Hoffnung».

«  Die Cholera-Epidemie trifft auf eine geschwächte Bevölkerung und ein funktionsuntüchtiges Gesundheitssystem.  »

All das klingt beinahe resignierend, doch im Gespräch mit SRF News stellt Maurer klar: «Wir können etwas im Jemen bewirken.» Seine Reise führte Maurer auch in die lange belagerte Stadt Taizz, die nur schwer erreichbar ist. Ein Video zeigt, unter welch unwürdigen Zuständen die Menschen in der Grossstadt leben:

«Geschockt von den Bergen übelriechenden Abfalls»

«In allen urbanen Zentren sieht man die Zeugnisse des Krieges», sagt Maurer. Besondere Sorgen bereitet dem langjährigen Schweizer Diplomaten die Cholera-Epidemie im Land. Die Seuche, die bislang über 1800 Menschenleben forderte, sei in ihrem Ausmass beispiellos. Nach neusten Prognosen dürften sich bis Ende Jahr 600'000 Menschen mit der Durchfallerkrankung anstecken.

Für Maurer ist die Epidemie die logische Folge eines unheilvollen Kreislaufs: Verschmutztes Wasser, Abfallberge, zerbombte Spitäler – diese «direkten und indirekten Folgen des Krieges» seien ein beschleunigender Faktor für die Ausbreitung der Krankheit. Zumal mehr als drei Millionen Menschen intern vertrieben wurden und den Erreger in andere Regionen des Landes transportierten.

Die Grenzen der humanitären Hilfe

Dass sich ein solcher Kreislauf überhaupt in Gang setzen konnte, ist der rücksichtslosen Kriegführung der verfeindeten Parteien geschuldet: «Wenn sie sich nicht an humanitäres Völkerrecht halten, zivile Infrastrukturen wie Spitäler und auch die Zivilbevölkerung direkt angreifen – dann führt das zur Ausbreitung von Epidemien.»

Entsprechend warb Maurer bei den politisch Verantwortlichen für eine «fundamentale Änderung der Kriegführung»: «Wir können nicht einfach immer mehr humanitäre Hilfe leisten, wenn sie gleichzeitig nicht bereit sind, ihr Verhalten zu ändern.» Maurer glaubt, dass auf beiden Seiten eine «gewisse Sensitivität» dafür gewachsen sei, dass die Kosten für die Bevölkerung schlicht zu hoch seien.

Angesichts des menschlichen Elendes im Jemen erstaunt, wie wenig der Konflikt ausserhalb der Region wahrgenommen wird. Die Hilfsgelder der Weltgemeinschaft fliessen nur zögerlich, andere Krisenherde dominieren die Schlagzeilen. Sind wir alle kaltherziger geworden? «In vielen Bevölkerungskreisen besteht ein Überdruss, mit immer neuen Krisen konfrontiert zu werden. Es besteht eine gewisse Resignation», sagt Maurer.

Die Aufgabe der humanitären Organisationen sei es zu beweisen, dass Hilfe möglich sei – und damit der Resignation entgegenzutreten: «Mein Besuch im Jemen hat gezeigt, dass wir den Menschen durch unsere Arbeit Hoffnung geben können.» Ohne Hilfe vor Ort sei es schwierig, die Bevölkerung zu versöhnen und einen glaubhaften Friedensprozess einzuleiten.

Peter Maurer

Peter Maurer

Der Schweizer Diplomat war von 2004 bis 2010 Chef der Ständigen Mission der Schweiz bei der UNO. Danach war er Staatssekretär im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten. Seit dem 1. Juli 2012 ist Maurer Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.