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International «Die Weltgemeinschaft wird in Somalia intervenieren müssen»

Der Plan zur Schliessung des weltgrössten Flüchtlingslagers in Kenia wirft Wellen. Über 300'000 Somalier müssten demnach weg. Kenia sei am Limit, sagt Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH).

Habiba Hassan, 52, wohnt im Flüchtlingslager Dadaab.
Legende: Längst sind die Somalier im Camp sesshaft geworden. Reuters

SRF News: Kommt für Sie die Meldung überraschend, dass Kenia das Lager schliessen will?

Stefan Frey: Nein, das Problem des Terrorismus ist seit längerem bekannt. Nach dem Terroranschlag mit 150 toten Studenten vor einer Woche sah sich die Regierung zum Handeln gezwungen, wohl um der eigenen Bevölkerung das Gefühl zu geben, etwas gegen die Terroranschläge zu unternehmen. Allerdings sieht es nach einer Überreaktion auf ein Problem aus, das auf dem Rücken der schutzbedürftigen Somalier ausgetragen wird.

Die Terroristen sollen im Camp einen Rückzugsort haben. Ist da die Reaktion Kenias nicht verständlich?

Kenia würde wohl besser ein individuelles Asylverfahren realisieren. Ein Verfahren, in dem die möglichen Terrorverbindungen im Einzelfall zum Ausschluss vom Schutz führen könnten.

Wie sind die Zustände im Lager?

Das kann ich nicht aus eigener Erfahrung beschreiben. Sicher ist, dass die Hilfsorganisationen am Limit sind. Über 300‘000 Menschen müssen da versorgt werden, das entspricht einer Schweizer Grossstadt. Einer Stadt mit Menschen, die keine Perspektiven haben. Das UNHCR hat sich auch schon darüber beklagt, seine Mitarbeiter könnten die Arbeit aus Sicherheitsgründen nicht richtig machen.

Die jetzt angedrohte Massnahme stellt die Angehörigen eines ganzen Staats unter Generalverdacht.
Autor: Stefan FreyMediensprecher Schweizerische Flüchtlingshilfe

Armut, Perspektivlosigkeit – das sind die klassischen Brutstätten des Terrorismus.

Ein Flüchtlingslager per se ist nicht schlecht, aber bei dieser riesigen Ansammlung von Menschen ist Kenia am Limit. Die Androhung zur Schliessung kann auch als eine Art Hilferuf an die internationale Gemeinschaft angesehen werden. Das Flüchtlingslager Dadaab besteht vor allem auch deshalb, weil dadurch die Flüchtlinge von der Migration nach Nairobi und in andere urbane Zentren abgehalten werden sollen. Die jetzt angedrohte Massnahme stellt die Angehörigen eines ganzen Staats unter Generalverdacht, was aus menschenrechtlicher Sicht sehr bedenklich ist. Ausserdem wäre es völkerrechtswidrig, weil Kenia potentiell das Refoulement-Verbot verletzt. Dieses verbietet einem Staat, einen Flüchtling in ein Land zurückzuschicken, in dem sein Leben gefährdet sein könnte.

Was müsste geschehen?

Die Probleme liegen in Somalia, einem Staat der seit Jahren auseinandergebrochen ist. Es stellt sich die Frage, ob nicht die internationale Gemeinschaft in Somalia selber eingreifen müsste, anstatt sich nur auf die – ungenügende – Unterstützung der Flüchtlingslager zu konzentrieren. Die internationale Gemeinschaft kommt kaum drum herum, sich auf längere Zeit auf eine Intervention und auf den Wiederaufbau Somalias einzustellen.

Legende: Video Eindrücke aus dem Flüchtlingslager (unkommentiert) abspielen. Laufzeit 0:28 Minuten.
Vom 12.04.2015.

SRF 4 News, 11.04.2015, 18 Uhr

Zur Person

Zur Person

Stefan Frey ist Mediensprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH). Er war schon mit einem eigenen Entwicklungsprojekt in Afrika tätig.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Organisation of African Unity, schlicht OAU ist eigentlich jetzt in der Pflicht.. hoffe fuer diese Menschen in den Lagern, dass eine Loesung gefunden wird und appeliere an den "Westen" diese Organisation, die OAU, zu forcieren, etwas zu unternehmen
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  • Kommentar von Hans Hartmann, Rep. Dominicana
    Frage: ¿ Warum stellt man unserem Militaerminister nicht endlich einmal 3 Hercules (frachtflugzeuge) zur Verfuegung ? Wir waeren die ersten vor Ort und koennten das schlimmste verhindern.
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    1. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @H. Hartmann: Wir haben keine 3 Hercules Transporter! Dürfte Ihnen vielleicht nicht bekannt sein, aber die Schweiz besitzt lediglich Helikopter.
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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Es wird für die Flüchtlinge eine harte Zeit werden. Aber nach der Auflösung werden sie vielleicht eine Zukunft haben. Besser als in den Lagern der Willkür westlicher Imperien ausgesetzt zu sein. Die USA und ihre Pudel ziehen in Afrika Söldnerheere, getarnt als Eingreiftruppen auf. Hauptgründe sind wieder einmal ihre Wirtschaftinteressen. Gewisse Nationen sollten in sich gehen und über ihre Schuld nachdenken. Überall, wo sie in den letzten Jahrzehnten einfielen, blieb Leid und Chaos zurück.
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    1. Antwort von Christa Wüstner, Reinach
      @Herr Szabo : Aber was sollen sie nach einer Auflösung machen? .? Das ist leichter gesagt. Sie können nicht zurück und Kenia will sie auch nicht behalten. Es sind 300 000 Menschen. Das geht nur mit Internat. Hilfe. Und die Terroristen sind noch im Hintergrund. Eine fast unlösbare Aufgabe. Schutz des Lagers durch eine internationale Truppe und Versorgung, Das wäre vielleicht eine Lösung.
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    2. Antwort von C. Szabo, Thal
      @C. Wüstner: Es mag hart klingen. Die Auflösung sollte "human" unter Kontrolle der Afrik. Union & (UNO) erfolgen, aber "möglichst" innerhalb des Kontinents. Wenn sich NATO-Staaten einmischen, werden sie eine Gegenleistung einfordern, die zu Lasten der Bevölkerung geht. Die Afrikaner sollten das für ihr Selbstbewusstsein durch Einigkeit selbst schaffen. Das würde Ihnen nachhaltigen Respekt in der Welt einbringen. Die USA wurde in Somalia gedemütigt. Sie brauchen einen Vorwand für Operationen.
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