Die wichtigsten Fragen und Antworten zum EZB-Entscheid

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft Staatsanleihen im grossen Stil. Eine Entscheidung mit Folgen – auch für die Schweiz. SRF-Wirtschaftsredaktor Manuel Rentsch sondiert Chancen und Risiken des Vorgehens.

Mario Draghi bei einer Medienkonferenz im Dezember 2014

Bildlegende: Mario Draghi, der Präsident der EZB, stellt heute die Pläne zur Stärkung des Euro-Raums vor. Reuters

SRF News: Die EZB will Staatsanleihen kaufen – was heisst das ganz konkret?

Manuel Rentsch: Das heisst, dass die Europäische Zentralbank hier Neuland betritt. Sie macht also etwas, das sie bisher noch nie gemacht hat. Es ist für Europa sozusagen ein neues Experiment, nachdem die Amerikaner dies nun bereits vorgemacht haben. Gemäss aktuellen Spekulationen will die EZB pro Monat Staatsanleihen von Euro-Ländern zu einem Wert von 50 Milliarden Euro kaufen, somit käme man bereits nach einem Jahr auf eine Summe von 600 Milliarden Euro.

Bleiben wir kurz bei der Staatsanleihe – welche Funktion hat sie?

Eine Staatsanleihe ist eigentlich nichts anderes als ein Kredit eines Landes. Wenn ein Land Geld braucht, zum Beispiel eine Milliarde, dann beschafft sich dieses Land das Geld auf dem internationalen Kapitalmarkt, bei Investoren wie Banken, Pensionskassen und so weiter. Für diese Anleihen zahlt der Staat einen Zins. Wenn es nun dem Staat gelingt, einfach Investoren anzulocken, dann muss er auch weniger Zinsen bezahlen.

«  Vor allem Deutschland wehrt sich gegen diese Käufe von Staatsanleihen, denn dies ist durchaus auch mit Risiken verbunden. »

Im Moment sind die Zinsen dieser Staatsanleihen so tief wie noch nie. Italien und Spanien bezahlen derzeit für einen Kredit mit einer Laufzeit von zehn Jahren weniger als zwei Prozent. Das ist unglaublich wenig. Das hat mit der Geldpolitik der EZB zu tun, die viel Geld in den Umlauf gebracht hat. Sie will nun selber Staatsanleihen kaufen, das heisst es ist für die europäischen Staaten derzeit einfach, an neues Geld zu kommen. Deshalb müssen die Länder derzeit auch so wenig Zinsen bezahlen wie nie zuvor.

Und nun will die EZB also beispielsweise auch Staatsanleihen von Griechenland kaufen. Obschon das Land nachweislich klamm ist und es deshalb unsicher ist, ob Griechenland seine Schulden jemals bezahlen wird…

Das ist tatsächlich die grosse Frage. Wie ist es möglich, dass Staaten wie Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich und auch Deutschland, so hohe Schulden haben und trotzdem so wenig Zinsen bezahlen wie noch nie. Das kann langfristig nicht aufgehen. Vor allem Deutschland wehrt sich gegen diese Käufe von Staatsanleihen, denn dies ist durchaus auch mit Risiken verbunden.

Die EZB erhofft sich mit dem Kauf von Staatsanleihen, dass damit die Wirtschaft in Europa – vor allem in den Krisen-Ländern wieder in Schwung kommt. Wie hängt das nun mit den Staatsanleihen zusammen? Wie sollte das funktionieren?

Es gibt zwei Effekte. Erstens: Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, dann muss sie diese bezahlen. Und dies macht sie mit Geld, das in den Umlauf kommt. Die EZB hofft, mit diesen zusätzlichen Milliarden die Wirtschaft anzukurbeln, dass dieses zusätzliche Geld letztlich den Firmen zur Verfügung steht. Der zweite Effekt, den haben wir bereits angesprochen: Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, dann hält dies auch die Zinsen tief, und dies entlastet vor allem auch die Staaten, die hohe Schulden haben. Italien hat beispielsweise Schulden von etwa 1800 Milliarden Euro. Da macht natürlich jedes Prozent, das Italien mehr oder weniger an Zinsen bezahlt, sehr viel aus.

«  Das Problem ist, dass die Interessen gegensätzlich sind. Die EZB will die europäische Wirtschaft ankurbeln und schwächt letztlich den Euro. Die Schweizerische Nationalbank hingegen will den Euro stärken. »

Noch offen ist für wie viele Milliarden Euro die EZB Staatsanleihen kaufen will. Kann sie sich das überhaupt leisten?

Ja, die EZB kann theoretisch beliebig viele Staatsanleihen kaufen. Die Amerikaner haben das auch gemacht. Sie haben pro Monat Staatsanleihen für 80 Milliarden Dollar gekauft und dies auch über einen längeren Zeithorizont. Allerdings nimmt somit auch das Risiko zu, denn diese Staatsanleihen sind dann in den Büchern der entsprechenden Zentralbanken. Und wenn ein Land bankrott gehen sollte, dann müssten dann eben auch die entsprechenden Staaten die Risiken tragen.

Zum Schluss: Dieser Entscheid der EZB hatte ja bereits Auswirkungen auf die Schweiz. Die Nationalbank hat vor einer Woche den Mindestkurs aufgehoben – in Erwartung dieses Entscheids. Was sind weitere mögliche Folgen für die Schweiz?

Das Problem ist, dass die Interessen gegensätzlich sind. Die EZB will die europäische Wirtschaft ankurbeln und schwächt letztlich den Euro. Die Schweizerische Nationalbank hingegen will den Euro stärken. Nun ist es so, dass die EZB natürlich viel grösser ist. Solange die EZB weiterhin Geld in den Umlauf bringt, muss die Schweizerische Nationalbank die Zinsen weiterhin tief halten, der Leitzins ist derzeit bei minus 0,75 Prozent. Wenn die Nationalbank den Zins nicht so tief halten würde, dann würde sich der Euro aufwerten. Man sieht also, es hängt alles zusammen, deshalb ist der Entscheid der EZB heute so wichtig.

Das Gespräch führte Tina Herren.