Zum Inhalt springen

Die Wirtschaft in Europa «Die EU-Finanzkrise ist alles andere als vorbei»

In den krisengebeutelten Ländern wie Spanien, Italien, Portugal oder Griechenland stehen die Zeichen wieder auf Wirtschaftswachstum. Doch der Schein trüge, warnt ein Wirtschaftsprofessor.

Legende: Audio Ist die Finanzkrise wirklich überstanden? abspielen.
3:21 min, aus Trend vom 21.10.2017.

Wenn man die jüngsten Nachrichten aus dem europäischen Wirtschaftraum betrachtet, bekommt man leicht den Eindruck: Die Finanzkrise ist überstanden. Verschiedene Konjunkturzahlen belegen, dass in den krisengebeutelten Ländern wie Spanien, Italien, Portugal oder Griechenland die Zeichen wieder auf Wachstum stehen.

«Südeuropa ist in einer Depression»

Die grossen Volkswirtschaften haben sich aufgerappelt und wachsen wieder, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, Unternehmen investieren und die Stimmung an den Börsen ist gut.

Doch Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann traut der Stimmung nicht: Er ist überzeugt, die positiven Konjunkturdaten seien trügerisch, die Finanzkrise alles andere als vorbei. Im Gegenteil: Sie werde Europa noch lange beschäftigen.

«Südeuropa ist meiner Meinung nach in einer Depression, zwar nicht in einer so grossen wie in den 30er-Jahren, aber aus meiner Sicht werden die Länder nicht mehr in absehbarer Zeit zu einem richtigen Wachstum zurückfinden», sagt Straumann.

Gegen den Strom

Mit dieser düsteren Meinung schwimmt der Zürcher Professor in seiner Berufsgilde gegen den Strom. Denn andere Experten betonen etwa, dass sich beispielsweise in Portugal der Tourismus erholt, oder dass in Spanien Privatkonsum und Exporte zulegen.

Wir haben eine ganz verheerende Dynamik, ein schwaches Bankensystem, hohe Staatsschulden und hohe Arbeitslosigkeit.

Doch Skeptiker Straumann listet gleich mehrere Argumente auf, um seine These zu stützen. «Wir haben eine ganz verheerende Dynamik, ein schwaches Bankensystem, hohe Staatsschulden und hohe Arbeitslosigkeit.» Zudem gebe es zurzeit keine einzige stabile Regierung in Südeuropa und das werde wohl auch in den nächsten fünf Jahren nicht mehr der Fall sein.

Alle traditionellen Parteien seien verschwunden in Europa: Das habe es seit 1945 nicht mehr gegeben, beobachtet der Historiker besorgt. «Die EU ist gelähmt und braucht dringend Reformen.»

Doch an eine grundlegende Erneuerung glaubt Straumann nicht mehr, obwohl der französische Präsident Emmanuel Macron jüngst eine solche Integrations-Offensive gestartet hat. «Seit dreissig Jahren höre ich immer, jetzt wird dann integriert, jetzt kommen dann die Vereinigten Staaten von Europa.» Der Diskurs habe nichts mit der Realität zu tun.

Zwei Auswege aus der Falle

Straumann verweist auf den Versuch, eine Bankenunion zu schaffen, mit einem EU-weiten Einlegerschutz, der gewaltig stockt. Südeuropa kann sich laut Straumann aber auch nicht selber aus dem Sumpf ziehen: Die Staatskassen sind leer, die Schuldenberge noch immer riesig, ein Schuldenerlass ist politisch kaum realistisch. Die Regierungen haben somit kaum Mittel für Krisenmassnahmen.

Aber auch die Geldpolitik hilft nicht weiter: Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland können wegen des Euros nicht einfach ihre eigene Währung abwerten, wie das andere Länder in vergleichbaren Krisen tun würden, um wieder auf die Beine zu kommen.

Straumann ortet nur zwei Auswege aus der Falle, in der Südeuropa gefangen ist. «Entweder macht man die Eurozone zu einer richtigen Währungsunion oder man löst sie wieder auf.» Das sei die einzige Lösung, beides sei aber unwahrscheinlich.

Deshalb geht Straumann pessimistisch davon aus, dass sich die EU mit ihren südeuropäischen Sorgenkindern weiterhin von einer Schulden-Frist zur nächsten hangeln wird. Seines Erachtens ist Südeuropa eine Art Zeitbombe, die die EU jahrzehntelang beschäftigen wird. Eine Zeitbombe, die jederzeit platzen kann.

Tobias Straumann

Tobias Straumann

Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. Er studierte unter anderem in Bielefeld, Paris und Zürich, war Visiting Scholar an der University of California at Berkeley. Er forscht hauptsächlich zur europäischen Währungs- und Finanzgeschichte und zur schweizerischen Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Hatte Lenin nicht doch Recht ? Die Starken müssen eben an die Schwachen den gerechten Teil abgeben - wenn sie ein Gesamteuropa nach Massgabe der EU wollen. Ansonsten müssen alle Länder sich wieder einigeln und sich selbst sein. Eine einheitliche Währung bedingt eine EU - Zentralbank die nach dem BIP jedes EU - Landes die Geldvermehrung regelt. Da gibt es dann eben arme und reiche Staaten innerhalb der EU. Kein Land in der EU darf Geld drucken ohne kontrollierten Staatshaushalt .
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Winston Smith (Satiere für Demokratie)
    Leider Hört niemand auf einen straumann und auch nicht auf einen Vorufakis! Auch ein Tohmas Mayer oder mister Dax hätten lösungsvorschläge die allen dienen würden ausser der Funanzeliten. Die aber gaben nun mal dass Sagen! Vorufakis wollte zbs. Ein Katasteramt einführen in Griechenland wie es praktisch alle Europäischen Länder haben! Die Trojka hatt es abgelehnt. Die Trojka hatt sich mit denn Banken verbündet! Die haben kein Interesse an einer Lösung die ihnen Geld kostet!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Dani Queren (Queren)
    Grenzenlosigkeit bis zum bitteren Ende, das ist Macron-Politik. Schrieb man solche Dinge in den Foren, so musste man mit Streichung rechnen. Auch der Journalismus übt Grenzenlosigkeit mit Sonnenbrille.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen