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International «Dies ist ja kein Gefängnis!»

Wer es als Flüchtling nach Deutschland schafft, wird in ein Erstaufnahmezentrum irgendwo im Land gebracht. Dort werden die Asylsuchenden registriert und warten dann auf den Entscheid über ihren Antrag. SRF-Korrespondent Peter Vögeli hat das Zentrum in Erfurt besucht.

Ein Kind schaut durch Absperrgitter in die Kamera.
Legende: Heil angekommen in Erfurt: Ein Flüchtlingskind aus Syrien. Keystone

Die erste Überraschung zeigt sich schon vor dem Messegelände am Rande von Erfurt, vor dem Erstaufnahmezentrum an einer vielbefahrenen, breiten Strasse. Viele junge Männer machen sich zu Fuss auf den Weg in die Stadt. Einem ist sofort klar, dass ich kein Flüchtling bin. «Sprechen Sie französisch? – Wunderbar. Sind Sie Journalist? – Sehr gut», sagt ein junger Mann aus der Elfenbeinküste.

«Wir sind hier und haben keine Ahnung, was passiert», fährt er fort. Es gebe keine französischen Dolmetscher. Es werde nur Englisch und Arabisch gesprochen. Alles drehe sich um die Syrer, beklagt sich der junge Koch. Er ist erschöpft und etwas frustriert. Er sei seit vier Jahren unterwegs und vor zehn Tagen in Erfurt angekommen.

Asylbewerber können sich frei bewegen

Was in dem Erstaufnahmezentrum den Besucher aber wirklich überrascht ist die Tatsache, dass die Flüchtlinge kommen und gehen, wie sie wollen. «Dies ist ja kein Gefängnis», sagt der Geschäftsführer der Messe Erfurt, Wieland Kniffka, etwas pikiert.

In den USA nach Hurrikan «Katrina» war das ganz anders. Dort bewachte die Nationalgarde die eigenen Landsleute. Bewaffnete Soldaten und Fahrzeuge hielten ein Gemeinschaftszentrum in Baton Rouge, Louisiana, umstellt. Dort waren schwarze Flüchtlinge aus New Orleans untergebracht.

Unaufgeregte Stimmung im Zentrum

In Deutschland, sagt Kniffka, würden die Flüchtlinge registriert, danch erhielten sie eine Art Ausweis. Für Ruhe und Ordnung in dem Aufnahmezentrum mit rund 1000 Menschen sorgt ein privater Sicherheitsdienst. Die Polizei werde nur hinzugerufen, wenn man eine sogenannte «Lagesituation» habe, so Kniffka. Also erst, wenn es in einer bestimmten Situation ohne Polizei nicht mehr geht.

Es fällt auf, wie unaufgeregt die Stimmung ist. Männer und Frauen sind getrennt, Familien unter sich. Sogar Steckdosen zum Aufladen der Handys sind arabisch angeschrieben. Die Hallen sind nicht überfüllt, es gibt ein Wartezimmer für Kranke in der improvisierten Arztpraxis. Die Abläufe haben sich eingepegelt.

Auf Freiwillige angewiesen

Acht Wochen wartet man in Deutschland derzeit auf Duschcontainer, aber Kniffka hatte Beziehungen durch seinen Job. Vieles lief die ersten Tage und Wochen nur dank freiwilliger Helfer, der Staat kam nur langsam in die Gänge. «Ohne freiwillige Helfer würde das hier gar nicht funktionieren», so Kniffka. Es seien derzeit wohl mehr Freiwillige in dem Erstaufnahmezentrum im Dienst als offizielle Helfer.

Es gibt einen Kindergarten, Kinder drängeln sich um einen Fernseher, es gibt Tischfussball, Fuss- und Basketball. Der Leiter der Messe Erfurt ist beeindruckt, wie schnell sich die Kinder eingewöhnen und schon wenige Tage nach Ankunft in dem Zentrum «unbeschwert» agierten. Wie zum Beweis stürzt sich eine Kinderschar aufs SRF-Mikrophon – für die Kinder eine willkommene kleine Abwechslung.

Peter Voegeli

Peter Voegeli

Peter Voegeli ist seit Sommer 2015 SRF-Korrespondent in Deutschland. Er arbeitet seit 2005 für Radio SRF, zunächst als USA-Korrespondent, danach als Moderator beim «Echo der Zeit».

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Ich frage mich, mit Millionen Schweizern und Deutschen, was soll das?! Eine unablässig anschwellende Versammlung von mittellosen, fordernden Fremden der ganzen Welt in Deutschland, der Schweiz und anderen noch heilen Staaten, unter dem Beifall wohlstandslinker Journalisten und hilflos naiver Politiker. Irgendwie habe ich das Gefühl, es wird Zeit dieses Irrenhaus zu verlassen.
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    1. Antwort von Alex Bauert (A. Bauert)
      Ich war in Budapest und habe viele Leute getroffen aus Syrien, Irak, Afghanistan, etc. Viele sind tiptop drauf und wollen nur eins: Arbeit! Wenn man Sachen verteilte, waren die Leute erst überrascht, dann erfreut. Wer gesehen hat, dass etwas verteilt wird, hat maxiaml gefragt, «ich auch»? Ich freue mich ob vielen Ankömmlingen. Probleme gibt es, klar. Wenn jeder Flüchtling einen Schweizer, jede Flüchtling eine Schweizerin als Ansprechperson hat, minimieren sich Probleme&Kosten und max.Sozialleben
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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Ganz im Gegensatz zu den Aufnahmezentren in der Schweiz, die schlimmer als Gefängnisse für Halbgefangenschaft geführt werden. In Kreuzlingen werden Asylsuchenden schon draussen vor der Türe die Handys abgenommen ohne Hinweis, wann sie diese wieder erhalten. Zusammen mit allfälligen Ausweisen: VOR der Türe. Morgens eine bis zwei Stunden Erlaubnis rauszugehen, ansonsten drinnen. Am Wochenende darf man sie abholen für Besuche ausserhalb. Gesetzesgrundlage für diese Grundrechtseingriffe: Inexistent!
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  • Kommentar von J. Peter (J. Peter)
    was will uns der autor dieses berichts mitteilen? dass deutschland keine kontrolle ihrer flüchtlinge hat? das zeigt klar, vielen dank, dass so etwas hier nicht passieren darf. gut dargestellt, wie es nicht sein darf.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Was meinen Sie genau, darf hier nicht passieren? Dass Flüchtlinge registriert und aufgenommen werden? Das sie friedlich in einer Stadt leben? Dass man sie nicht ohne Tageslicht unterirdisch einsperrt? Dass genügend Betten und Räume vorhanden sind? Stimmt, wenn alles gut läuft kann man kein "Asyl-Chaos" herbei reden und darum auch kein Politisches Kapital daraus ziehen. Das wäre ja etwas ganz, ganz schlimmes - nicht für die Schweiz oder die Schweizer, aber für die SVP.
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    2. Antwort von J. Peter (J. Peter)
      herr müller, ich meine damit das, was im bericht beschrieben wird. flüchtlinge können kommen und gehen wie sie wollen. keine kontrolle. keiner weiss, ob oder wer überhaupt ein recht auf asyl hat. schauen sie soch mal nachrichten an. kein land ist mehr in der lage, die menschen zu registrieren. man weiss einfach nicht mehr, w e r da ins land kommt. schauen sie sich doch bitte mal die statistiken an, w e r von den migranten lebt denn friedlich? 75% migranten in unseren gefängnissen. so ist das.
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