Doping-Bericht: Leichtathletik-Verband versagte total

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) äussert heftige Kritik an der früheren Spitze des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF): Diese habe im Kampf gegen Doping und Korruption versagt. Als Hauptverantwortlicher gilt Ex-Präsident Lamine Diack. Doch trifft die Kritik auch den neuen IAAF-Chef Sebastian Coe.

Video «Leichtathletik-Weltverband am Pranger» abspielen

Leichtathletik-Weltverband am Pranger

1:08 min, aus Tagesschau vom 14.1.2016

Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada wirft dem Leichtathletik-Weltverband IAAF ein komplettes Versagen im Kampf gegen Doping und Korruption vor. Hauptverantwortlicher für die «Organisation und Ermöglichung der Verschwörung» sei der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack, geht aus einem neuen Bericht der unabhängigen Wada-Kommission hervor.

Gemäss den jüngsten Äusserungen der Wada-Kommission war die Korruption beim IAAF tief verankert – es könnten keine Einzeltäter am Werk gewesen sein.

Neuer Präsident will nichts gewusst haben

Die Korruption in der IAAF gehe über «eine kleine Anzahl von Schurken» hinaus, heisst es in dem 89 Seiten langen Wada-Report. Zudem gibt es Hinweise, dass die IAAF bereits seit 2009 vom systematischen Doping in Russland gewusst hat, aber Anschuldigungen, eine grosse Zahl von auffälligen Blutproben verheimlicht und nicht sanktioniert hat.

Sowohl Sebastian Coe, der seit August 2015 als IAAF-Boss fungiert, als auch der deutsche Funktionär Helmut Digel und das IOC-Mitglied Sergej Bubka waren viele Jahre in der Diack-Ära Vizepräsidenten. Der Brite Coe beteuerte gegenüber dem amerikanischen TV-Sender CNN erneut, dass die IAAF nichts vertuscht hätte. Er selbst habe wegen seines Jobs als Organisationschef der London-Spiele nicht alles wissen können, was in der IAAF gelaufen ist, rechtfertigte sich der zweifache britische Olympiasieger über 1500 Meter.

Der Weltverband IAAF ist in Misskredit geraten, weil der frühere Präsident Diack von der französischen Justiz wegen der Vertuschung von Dopingfällen gegen Bezahlung angeklagt worden ist. Damit soll er ermöglicht haben, dass russische Athleten trotz positiver Dopingtests und auffälliger Blutwerte bei den Olympischen Spielen 2012 und bei den Weltmeisterschaften 2013 teilnehmen konnten.

Korruption auch bei Vergabe von Olympischen Spiele?

Es gebe Gründe zu der Annahme, dass hochrangige IAAF-Offizielle von Entscheidungen profitiert haben, Weltmeisterschaften an bestimmte Städte oder Länder zu vergeben, heisst im Wada-Bericht weiter.

 Ex-IAAF-Präsident Lamine Diack an einem Mikrofon

Bildlegende: Laut Wada ist Ex-IAAF-Präsident Lamine Diack hauptverantwortlich für das Versagen im Kampf gegen Doping und Korruption. Keystone

Die Korruption habe auch Olympische Spiele betroffen: Aus Mitschriften gehe hervor, dass die Türkei die Unterstützung von Lamine Diack im Bewerbungsprozess um die Olympischen Spiele 2020 verloren habe. Die Türkei sei nicht bereit gewesen, einen entsprechenden Sponsorenbetrag «von 4 bis 5 Millionen Dollar» für die Diamond League oder die IAAF zu überweisen.

Japan habe diese Summe laut Gesprächsprotokoll dann gezahlt – Tokio erhielt den Zuschlag für die Sommerspiele 2020.

Interpol fahndet nach Diacks Sohn

Im Leichtathletik-Korruptionsskandal sucht Interpol mit einem internationalen Haftbefehl nach dem Sohn des ehemaligen Präsidenten Diack, Papa Massata Diack. Dem ehemaligen Marketing-Berater des IAAF wird in der sogenannten «Red Notice» der internationale Polizeiorganisation Beihilfe zur Bestechlichkeit, Bestechung und Geldwäsche vorgeworfen.

Laut Informationen der Presseagentur AP soll Massata Diack bei einem Treffen in Moskau vor den Spielen in London 2012 mit dem früheren IAAF-Schatzmeister Walentin Balachnitschew teilgenommen haben. Dabei seien TV-Rechte an der WM 2013 in Moskau von sechs Millionen Dollar ausgehandelt worden. Der Sohn des früheren IAAF-Präsidenten sei ausserdem mit einem mit 25 Millionen Dollar dotierten Sponsorenvertrag von einer führenden russischen Bank zurückgekehrt.

Die Ethikkommission des Verbandes sperrte in der vergangenen Woche Massata Diack, Walentin Balachnitschew sowie den ehemaligen russischen Cheftrainer Alexej Melnikow lebenslang. Gabriel Dollé, ehemaliger Leiter der Anti-Doping-Abteilung der IAAF, wurde für fünf Jahre gesperrt.

SRF-Sportredaktor Ueli Reist zum Skandal:

«Die Krise in der Leichtathletik ist deutlich grösser als zunächst vermutet. Denn man weiss jetzt: Es geht nicht um das Versagen eines Einzelnen und seiner Clique, sondern das Führungsgremium muss davon gewusst haben. Der neue Verbandspräsident Sebastian Coe wollte der Leichtathletik wieder zu mehr Bedeutung und mehr Glanz zu verhelfen. Er galt als integrerer Mann, der mit der Organisation der Olympischen Spiele von London eine perfekte Visitenkarte hinterlegt hatte. Doch laut der Wada muss der Council, das höchste Führungsgremium der Leichtathletik, von all den Machenschaften gewusst haben. Und Coe gehörte dem Council seit 2003. Wenn also der Leichtathletik-Weltverband wirklich einen Neuanfang will, geht das nur ohne Coe. Die Krise in der Leichtathletik ist deutlich grösser, als jene im Fussball wegen der Fifa: In der Leichtathletik sind offensichtlich Rennen und Wettkämpfe beeinflusst worden, und das schadet der Sportart, einer Kerndisziplin der Olympischen Sommerspiele, ungemein. Sie ist im Innersten erschüttert. Mehr an Glaubwürdigkeit kann man gar nicht verlieren.»

Dopingfall Russland

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Vorwürfe an Russland im Dopingskandal

    Aus Tagesschau vom 12.11.2015

    Laut der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA soll Russland seine gedopten Sportler gedeckt haben. Sie fordert nun seinen Ausschluss von internationalen Wettkämpfen.

  • Doping-Skandal hat erste Konsequenzen

    Aus Tagesschau vom 10.11.2015

    Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat das russische Anti-Doping-Labor in Moskau mit sofortiger Wirkung suspendiert. Russland gibt sich weiterhin unbeeindruckt. Der Chef von Antidoping Schweiz glaubt aber, dass die Affäre sich noch weiter ausweiten wird.