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Doppelpass für Südtiroler Ein «zweifelhaftes Geschenk» aus Wien

Die FPÖ drückt den Doppelpass im Koalitionsvertrag durch. Ein Spiel mit dem Feuer, warnt ein Südtiroler Historiker.

Legende: Audio Was will die neue österreichische Regierung? abspielen. Laufzeit 07:48 Minuten.
07:48 min, aus Rendez-vous vom 18.12.2017.

Die Südtiroler Skirennfahrer gehören zu den Dominatoren der Abfahrt. «Wenigstens kein Österreicher», denkt sich manch Schweizer Schlachtenbummler, wenn sie auch am Lauberhorn reüssieren. Schon bald könnte der ein oder andere Südtiroler aber für Österreich über den Hundschopf springen. Zumindest, wenn es nach der neuen österreichischen Regierungskoalition geht.

ÖVP und die rechtsnationale FPÖ haben vereinbart, dass Bürgerinnen und Bürger im Südtirol auch den österreichischen Pass erwerben können. Gemeint sind allerdings nur die deutsch- und ladinischsprachigen, nicht aber die italienischsprachigen Südtiroler.

Das deutschsprachige Südtirol war nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen worden. Seither träumen österreichische Nationalisten von einem wiedervereinten Tirol unter rot-weiss-roter Flagge.

Strache im Wahlkampf
Legende: Wahlkampfthema Südtirol: Die politische Rechte hatte die Doppelbürgerschaft schon lange auf der Agenda. Keystone

Schon im Wahlkampf schlug FPÖ-Chef Hans-Christian Strache revisionistische Töne an:

Ich will die bestehende Wunde heilen und Tirol die Möglichkeit geben, sich wieder zu vereinen.
Autor: Hans-Christian StracheIm Interview mit der italienischen «La Repubblica»

Vom Passus im Koalitionsvertrag sei «nichts Gutes» zu erwarten, urteilt Joe Schelbert, Österreich-Experte von SRF: «Es ist ein Tabubruch.» Und es sei breiter Widerstand zu erwarten: Von der EU, aber auch von Seiten der UNO, die den Südtirol-Vertrag vermittelte, schliesslich werde sich auch Italien vehement gegen die Pläne wehren.

Ich bezweifle, dass das dem ‹europäischen Geist› entspricht, der im Koalitionsvertrag so schön formuliert wird.
Autor: Joe SchelbertAuslandredaktor von Radio SRF

Aus Italien liegen bislang erst wenige Reaktionen vor. «Uneuropäische Musik» ertöne aus Wien, sagte der Staatssekretär des italienischen Aussenministeriums. Wie SRF-Italien-Korrespondent Franco Battel berichtet, gab es allerdings auch gelassene Reaktionen aus Rom.

Parlamentarier hätten darauf aufmerksam gemacht, dass die österreichische Rechte die «Südtiroler Bühne» immer schon bespielt hätte und dabei nur ans heimische Publikum denken würde.

Rückenwind für Südtiroler Separatisten

Aus dem Südtirol selbst sind unterschiedliche Reaktionen zu vernehmen. «Mein Horizont ist der europäische Pass», sagte Landeshauptmann Arno Kompatscher. Andere stellten sich auf den Standpunkt, dass die Zeit der Nationalisten vorbei sei. Allerdings sorgte die Ankündigung aus Wien auch für erfreute Reaktionen. Vor allem bei der «Süd-Tiroler Freiheit», die sich für eine Loslösung Südtirols von Italien einsetzt:

Für Südtirol öffnet sich dadurch ein historisches Fenster von unschätzbarem Wert.
Autor: Sven KollSüdtiroler Landtagsabgeordneter

Die Lombardei blickt neidisch aufs Südtirol

Im Südtirol sind rund 70 Prozent deutscher und knapp ein Viertel italienischer Muttersprache. Die Region verfügt über ein grosszügiges Autonomiestatut; so kann sie etwa den allergrössten Teil ihrer Steuereinnahmen behalten: «Das weckt regelmässig den Neid anderer italienischer Regionen, etwa der Lombardei», sagt SRF-Korrespondent Battel. Dass es dem Südtirol finanziell gut gehe, merke man auch daran, dass dort die besseren Züge, Spitäler und oft auch Schulen zu finden seien als im Rest des Landes.

Ein «zweifelhaftes Geschenk»

Der Südtiroler Politiker und Historiker Hans Heiss spricht sich gegenüber SRF News für die Autonomie, aber gegen die Abspaltung aus. Den Doppelpass hält er für ein «zweifelhaftes Geschenk» aus Wien:

Künftig würde es Südtiroler mit Doppelpass und solche ohne geben. Das würde viel Streit in die hiesige Gesellschaft bringen.
Autor: Hans HeissSüdtiroler Historiker und Politiker

Österreich habe in all den Jahrzehnten seit Kriegsende vermieden, den Doppelpass anzubieten, erklärt der Grünen-Politiker: «Jetzt, wo die Freiheitlichen mitregieren, greifen sie Forderung auf.» Heiss warnt davor, dass sich ein «ganzer Rattenschwanz» an Problemen ergeben könnte – auch für Österreich selbst: «Auch andere Völker und Nationalitäten, die aus der Habsburger-Monarchie hervorgegangen sind, könnten die doppelte Staatsbürgerschaft einfordern, etwa Ungarn oder Tschechen.»

Südtirol – das nächste Katalonien?

Im Südtirol selbst würden noch ganz andere Streitfragen entstehen, warnt Heiss: Vom Wahlrecht über die Wehrpflicht in Österreich bis hin zur Frage, wer überhaupt für einen Doppelpass infrage komme, gebe es einen «Haufen ungelegte Eier».

Heiss befürchtet auch, dass der Doppelpass nationalistischen Kreisen im Südtirol Aufwind geben könnte: «Die Sezessionstendenz in Teilen der Gesellschaft würde wie in Katalonien verstärkt.»

Damit würde nicht nur ein Konflikt innerhalb von Italien heraufbeschworen, sondern auch innerhalb des Südtirols eine Spaltung herbeigeführt: «Und das halte ich für viel gravierender», schliesst Heiss.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Die EU hat nicht nur gute Argumente gegen dieses Vorhaben. Wenn ich richtig informiert bin hat die EU akzeptiert dass Kroatien den Kroatischstämmigen Bosniern auch kroatische Pässe ausstellt. Damit sind die kroatischen Bosnier EU-Bürger, die "Bosnischen Bosnier" hingegen nicht. Die Österreicher könnten argumentieren dass was dort geht, hier nicht abgelehnt werden sollte. Immerhin ändrt sich hier nichts daran dass die betroffenen Personen ohnehin Bürger eines EU-Landes sind.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Es gibt auch zahlreiche ukrainische Staatsbürger, die in den letzten Jahren den ungarischen, und somit den EU-Pass erhalten haben. Die Gründe sind gleich, wie bei Südtirol: Das Gebiet wurde nach dem 1.WK abgetrennt. Also die EU hat schon den Präzedenzfall längst erschaffen.
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  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Ein unumstösslicher geschichtlicher Fakt ist, dass die Abtrennung Südtirols an Italien ein Willkürakt der Sieger war. Diese Sieger haben mit weiteren Willkürlichkeiten und gewaltigen Reparationsforderungen auch den zweiten Weltkrieg provoziert und, wie es der Sieger stets machte, die eigene Schuld aus der Geschichte getilgt. Südtirol, bzw. grosse Teile Osttirols, haben nichts mit Italien gemein, sind völlig anderer Natur. Man lese dazu auch das Reisetagebuch von M. de Montaigne (um 1580).
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Das Südtirol sollte ihrer Meinung nach die umfassende Autonomie aufgeben, sich Österreich anschliessen und dann nach der Pfeife der Bundesregierung in Wien tanzen? Ich bin überzeugt, da sind nicht nur die 30% der Italienischsprechenden dagegen.
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    2. Antwort von martin blättler (bruggegumper)
      Sie schreiben hier Italien im ersten WK zu den Siegern.Wie immer,konnte Italien auf den richtigen Zug aufspringen.Die "Beute war das Tirol. Zitat Churchill:Wenn wir diesen Krieg gewinnen wollen,muss Italien Gegner sein.
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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Ein mehr als zweifelhaftes Geschenk. Kommt hier ein zweites Katalonien? Es sind immer Gruppierungen geblieben, die siich für die Loslösung von Italien eingesetzt haben.Und ich vermute, dass sie jetzt starken Aufwind bekommen haben. Warum so schnell als erste Amtshandlungen der neuen Regierung? Kein guter Beginn.!
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Ganz einfach: Das generiert Wähler für sie.
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    2. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      Wie ich anderswo schon erwähnt habe ist es bedenklich das eine rechtsgerichtete Partei dieses Thema anspricht. Tatsache ist aber dass sie sich hier eines Problems bedient dass nie gelöst wurde. Das Südtirol wurde an Italien angeschlossen ohne dass es in Südtirol jemand wollte. Im Südtirol wurde eine Assimilierungspolitik durchgeführt die schlimmer ist als die der Nazis oder Russen. Viele der italienischen Ortsnamen im Südtirol existierten vor Mussolinis Amtszeit noch gar nicht.
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