Drei Tage Schreckensherrschaft in Kundus

In den wenigen Tagen, in denen die Taliban die afghanische Stadt Kundus kontrollierten, übten sie ein Terror-Regime aus. Das berichten Einwohner gegenüber Amnesty International.

Afghanische Soldaten laufen an einem ausgebrannten Fahrzeug vorbei

Bildlegende: Afghanische Soldaten haben die Stadt Kundus von den Taliban zurück erobert. Keystone

Die Taliban haben bei ihrem Eroberungszug im afghanischen Kundus nach Angaben von Amnesty International schwerste Verbrechen begangen. Mit Morden an Zivilisten, Gruppenvergewaltigungen, Entführungen und dem Einsatz von Todesschwadronen hätten die Taliban in kürzester Zeit eine «Schreckensherrschaft» in der Stadt errichtet, hiess es in einer Erklärung der Menschenrechtsorganisation.

Amnesty berief sich auf zahlreiche Berichte von Augenzeugen und Bürgerrechtlern. Die islamischen Fanatiker hatten die Stadt am Montag erobert. Am Donnerstag stiess die afghanische Armee ins Zentrum der Stadt vor und begann mit der Vertreibung der religiösen Terrorbanden.

Taliban setzen Kinder ein

«Die grauenvollen Berichte, die wir erhalten haben, beschreiben eine Schreckensherrschaft während der brutalen Eroberung von Kundus», sagte der afghanische Amnesty-Vertreter Horia Mosadik. Er forderte die afghanischen Sicherheitsbehörden auf, viel mehr für den Schutz der Zivilisten zu tun.

Nach Angaben von Amnesty International setzen die Taliban kleine Jungen auf Erkundungstouren durch die Häuser ein, um ihre Opfer, vor allem Frauen, ausfindig zu machen. Familienangehörige von afghanischen Polizisten und Soldaten, darunter auch Kinder, würden gezielt ermordet, weibliche Verwandte vergewaltigt.

Hebamme getötet

Eine Hebamme wurde wegen ihrer Tätigkeit von einer Gruppe von Männern vergewaltigt und dann zusammen mit einer Kollegin ermordet, berichtete Amnesty weiter unter Berufung auf einen Verwandten des Opfers.

«Als die Taliban die Kontrolle über Kundus erlangten, haben sie verkündet, sie würden Recht und Ordnung und die Scharia in der Stadt einführen», sagte eine Bürgerrechtlerin. «Alles was sie taten, hat dagegen verstossen. Ich weiss nicht, wer uns aus dieser Situation befreien kann.»

Häftlinge freigelassen

Bislang wurden nach Angaben der Behörden 49 Tote und 330 Verwundete in die Krankenhäuser der Stadt gebracht. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilte mit, sie habe seit Montagmorgen in Kundus 296 Verletzte behandelt, darunter 64 Kinder.

Die Taliban liessen Häftlinge aus den Gefängnissen der Stadt frei und rüsteten sie laut Amnesty mit Waffen aus, damit diese gegen die afghanischen Regierungstruppen kämpfen.

Elf Tote bei Absturz

Beim Absturz eines Militär-Transportflugzeugs sind in Afghanistan sechs US-Soldaten und fünf Zivilisten ums Leben gekommen. Die Maschine sei kurz nach Mitternacht am Freitag am Flughafen Dschalalabad abgestürzt, teilte das US-Verteidigungsministerium mit. Die Absturzursache war zunächst unklar; die Taliban reklamieren die Tat für sich.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Lage in der afghanischen Stadt Kundus ist verworren.

    Fragile Situation in Kundus

    Aus Rendez-vous vom 1.10.2015

    Anfang Woche haben Taliban die Provinzhauptstadt Kundus im Norden Afghanistans erobert. Die Regierungstruppen waren offenbar machtlos. Nun sollen die Truppen die Stadt zurückerobert haben. Doch die Lage ist fragil und Afghanistans Sicherheitskräfte zunehmend heraus- oder überfordert.

    Karin Wenger