Drogenproblem in Thailand nicht gelöst

Der Drogenkrieg auf den Philippinen sorgt derzeit weltweit für Schlagzeilen. Unter dem neuen Präsidenten Rodrigo Duterte sind hunderte Drogenabhängige und kleine Dealer umgebracht worden. Thailand fährt eine ähnlich restriktive Drogenpolitik – allerdings mit mässigem Erfolg.

Es ist eine bizarre Szene, die sich an diesem Morgen im Hauptquartier der Drogenpolizei in der thailändischen Hauptstadt Bangkok abspielt. Auf Tischen liegt die Ausbeute der nächtlichen Razzia: Gewehre, bunte Motorradhelme und ein paar Kisten mit Schmuggelwaren.

Töffhelme und Gewehre auf einem Tisch

Bildlegende: Bangkoks Drogenpolizei zeigt die in einer Nacht konfiszierten Gegenstände. Karin Wenger/SRF

Auch Drogen seien beschlagnahmt worden, sagt ein anwesender Polizist. Eine junge Frau sitzt zusammengesunken und eingeschüchtert auf einem Stuhl. «Das nächste Mal, wenn ich dich und deinen Freund sehe, werde ich euch beide erschiessen», schimpft ein Polizist auf sie ein. Dann wird die Frau abgeführt. Für Pornchai Charoengwong, den Chef der Drogenbekämpfungseinheit, ist das Alltag.

«Drogen sind ein riesiges Problem in Thailand. Viele Junge verfallen ihnen und das führt zu Familienproblemen und Kriminalität. Unsere Gefängnisse sind überfüllt mit Drogenkriminellen. Die Politiker wollen, dass wir hart vorgehen», so Charoengwong.

Thailand hat extrem strikte Drogengesetze. Der ehemalige Ministerpräsident Thaksin Shinawatra führte 2003 einen Krieg gegen Drogen, ähnlich jenem, der jetzt auf den Philippinen wütet. Laut Menschenrechtsorganisationen wurden damals 2800 Personen bei aussergerichtlichen Tötungen umgebracht.

70 Prozent wegen Drogenvergehen in Haft

Noch heute werden nicht nur Händler, sondern auch die Abhängigen selbst bestraft. 70 Prozent der Insassen thailändischer Gefängnisse sind Drogenabhängige oder -kriminelle. Kleinste Mengen von Heroin, Kokain, Haschisch oder Amphetaminen werden mit jahrelanger Haft bestraft, grössere Mengen gar mit der Todesstrafe.

Die Droge, die in Thailand am meisten konsumiert werde, sei Jaba, ein billiger Verschnitt von Amphetaminen und Koffein, gefolgt vom puren Amphetamin Ice, erzählt Polizist Charoengwong. «Die meisten Jaba-Abhängigen sind arme Arbeiter, die hart arbeiten und viele Überstunden leisten müssen. Touristen und reichere Thailänder konsumieren teurere Drogen wie Ice oder Kokain.»

Wie schnell man in die Abhängigkeit rutscht, weiss ein thailändischer Verkäufer. Der sehnige Mann erzählt im Schutz eines lärmigen Cafés am Rande von Bangkok seine Geschichte. Er war drei Jahre lang von Ice abhängig: «Ich wollte Spass haben.» Ice habe ihm den gegeben. «Ich fühlte mich immer energiegeladen, hatte wunderbare Träume und dachte, ich könne alles erreichen, was ich mir je vorgenommen hatte. Doch wenn der Effekt der Droge nachlässt, verwandelt sich das Glück in Traurigkeit.»

Kloster statt Entzugsklinik oder Gefängnis

Der junge Mann brauchte pro Tag zwei Gramm des Stoffs und gab dafür 120 bis 150 Franken aus. Er habe seinen Lohn für die Drogen verpulvert. «Ich wurde faul, war unpünktlich, aggressiv und hielt meine Versprechen nicht mehr.» Er habe gemerkt, dass er ohne die Droge nicht mehr leben konnte. «Ich wurde panisch und hatte Schmerzen, wenn ich den Stoff nicht rechtzeitig kriegte. Ich verlor meine Freunde, mein Charisma, mein Selbstvertrauen.»

Doch ein Glück hatte er: Er wurde nie verhaftet. Nach drei Jahren wies er sich selbst in das Entzugszentrum des Klosters Thamkrabok ausserhalb von Bangkok ein. Dort helfen Mönche den Drogenabhängigen seit 50 Jahren mit natürlichen Mitteln, von den Drogen abzulassen.

Entkriminalisierung als mögliche Lösung

Pra Ajarn Vichit Akkrachitto ist der stellvertretende Abt des Klosters. Weder die harten Strafen noch der Entzug seien die Lösung für das Drogenproblem in Thailand: «Im Gefängnis geraten Abhängige noch tiefer in die Misere, weil sie dort mit anderen Abhängigen und Dealern in Kontakt kommen. Und nach dem Entzug kommt die Frage: Was nun? Wer hilft ihnen jetzt, wieder Fuss zu fassen?»

Man müsse mehr Geld in die Prävention stecken. «Junge Leute müssen das Risiko kennen. Wir müssen sie unterstützen, damit sie ein glückliches erfülltes Leben führen können. Dann kommen sie nicht in Versuchung, Drogen zu nehmen.»

Sogar Charoengwong, der Chef der Drogenbekämpfung, gibt zu, dass die harten Strafen das Drogenproblem in Thailand nicht gelöst haben. «Am Ende finden wir nur 10 oder 20 Prozent der Schuldigen, der Rest ist auf freiem Fuss. Verhaftungen und Unterdrückung könnten nicht die einzige Methode sein, um Drogen zu bekämpfen. «Die Familie und die gesamte Gesellschaft müssen mit einbezogen werden.»

Das hat nun auch die thailändische Regierung erkannt. Sie will in Zukunft mehr in Präventionsmassnahmen investieren. Sie denkt auch darüber nach, Jaba zu entkriminalisieren und Drogen mehr als ein Gesundheitsproblem zu verstehen, nicht als eines von Recht und Ordnung. Auch wenn diese Diskussion erst am Anfang steht: Sie ist ein Eingeständnis dafür, dass Drogen nicht mit Gewalt alleine beseitigt werden können.