Ebola bringt Staaten ins Wanken

Lange hat die WHO das Ausmass der Virus-Epidemie stark unterschätzt. Jetzt schlägt sie Alarm - und zeichnet das Bild einer katastrophalen Lage. Die Zahl der Toten stieg in den letzten Tagen deutlich. Aber gibt es auch Zeichen der Hoffnung.

Menschen mit Schutzmasken

Bildlegende: Nigerias Behörden haben Kontrollposten am Flughafen in Lagos installiert um Infizierte aufzuspüren. Keystone

Die Zahl der Ebola-Todesfälle in Westafrika ist in den vergangenen Tagen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) deutlich gestiegen.

Am 19. und 20. August seien aus den vier betroffenen Ländern Guinea, Liberia, Nigeria und Sierra Leone 77 neue Todesfälle gemeldet worden, teilte die WHO in Genf mit. Nach offiziellen Angaben sind damit bislang 1427 Menschen durch die Epidemie ums Leben gekommen. WHO-Experten gehen allerdings seit längerem davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer bei Ebola-Opfern gibt. Wie viele Menschen in der Region bislang an dem Virus gestorben sind, ist offenbar kaum abzuschätzen.

Gesundheitssystem vor dem Kollaps

Als Reaktion auf die Ausbreitung der Epidemie wollen die Vereinten Nationen die Hilfe in den betroffenen Gebieten deutlich ausweiten. Zusätzliche internationale Experten und Helfer sollen nach Liberia geschickt werden, um die dortigen Gesundheitseinrichtungen zu unterstützen, sagte UNO-Ebola-Koordinator David Nabarro in der liberianischen Hauptstadt Monrovia. Zudem sollen zusätzliche Krankenbetten geliefert werden. In einigen Teilen Liberias, darunter in Monrovia, sei die Gesundheitsversorgung praktisch zum Erliegen gekommen. Die WHO geht davon aus, dass die Bekämpfung der Ebola-Epidemie noch mehrere Monate lang dauern kann.

Das ganze Ausmass der Ebola-Epidemie in Westafrika ist laut WHO unterschätzt worden, weil zahlreiche Infizierte von ihren Familien versteckt wurden. Die Menschen seien davon ausgegangen, dass es für Ebola sowieso keine Heilung gebe und es für die Todkranken besser sei, wenigstens zu Hause sterben zu können, heisst es in einer in Genf veröffentlichten Mitteilung. Darin wird vor allem die Lage in Liberia und Sierra Leone als katastrophal geschildert, das genaue Ausmass der Epidemie ist kaum abzuschätzen.

Spitäler völlig überfordert

«In Dörfern werden Leichen verbrannt, ohne dass die Gesundheitsbehörden informiert werden und eine Untersuchung der Todesursache vorgenommen werden kann», heisst es der WHO-Mitteilung. Oft würden Patienten den Verdacht auf Ebola von sich weisen, um nicht in Isolationszentren zu kommen. Sie fürchteten, sich erst dort tatsächlich anzustecken. Krankenhäuser und Labors seien in den betroffenen Ländern meist völlig überfordert, viele Gesundheitseinrichtungen seien zudem geschlossen worden. «Die Angst hält die Patienten fern und treibt das medizinische Personal in die Flucht.»

Mann in Schutzkleidung vor einer Menschengruppe

Bildlegende: Polizisten in Schutzkleidung im Quarantäne-Einsatz gegen Menschen, die in Liberia auf Essensrationen warten. Keystone

Allerdings wurden am Freitag auch vorsichtige Hoffnungen genährt, dass die Entwicklung eines wirksamen Heilmittels möglich ist: Die WHO teilte mit, Ebola-Patienten in Liberia seien nach Behandlung mit dem experimentellen Mittel «ZMapp» auf dem Weg der Besserung. Bei einer Krankenschwester und einem Arzt aus Liberia, die sich bei der Arbeit infiziert hatten, sei jeweils eine «deutliche Verbesserung» des Gesundheitszustands eingetreten. Der Zustand eines weiteren mit dem Präparat behandelten Arztes sei zwar noch ernst, aber auch bei ihm sei eine Besserung zu beobachten.

Neue Beratungen in Genf

In den USA waren am Donnerstag zwei an Ebola erkrankte und mit «ZMapp» behandelte Helfer für geheilt erklärt worden. Sie hatten sich bei Hilfseinsätzen in Liberia infiziert und waren vor etwa drei Wochen ausgeflogen worden. Jedoch sind nun laut WHO die Vorräte des Mittels aufgebraucht. Wann die US-Herstellerfirma wieder Dosen liefern kann, war unklar. Auch von anderen experimentellen Mitteln, die zur Therapie oder als Impfung verwendet werden könnten, gibt es laut WHO nur geringe Mengen.

Die WHO hatte am 12. August angesichts der Ausweitung der Ebola-Epidemie grünes Licht für die Anwendung experimenteller Wirkstoffe gegeben. Über weitere Bemühungen zur Bereitstellung von Ebola-Medikamenten sollen am 4. und 5. September auf Einladung der WHO internationale Experten in Genf beraten.

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Ebola wohl «weit schlimmer als angenommen»

1:58 min, aus Tagesschau vom 15.8.2014

Zu früh für Erfolgsmeldungen

Nach Ansicht des Virologen Stephan Becker von der Universität Marburg ist es zu früh für eine Aussage zum Nutzen von «ZMapp». «Wir können mit den wenigen Patienten, die zu völlig unterschiedlichen Zeiten und unter nicht kontrollierten Bedingungen behandelt worden sind, nur schwer eine Aussage machen», sagte er. Es sehe zwar danach aus, das das Mittel helfe, allerdings könnten die bisherigen Genesungen auch andere Gründe haben. «ZMapp» besteht aus drei Antikörpern, die es dem Immunsystem ermöglichen sollen, infizierte Zellen zu eliminieren.

Laut Angaben der WHO ist der Ebola-Ausbruch in Westafrika zwar der bislang grösste, jedoch sei die Überlebensrate mit etwa 47 Prozent höher als bei früheren Epidemien mit dem gefährlichen Zaire-Ebolavirus.

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