Ebola-Virus: Jeder Todesfall ist ein Verdachtsfall

In Westafrika wütet die Ebola-Krankheit. Über 1000 Menschen sind seit Ende März an dem hochansteckenden Virus erkrankt, gegen 700 gestorben. Trotz aufwendiger Informations- und Schutzmassnahmen breitet sich die Seuche weiter aus.

Zwei Personen in gelb-weissen Schutzanzügen.

Bildlegende: Trotz Schutzanzüge infiziert sich immer mehr Personal: Mitarbeiter von Medecins sans Frontieres in Sierra Leone. Reuters

Es könnte das Paradies auf Erden sein – in Kailahun, der Stadt im äussersten Nordosten von Sierra Leone. Papayabäume, Bananenstauden, Mais- und Reisfelder: Die Saat wächst gut, Mensch und Tier sind wohlgenährt.

Doch urplötzlich sind Hilfswerke aus aller Welt angereist, denn ausgerechnet hier ist mit Ebola eine der schlimmsten Seuchen ausgebrochen. Die Virus-Krankheit lässt Menschen in kurzer Zeit jämmerlich zugrunde gehen. Die Infizierten bekommen hohes Fieber und Durchfall, sie bluten aus Augen, Nasen und Ohren.

Neun von zehn Infizierten sterben an Ebola

Medikamente gegen Ebola gibt es nicht, man kann nur die Symptome behandeln – die Schmerzen, den Durchfall, das Fieber. Nur wer eine starke Kondition hat kann so vielleicht überleben. Bisher allerdings galt, dass neun von zehn Infizierten sterben. Das Traurige dabei: Die Krankheit könnte durch eine absolute Kontaktsperre zu Menschen die mit dem Ebola-Virus angesteckt sind, leicht bekämpft werden. Isolation heisst das Zauberwort.

Karte Westafrika

Bildlegende: Seit Monaten wütet das Ebola-Virus in Westafrika. Besonders betroffen sind Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria. SRF

Doch die Isolation von Kranken und absolut kein Körperkontakt zu Sterbenden und Toten ist nicht einfach in einer Kultur, wo freundschaftliche Berührungen, das Waschen der Kranken und der Kuss auf die Stirn der Toten uralte Traditionen sind.

Grossaufgebot an Medizinern

Aus dem Dorf Bandajuma ist die Nachricht gekommen, dass eine alte Frau gestorben sei. Um die 90 sei sie gewesen, und schon seit drei Jahren sei sie nicht mehr aus ihrer Hütte gekommen. Die halbe Gemeinde empfängt den Konvoi auf dem Dorfplatz. Er besteht aus Rotem Kreuz, Medecins sans Frontières und dem Krankenwagen des Gesundheitsministeriums.

David James vom Roten Kreuz erklärt das Vorgehen: Ebola sei eine hochansteckende Krankheit. Man dürfe die Kranken und Toten nicht berühren, sonst sei die ganze Gemeinde gefährdet. Zu ihrer aller Sicherheit müsse nun geprüft werden, ob die Frau an Ebola gestorben sei. Dazu müsse man sie mitnehmen und die Laborwerte abwarten, und erst dann könne die alte Frau begraben werden. Bei negativen Tests könne dies hier in der Gemeinde geschehen, ansonsten beim Behandlungszentrum, das die Hilfswerke ausserhalb von Kailahun errichtet haben.

Verunsicherte Landbevölkerung

Viele Fragen, langes Palaver – und auch der Chief muss seinen Segen geben. Den gibt er auch. Doch dann ruft der Bruder der Toten aus der fernen Haupstadt an und verbietet das Ganze. Plötzlich kippt die Stimmung. Alles Beruhigen und Erklären nützt nichts. Patrick Massaquoi, der lokale Chefkoordinator des Roten Kreuzes, steigt in sein Auto. Man müsse den Willen des Dorfes respektieren, sagt er. Jeder Aufstand müsse vermieden werden.

Auf einmal will das Dorf dann doch, dass man sich um die Tote kümmert. Jimmy Kapetshi versteht die Verunsicherung und das Misstrauen. Er ist Arzt und Wissenschaftler – und auch Afrikaner: «Tatsächlich stellt Ebola ihre ganze Tradition auf den Kopf. Plötzlich kommen Fremde ins Dorf, montieren ihre Ganzkörper-Anzüge mit Schutzbrillen und Handschuhen. Sie nehmen Blut von den Toten und desinfizieren sie, packen sie in Leichensäcke und nehmen sie mit.» Das spreche sich herum. Als Folge davon komme es immer wieder zu Fällen, in denen Familien ihre kranken Angehörigen verstecken oder sie sogar aus dem Spital entführten.

Manchmal ist ein Kompromiss möglich

Auch die Szenerie in Bandajuma mutet utopisch an. Kapethsi quält sich bei brütender Hitze in den Anzug. Fünf junge Männer, auch sie in Schutzanzügen, begleiten ihn in die Hütte.

Plakat zeigt schematisch gezeichnet die Symptome von Ebola.

Bildlegende: Solche Plakate werden in den Dörfern aufgehängt. SRF

Nachdem Kapethsi die Proben genommen hat, spritzen sie den Arzt und die tote Frau ab. Dann packen sie sie, für alle sichtbar, in einen Leichensack. Wieder kommt es zu Diskussionen. Schliesslich wird ein Kompromiss gefunden: Die alte Frau darf nun doch im Dorf begraben werden.

Es dauert eine ganze Weile, bis das Grab ausgehoben und das Abschiedsgebet gesprochen ist. Dann werden diejenigen, die am nächsten beim Leichensack stehen, sowie die Leiche selbst nochmals abgespritzt. Erst dann findet die Verstorbene ihre letzte Ruhe – draussen vor dem Dorf – mitten im sattgrünen Dschungel.