Zum Inhalt springen

Britische Staatsverschuldung «Ein Abbau der Schulden wäre höchst dringlich»

Schatzkanzler Hammond fürchtet die Kosten des Brexit. Doch die nötigen Konsequenzen ziehe er nicht, sagt Martin Alioth.

Legende: Audio «Das kann nicht unendlich lange gut gehen» abspielen.
5:27 min, aus HeuteMorgen vom 08.03.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der britische Finanzminister Philip Hammond will laut eigenen Aussagen die Staatsausgaben trotz positiver Signale nicht nach oben treiben.
  • Hammond möchte «Reserven im Tank» haben, um die Kosten des Brexit zu schultern.
  • Für SRF-Korrespondent Martin Alioth gehen Hammonds Pläne viel zu wenig weit: Zu hoch sei immer noch das Budgetdefizit und zu optimistisch die Erwartungen für die Zukunft.

SRF News: Schatzkanzler Hammond präsentiert heute seinen Haushaltsplan. Worauf darf man gespannt sein?

Martin Alioth: Angesichts erwarteter Zusatzkosten des Brexit hat Hammond schon im Vorfeld seiner Budgetpräsentation angekündigt, bei den Ausgaben auf der Bremse stehen zu wollen. Das heisst aber keineswegs, dass der britische Staat deshalb schon im nächsten Jahr schwarze Zahlen schreiben würde. Die Verschuldung nimmt weiter zu, höchstens vielleicht etwas weniger schnell als bisher. Tatsache ist: Der britische Staat ist nach wie vor hoch defizitär.

Hammond steht vor einem Zaun und blickt in die Kamera.
Legende: Schatzkanzler Hammond will bei den Ausgaben auf die Bremse stehen. Imago

Trotz Brexit-Entscheid steht die britische Wirtschaft immer noch recht robust da. Was erwartet die Briten in Zukunft?

Es sieht eher düster aus, wenn man die jetzige Entwicklung in die Zukunft projiziert. So steigt die Inflationsrate in Grossbritannien, weil das britische Pfund seit dem letzten Juni mehr als 15 Prozent an Wert gegenüber Euro und Dollar verloren hat. Das verteuert die Importgüter, die Geldentwertung schreitet voran. Derweil stagnieren die Einkommen.

Es brauen sich dunkle Gewitterwolken über den Privathaushalten zusammen.

Hinzu kommt, dass die Ausgaben für den Konsum, der die britische Wirtschaft bislang in erstaunlich guter Verfassung gehalten hat, vor allem auf Pump erfolgt ist: Kreditkartenschulden, private Darlehen und Ratenkäufe stehen auf dem höchsten Stand aller Zeiten. Grund dafür sind die tiefen Zinsen, welche für das geliehene Geld bezahlt werden müssen. Doch das kann nicht unendlich lange gut gehen. Es brauen sich dunkle Gewitterwolken über den Privathaushalten zusammen.

Zahlreiche Unternehmen erwägen, wegen dem Austritt aus der EU Arbeitsplätze in Grossbritannien abzubauen und sie ins Ausland zu verlagern. Muss das dem Schatzkanzler nicht zu denken geben?

Eigentlich müsste es das. Allerdings wagt man fast nicht, diese Gedanken laut zu äussern. Schliesslich ist Ex-Premier David Cameron mit seiner Angstmache im Brexit-Abstimmungskampf kläglich gescheitert. Ausserdem ist das damals gezeichnete Angst-Szenario bislang nicht eingetreten. Sicher aber ist, dass Branchen wie die Automobilindustrie, die Luftfahrt oder der Finanzplatz London vom Zugang zum europäischen Binnenmarkt abhängig sind. Tatsächlich überlegen sich manche Banken, hunderte oder gar tausende Arbeitsplätze in die EU zu verlegen. Das würde zu Steuerausfällen führen, auch die künftige Wirtschaftsleistung würde beeinträchtigt. Damit muss auch Schatzkanzler Hammond rechnen.

Müsste Hammond angesichts dieser Ausgangslage nicht noch rigoroser budgetieren als er dies angekündigt hat?

Tatsächlich müsste er viel energischere Schritte machen, um wenigstens den jetzigen Haushalt auszugleichen. Derzeit muss Hammond allein für den Schuldendienst pro Jahr umgerechnet rund 65 Milliarden Franken aufwenden. Wenn man sich vorstellt, was er mit diesem Geld machen könnte, dann liegt auf der Hand, dass ein Abbau der Staatsschulden höchst dringlich wäre.

Das Gespräch führte Daniel Eisner.

Legende:
Staatsschulden Grossbritanniens In den letzten zehn Jahren hat sich die Verschuldung in absoluten Zahlen beinahe verdreifacht (Angaben in Milliarden Pfund). 2016 lag die Verschuldungsquote gemessen am BIP bei 89 Prozent (2006: 42 Prozent). statista.de

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Hammonds Budget

Hammonds Budget

Hammond legt heute seinen Haushaltsplan vor. Seiner Meinung nach braucht Grossbritannien ein ausreichendes Finanzpolster, um den anstehenden Austritt aus der EU zu schultern, wie er gegenüber der BBC sagte. Gespannt warten Beobachter deshalb darauf, wie hoch der Schatzkanzler die Kosten des Brexit ansetzen wird.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Trotz all den Problemen, mit der UK zu kämpfen hat, ist seine Lage doch meisterbar. Die Briten sind während JH'en die flexibelste Nation in Europa gewesen. Mit dem Ende des Empires mussten sie sich neu orientieren. Die EU hat ihnen scheinbar nicht zugesagt. Jetzt gehen sie einen anderen Weg. Klein-nationales Denken war noch selten die Strategie der britischen Eliten. Nur wer sich optimal an die Zukunft anpasst, wird diese mitgestalten. Wie immer diese auch aussieht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Düstere Situation. Nach der Finanzkrise ging die Verschuldung rasant und lange nach oben. UK (einige Städte) sind als Dienstleister enorm stark. Die zivile Wirtschaft hingegen ist angeschlagen. Rohstoffgewinnung leidet unter dem niedrigen Profit und hohen Förderkosten. In der Rüstungsbranche ist man stark. Hier sind die Margen noch hoch. Doch verschiedene Etats, auch Kriegseinsätze, belasten den Staat. Die soziale Fürsorge ist eher niedrig. Der £-Sturz wirkt zweischneidig.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
    Die hohen Austrittskosten sind ein gewichtiger Grund, der EU gar nicht erst beizutreten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen