Ein Hauch von Teheran in Los Angeles

Persien am Pazifik – so wird der Westen von Los Angeles auch genannt. Hier lebt die grösste iranische Diaspora der Welt. Die Menschen iranischer Herkunft sind gespalten, was das Atomabkommen betrifft.

«Schauen Sie, dieser Teppich wurde für das persische Parlament gemacht, vor über hundert Jahren. Es ist in perfektem Zustand.» Alex Helmi verkauft in seinem Laden nur echte Perserteppiche. Die Sanktionen machten dem Teppichhändler zu schaffen: Seit vier Jahren kann er keine Teppiche mehr aus dem Iran importieren. Das hat seinem Geschäft geschadet: «Meine Kollegen haben damit begonnen, Teppiche aus Indien, Pakistan oder China zu verkaufen. Ich weigere mich, das zu tun.» Helmi beschränkte sich darauf, Teppiche zu kaufen, die bereits in den USA waren.

Nicht nur wegen seinem Geschäft ist Alex Helmi froh, dass sich die Diplomaten auf das Atomabkommen geeinigt haben. «Es ist ein guter Schritt, um die Probleme im Mittleren Osten friedlich zu lösen. Nach 35 Jahren ist es an der Zeit, direkt mit dem Iran zu reden und zu verhandeln. Es wird schwierig sein, aber irgendwo muss es anfangen.»

Irangeles: Wo auf der Strasse Farsi gesprochen wird

Der Teppichladen Damoka liegt an der Westwood Avenue in Los Angeles, im Zentrum der grössten persischen Gemeinschaft ausserhalb des Iran. Irangeles wird dieser Stadtteil auch genannt. Auf der Strasse wird Farsi gesprochen, iranische Schrift prangt an den Schaufenstern, alle Ladenbesitzer sind persischer Herkunft. Rund 300'000 Iraner leben hier, sie bilden die grösste iranische Diaspora der Welt.

Auf der anderen Strassenseite befindet sich der persische Bücherladen Ketab. Anita Ghanaei arbeitet hier. Die junge Frau ist sehr enttäuscht über das Atomabkommen. «Es ist ein Fehler. Nichts haben sie für die Menschenrechte ausgehandelt.» Sie fürchtet, dass das viele Geld, das nach der Aufhebung der Sanktionen ins Land fliessen soll, das Regime stärken wird. Sie ist vor wenigen Jahren nach Los Angeles gekommen, und kämpft von hier aus für die Begnadigung von Mohammad Ali Taheri, dem die Todesstrafe droht. Taheri ist Gründer einer spirituellen Bewegung.

Dissident kritisiert Abkommen

Fast nebenan sitzt Rosbeh Farahanipour in seinem Restaurant. Er ist vor fünfzehn Jahren aus dem Iran geflüchtet, weil er als Studentenaktivist und Dissident um sein Leben fürchten musste. Er ist gar nicht glücklich über das Atomabkommen: «Man darf nie mit Terroristen verhandeln. Und wenn doch: weshalb waren die Menschenrechte kein Thema?»

Das Geld, das nun ins Land fliessen werde, komme nur dem Regime zu Gute, meint Farahanipour: «Die iranische Bevölkerung wird leer ausgehen.» Er fürchtet, dass sich der Westen aus Geschäftsinteresse mit den Mullahs arrangiert und die Menschenrechte auf der Strecke lässt – so wie sie es mit der kommunistischen Regierung in China getan habe. McDonald's habe bereits auf seiner Webseite Gesuche für Fastfood-Lizenzen im Iran aufgeschaltet.

Hamid Mossavi, Besitzer eines iranischen Restaurants, verfolgt die Politik nicht mehr. «Sie wühlt mich auf», sagt er. Seit er ein Kind war habe es immer geheissen: bald fällt das Regime, bald wird alles besser. Mittlerweile habe er die Hoffnung aufgegeben. «Es scheint so, als würde die Islamische Republik einfach immer an der Macht bleiben.»

Reich, gebildet und regimekritisch

Damit ist er repräsentativ für viele der iranischen Gemeinschaft in Los Angeles. Sie seien nicht mehr so politisch wie früher, sie hätten es aufgegeben, sagt Homa Sarshar. Die Journalistin moderiert ein wöchentliches Radioprogramm auf Farsi. Es ist eines von rund einem Dutzend exil-iranischen Radioprogrammen und Fernsehstationen hier.

Sarshar ist eine typische Vertreterin der iranischen Gemeinschaft in Los Angeles. Wie die meisten ist sie zu Zeiten der Revolution 1979 nach Kalifornien ausgewandert. Wie viele ist sie wohlhabend: 60 Prozent der iranischen Diaspora haben einen Hochschulabschluss, sie arbeiten als Ärzte, Ingenieure, Anwälte. Zwanzig Prozent der Immobilien im reichen Beverly Hills sind in iranischer Hand.

Sarshar sitzt auf dem Sofa in ihrer luxuriösen Wohnung zuoberst in einem Hochhaus. Durchs Fenster überblickt sie die Stadt, bis sie sich in der Ferne im Dunst auflöst.

Zum Atom-Abkommen sagt die Journalistin: «Es ist ein erster Schritt in Richtung Demokratie. Aber es ist nicht das, was ich mir erhofft habe. Menschenrechte, Frauenrechte und die politischen Gefangenen wurden ausgeklammert.»

In den siebenunddreissig Jahren ist Homar Sarshar nie in den Iran zurückgekehrt. Wird sie es jemals tun? «Ich möchte gerne. Es wird nicht bald sein. Wenn ich eines Tages zurückkehre, so heisst das, dass der Iran ein demokratisches und säkulares Land ist, wo ich mich als jüdische Frau und Journalistin frei bewegen kann.»