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International Ein Muslim für Europas grösste Metropole

Nach acht Jahren unter einem konservativen, populären und elitären Bürgermeister kehrt London zu Labour zurück: Der etwas unberechenbare Boris Johnson weicht dem Vollblutpolitiker Sadiq Khan, der damit das grösste Wählermandat des Königreichs vorweisen kann.

Londons neuer Bürgermeister Sadiq Khan mit Ehefrau Saadiya Khan vor dem Wahllokal.
Legende: Londons neuer Bürgermeister Sadiq Khan mit Ehefrau Saadiya Khan. Keystone

Es war kein erbaulicher Wahlkampf. Der konservative Kandidat, der idealistische Millionenerbe Zac Goldsmith, schubste seinen Gegner, den früheren Menschenrechtsanwalt Sadiq Khan, rücksichtslos in die extremistische Ecke und erhielt dabei Schützenhilfe vom Premierminister. So sollten, argwöhnte die Labour-Partei, andere ethnische Minderheiten wie Hindus und Sikhs gewonnen werden.

Khan selbst machte seine soziale und ethnische Herkunft zu einer Stärke: Er sei der Bub aus der Sozialwohnung, der die Wohnungskrise behebe, der Sohn eines Buschauffeurs, der den Nahverkehr erschwinglich mache und der britische Muslim, der den Extremisten die Stirne biete.

Pragmatisch und geschmeidig

Khan, der neue Bürgermeister, ist kein Ideologe, kein Dogmatiker. Wenn er den Wind im Gesicht spürt, ändert er seine Meinung. Einst war er für den Bau einer dritten Piste in Heathrow, jetzt ist er dagegen. Er nominierte als einer der wenigen Unterhausabgeordneten den Linksaussen Jeremy Corbyn als Parteichef, wählte dann aber selbst einen moderaten Kandidaten.

Mit dieser Geschmeidigkeit warb er um das Bürgermeisteramt. So umriss er die Wahl zwischen ihm und Goldsmith: Es gehe um Einheit oder Spaltung. Er stehe für alle Londoner ein, und nicht wie Donald Trump nur für eine Minderheit. Tatsächlich wird London immer mehr zum Reservat für die Wohlhabenden, die Finanzbarone und die Fluchtgeld-Oligarchen; Wohnraum in Reichweite der Innenstadt ist unerschwinglich geworden, neu gebaut werden Luxuswohnungen für Ausländer.

Sichere Distanz zum Labour-Chef

Khans Wahl ist ein Champagnerkorken für das multikulturelle London im besten Sinne. Er ist, im Gegensatz zu seinen Vorgängern Ken Livingstone und Boris Johnson, weder eine Primadonna noch ein Clown. Er ist schlicht Politiker. Seine Herkunft ist irrelevant.

Während des Wahlkampfes hat er sich deutlich vom linken Parteichef Corbyn und der stalinistisch angehauchten Führungsclique um ihn abgesetzt. Er hat die krass antisemitischen Pöbeleien von Ken Livingstone und einer ganzen Reihe meist muslimischer Kommunalpolitiker scharf verurteilt. Das hat dem Sohn pakistanischer Einwanderer und bekennenden sunnitischen Muslim offenkundig nicht geschadet.

Das Londoner Bürgermeisteramt hat beschränkte Kompetenzen bei Baubewilligungen, im öffentlichen Verkehr und bei der Polizeiaufsicht. Vor allem aber ist der Bürgermeister die Visitenkarte einer Metropole; das wird Sadiq Khan neu erfinden.

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Halbeisen (ch)
    Muslim oder nicht: Spielt keine Rolle? Eben doch. Es wird von der muslimischen Welt zur Kenntnis genommen. Und es wird auch solche geben, die Allahhu akkbar rufen werden. Ich denke auch, dass dieser Mann für die muslimische Welt ein Beispiel sein kann, dass man auch ohne Gewalt als Muslim Erfolg haben kann. Er kann auch ein Gegen-Beispiel zu Erdogan darstellen.
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  • Kommentar von Barbara Gysel, Zug (Barbara Gysel, Zug)
    Die Wahl von Sadiq Khan in London freut mich: wir haben damit einen Politiker, der etwa für gleichgeschlechtliche Partnerschaften ein- und dem in Europa keimenden Antisemitismus entgegentritt. Umso wichtiger, weil der ehemalige Bürgermeister Londons, Ken Livingstone, aufgrund antisemitischer Aussagen von der Partei suspendiert wurde. Wir brauchen Bürgermeister wie Sadiq Khan.
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    1. Antwort von marlene Zelger (Marlene Zelger)
      Ein Muslim, der für gleichgeschlechtliche Partnerschaft einsteht? Klingt etwas seltsam!
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    2. Antwort von Mich Horiz (Mich Horiz)
      Zelger: der islam ist eine religion, keine politische agenda. Ausser man ist radikal. Aber das ist bei Christen und Juden das selbe. Es gibt ja auch christen, die für die gleichgeschlechtliche ehe einstehen, obwohl der papst dies geziehlt ablehnt.
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  • Kommentar von Barbara Gysel, Zug (Barbara Gysel, Zug)
    Faktentreue statt Sensation: Gestern, am 6.5.2016, wurde Sadiq Khan in der Tagesschau als einziger Muslim mit einem Bürgermeister bezeichnet. Der obige Kommentar von Martin Alioth ist sachdienlich. Ja, nach dem Clown haben wir einen Politiker. Und falls die Herkunft vielleicht doch relevant ist: In Rotterdam hat Ahmed Aboutaleb seit 2009 das hohe Exekutivamt inne - bereits in seiner zweiten Amtszeit und für die Partij van de Arbeid, also das niederländische Pendant zu den SozialdemokratInnen.
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