«Ein starkes Symbol für den Schutz ganzer Identitäten»

Das Entscheid des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag ist ein Präzendenzfall. Erstmals wird jemand wegen der Zerstörung von Kulturgütern zur Rechenschaft gezogen. Professor Mirko Novák spricht über die Tragweite dieses Urteils.

Das Beispiel Palmyra: Ein russischer Soldat räumt die altrömischen Stadt nach der Befreiung vom IS von Minen.

Bildlegende: Das Beispiel Palmyra: Ein russischer Soldat räumt die altrömische Stadt nach der Befreiung vom IS von Minen. Keystone/Archiv

SRF News: Mirko Novák, ist das Urteil so ausgefallen, wie Sie erwartet haben?

Mirko Novák: Ja, ich habe es so erhofft. Nachdem man ihn überhaupt angeklagt hat und er geständig war, war mit diesem Urteil zu rechnen.

Welche Bedeutung hat dieses Urteil, wenn es um den Schutz von Kulturgütern in Konfliktregionen geht?

Es ist ein sehr starkes Symbol nach aussen hin. Man darf sich aber keine Illusionen machen, dass man in grossem Stil Leute mit der Anklage der Zerstörung von Kulturerbe vor Gericht bringen kann. Es ist ähnlich wie die bei den Kriegsverbrechern, es kommen auch nur die wenigsten vor Gericht. Aber das Urteil zeigt, dass sich die Weltgemeinschaft auf einen Wertekanon geeinigt hat, in den man eben auch Kulturgüter miteinbezieht. Und dass die Zerstörung derselben als Angriff auf das kulturelle Erbe nicht nur eines Landes, sondern der Menschheit generell gesehen wird. Insofern ist es ein wichtiges Zeichen nach aussen hin, das von den betroffenen Leuten auch als das wahrgenommen wird.

Wenn wir von verwüsteten Kulturstätten sprechen, meinen wir nicht nur diejenigen in Mali, sondern auch die Syrien und Irak. Hoffen Sie, dass dereinst auch die IS-Kämpfer vor Gericht kommen, die dort Kulturstätten zerstört haben?

Natürlich kann man diese Hoffnung hegen. In erster Linie werden sich diese Leute aber, wenn man sie tatsächlich irgendwann mal vor Gericht stellen kann, für die Gewalttaten verantworten müssen, die sie an Menschen begangen haben. Nichtsdestotrotz wird es irgendwann den einen oder anderen Fall geben, wo auch die Zerstörung von Kulturgütern durch den IS geahndet wird.

Demnach kommt in ebendiesen Regionen, in denen schreckliche Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, die Ahndung von Verbrechen an Kulturgütern so oder so an zweiter Stelle?

«  Der Schutz der Kulturgüter ist nicht vorrangig vor dem Schutz der Menschen, aber unbedeutend ist er nicht.  »

Natürlich. Aber der Mensch besteht ja aus mehr als aus seiner physischen Existenz. Es geht um ganze Identitäten, die sich an Kulturgütern festmachen. Der IS benutzt diese Bilder von der Zerstörung dieser Kulturdenkmäler ganz bewusst, um deutlich zu demonstrieren, dass er mit dem Konzept moderner Staaten wie Syrien und Irak nicht einverstanden ist. Der IS will eine supranationale Einheit, ein islamische Kalifat schaffen. Das Kalifat beruht auf ganz anderen Werten. Allein schon daran sieht man, welche grosse Bedeutung der Kulturgüterschutz hat. Insofern ist der Schutz der Kulturgüter nicht vorrangig vor dem Schutz der Menschen, aber unbedeutend ist er nicht. Genauso nehmen das die Leute vor Ort auch wahr. Wenn man sieht, mit welchem Engagement und mit welcher Inbrunst Leute in den Kriegsgebieten ihre eigenen Kulturstätten zu schützen oder wiederaufzubauen versuchen, dann spricht dies Bände. Es wird deutlich, welchen Stellenwert die Leute ihren Kulturgütern zuschreiben.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.

Mirko Novák

Professor Novák ist Extraordinarius für Vorderasiatische Archäologie an der Universität Bern. Seine Spezialgebiete sind Mesopotamien und die Levante, die Sozialökonomie des Alten Orients, Architekturanalysen, Ideologie und Programmatik im archäologischen Befund.