Griechen in der Schuldenfalle Ein Teufelskreis aus Steuererhöhungen

Die Griechenland-Gespräche gehen diese Tage in die nächste Runde. Das Land soll Steuern erhöhen, um höhere Einnahmen zu machen, finden die europäischen Gläubiger. Vor Ort führt das zu einem gefährlichen Teufelskreis.

Der Cube – also der Würfel – ist eine kleine Bürogemeinschaft im Herzen Athens. In kleinen Büros arbeiten hier ausschliesslich junge Leute, die eben erst eine Firma gegründet haben. Einer von ihnen ist der 30-jährige Giórgos Siátras.

Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner hat Siátras eine Marktlücke entdeckt: individuelle Bootstouren für Touristen. Per Mausklick können seine Kunden Tagesausflüge an paradiesische Strände in Griechenland buchen.

«Wenn die Einkommen sinken, steigt die Steuerhinterziehung»

Das Geschäft laufe gut, sagt er. Der Tourismus sei zurzeit das einzige, was in Griechenland wirklich funktioniere. Frei von Klagen ist er aber trotzdem nicht. Siátras: «Wir müssen extrem hohe Steuern zahlen. Es ist unmöglich, alle geschuldeten Steuern zu begleichen.»

«  Wenn die Einkommen sinken, steigt die Steuerhinterziehung, und wenn der Steuersatz steigt, steigt die Steuerhinterziehung noch weiter. »

Thodorís Georgakópoulos
Leiter eines Think Thanks

Dieses Lied hört man in Griechenland landauf landab – überall und von fast jedem. Beispielsweise Thodorís Georgakópoulos. Er leitet einen von Unternehmern finanzierten Think Tank. Das Land sei seit Jahren in einem Teufelskreis gefangen. «Wenn die Einkommen sinken, steigt die Steuerhinterziehung und wenn der Steuersatz steigt, steigt die Steuerhinterziehung noch weiter.»

Die Folgen seien gravierend. Der Staat verlierefast einen Drittelt seiner Steuereinnahmen durch Hinterziehung. Statt etwa 66 nimmt der Staat nur 50 Milliarden Euro ein. Georgakopoulos errechnet nicht nur den Verlust, sondern macht auch Vorschläge, wie es Griechenland besser machen könnte: «Steuergesetze müssen strikt umgesetzt und Hinterzieher härter bestraft werden.»

Gutscheine statt Geld

Es brauche aber auch mehr und besser ausgebildete Steuerkommissare. Gleichzeitig müsse die Regierung gewisse Steuern senken. Denn Steuergerechtigkeit und Wachstum könne es in Griechenland nur geben, wenn es gelinge, aus dem Leerlauf von Steuererhöhungen und Steuerhinterziehung auszubrechen.

«  Unternehmen zahlen ihre Angestellten nicht mehr nur mit Geld, sondern auch mit Gutscheinen für Supermärkte oder Restaurants. »

Dimitrís Karageorgópoulos
Gewerkschafter

Doch noch sind die ehrlichen Steuerzahler selten. Das zeigt auch ein Besuch bei Gewerkschafter Dimitrís Karageorgópoulos. Er erzählt von einem Trick, den Firmen neuerdings anwendeten: «Firmen zahlen ihre Angestellten nicht mehr nur mit Geld, sondern auch mit Gutscheinen für Supermärkte oder Restaurants.»

Diese Gutscheine aber tauchten in keiner Abrechnung auf, auf sie zahle niemand Steuern oder Abgaben. Eine illegale Praxis, die um sich greife. «Wir schätzen, dass in ganz Griechenland 70'000 Personen ihren Lohn oder zumindest einen Teil davon als Gutscheine erhalten.» Tendenz steigend.

Einschätzung von SRF-Wirtschaftsredaktorin Maren Peters

Weitere Steuererhöhungen in Griechenland können kaum funktionieren. Die Lage in Griechenland ist seit Jahren kompliziert: Das Land ist hochverschuldet und kann ohne Kredite der internationalen Gläubiger nicht überleben. Die Gläubiger fordern als Gegenleistung für Kredite unter anderem höheren Steuereinnahmen. Weil aber rund die Hälfte der Griechen aufgrund hoher Freibeträge gar keine Einkommenssteuern zahlt und viele Steuerschulden nicht eingetrieben werden, kommt nicht genug Geld in die Staatskassen.

Der Staat muss daher die Steuern immer weiter erhöhen und die wenigen Griechen, die Steuern bezahlen, müssen immer mehr berappen. Das erschwert privatwirtschaftliche Initiativen, bremst den Konsum und belastet das Wachstum. Im Moment wird wieder intensiv über die Frage diskutiert, wie Griechenland aus dem Schulden kommen soll. Eine klare Antwort gibt es nicht. Griechenland ist mit 180 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet – das ist gigantisch viel.

Der IWF ist der Meinung, dass Griechenland zwingend weitere Schuldenerleichterungen braucht, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Durch Wirtschaftswachstum alleine sei das nicht zu schaffen. Die europäischen Gläubiger auf der anderen Seite sehen das ganz anders: Sie prognostizieren, dass Griechenland ab dem nächsten Jahr wieder hohe Haushaltsüberschüsse erzielen kann, auch durch hohe Steuereinnahmen. Viele Ökonomen halten diese Annahme aber für ziemlich unrealistisch.