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Minderjährige auf der Flucht «Eine Epidemie sexueller Misshandlung von Flüchtlingskindern»

Eine Studie zeigt auf: Die Lage der Kinder und Jugendlichen in griechischen Flüchtlingslagern ist alarmierend.

Legende: Audio «Sie bieten sich für 15 Euro an.» abspielen. Laufzeit 02:59 Minuten.
02:59 min, aus HeuteMorgen vom 26.04.2017.

Die EU hat untersucht, wie Griechenland mit den Flüchtlingen fertig wird. Grundsätzlich funktionierten die Registrierzentren, die helfen sollten, den Andrang von Flüchtlingen auf den Ägäis-Inseln in geordnete Bahnen zu lenken. Geforderte Verbesserungen gibt es aber viele. Doch die sind nicht so schnell in Sicht. Die überfüllten Lager sind vor allem für unbegleitete Minderjährige ein grosses Problem, sagt Journalistin Corinna Jessen.

Mir haben Mädchen immer wieder erzählt, dass sie sich aus Angst vor Übergriffen nachts kaum auf die Toilette trauen.

SRF News: Unter den Flüchtlingen auf den Ägäis-Inseln sind viele unbegleitete Minderjährige. Wie ist ihre Situation?

Corinna Jessen: Abgesehen von der psychischen Belastung, die eine Flucht für ein auf sich gestelltes Kind ohnehin schon bedeuten dürfte, erhalten sie hier nur bedingt die nötige professionelle Zuwendung. Es fehlt an Ansprechpartner, die ihre Sprache sprechen und Anleitungen, wie sie ihren Asylantrag stellen müssen. Meist mangelt es auch an einer altersgerechten Unterbringung. Die Kinder und Jugendlichen werden oft zusammen mit fremden Erwachsenen untergebracht. Vor allem für Mädchen ist es sehr schwierig, dass sie sich genügend von den männlichen Mitbewohnern abgrenzen können. Mir haben Mädchen immer wieder erzählt, dass sie sich aus Angst vor Übergriffen nachts kaum auf die Toilette trauen.

Inwiefern sind denn diese jungen Flüchtlinge solchen Übergriffen besonders ausgesetzt?

Die Harvard-Universität hat gerade eine alarmierende Studie vorgelegt, in der die Forscher von einer Epidemie sexueller Ausbeutung und Misshandlung von Flüchtlingskindern in Griechenland sprechen. Um ihre Schulden bei Schleppern zu bezahlen, bieten sie sich sowohl in den Grossstädten wie auch in der Provinz für durchschnittlich 15 Euro an. Vorrangig sind das Jungen aus Afghanistan, Syrien, Irak und dem Iran. Oft könnten die Jugendlichen ihre Schulden dennoch nicht abbezahlen und verfallen dann auch noch der Drogensucht. Die Kinder und Jugendlichen haben also viele Probleme und viele von ihnen dürften tatsächlich Opfer von sexueller Gewalt werden.

Die EU-Prüfer fordern in ihrem Bericht, dass diese unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge separat untergebracht werden – und einen schnelleren Zugang zum Asylverfahren erhalten. Reicht das, um die Lage der Jugendlichen zu verbessern?

Die Prüfer schlagen auch vor, in jedem Hotspot und Lager einen Kinderschutzbeauftragten einzusetzen. Das wäre zumindest ein Anfang, um eine Anlaufstelle zu bieten. Natürlich muss der Betreffende auch die jeweilige Sprache sprechen oder über ausreichend geschulte Dolmetscher verfügen.

Um ihre Schulden bei Schleppern zu bezahlen, bieten sie sich für 15 Euro an.
Ein Mädchen mit Kopftuch läuft an aufgestellen Zelten vorbei. Von hinten gesehen.
Legende: Es mangelt oft an altersgerechter Unterbringung. Reuters

Darüber hinaus muss es aber auch genügend Einrichtungen geben, die die Kinder von der Strasse holen und dafür sorgen, dass sie ausreichend Zuwendung erhalten und versorgt werden. Vor allem: umfassender in Beschulungsprogramme und Sprachunterricht integriert werden. Man muss betonen, dass es eine ganze Anzahl solcher Einrichtungen gibt. Sie bemühen sich auch wirklich sehr. Aber es sind zu wenige. Meist werden sie von privaten Hilfsorganisationen betrieben, die schnell an ihre Grenzen stossen. Es bedarf also auch hier einer besseren Koordination.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Corinna Jessen

Corinna Jessen bei TV-Schaltung nach Athen mit Mikrofon.

Corinna Jessen ist freie Journalistin in Athen, Korrespondentin für mehrere deutschsprachige Tageszeitungen und Mitarbeiterin des ZDF. Sie ist in Athen geboren und aufgewachsen. Studiert hat sie in Deutschland.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Die Flüchtlinge und Migranten bringen selbstverständlich all ihre Probleme und mit - das kann doch nicht erstaunen! Zu glauben, der ganzen Welt "Menschenrechte und Demokratie" lehren zu müssen - notfalls mit Krieg, hat Europa in die ungemütliche Situation gebracht, in der es heute steckt. Es gibt Eltern, die gebären jedes Jahr ein neues Kind, um es verkaufen zu können... Das hat mit Armut zu tun - Armut entsteht u.a. durch Ausbeutung, meist durch internationale Konzerne...
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Direkt im Park vor dem Harvard University habe ich obdachlose Kinder und Erwachsene gesehen. Meinen die Harvard-Professoren wirklich, diese würden sich nicht für 15 USA anbieten? Ich habe langsam das Gefühl, dass diese Tränendrüsendrück-Kampagne gänzlich aus dem Ruder läuft. Es zieht nämlich nicht in Betracht, dass es vor unserer Haustüre Probleme gibt, die verglichen mit unserer Lebensweise genauso erschütternd sind, wie die Flüchtlingskinder aus Afrika. Und die Bevölkerung sieht das.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Stimmt. Und nachgewiesen ist, dass in vielen Drittwelt-Ländern die Eltern selber ihre Kinder für Sex, oder als Ehefrauen an alte Säcke verkaufen. Und Realität ist auch der weltweite Missbrauch & die Gewalt gegen Frauen & Kinder durch Sekten, religiöse Gemeinschaften & Kirchenvertreter aller Konfessionen und Religionen usw. Und junge Mädchen hierher gelockt, zur Prostitution gezwungen, man sie auf dem Strassenstrich findet, schämt sich keiner, der sich an ihnen bedient. Missbrauch ist das auch.
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  • Kommentar von elize naude (elize)
    in diesen bericht passt nicht alles zusammen...
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