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International Eine Mordwelle überrollt Chicago

Chicago ist bekannt für seine Architektur, für triefende Pizzas und diverse Sportmannschaften. Doch in jüngster Zeit macht die Drei-Millionen-Stadt am Lake Michigan auch mit traurigen Zahlen auf sich aufmerksam: In keiner anderen Stadt in den USA werden so viele Menschen ermordet.

Weisse Polizisten überprüfen einen jugendlichen Afroamerikaner: Der eine Beamte tastet ihn ab, der andere schreibt auf der Kühlerhaube des Polizeiautos ein Protokoll.
Legende: Rassismus in der Polizei und eine hohe Kriminalitätsrate bei Schwarzen: Chicagos Polizeichef nimmt alle in die Pflicht. Reuters

In Chicago dominiert ein Thema die Radionachrichten: Waffengewalt, Mord und Totschlag. Die drittgrösste Stadt der USA ist blutig ins Jahr gestartet. Bis Ende März gab es schon mehr als 100 Morde. Dabei gab es schon im letzten Jahr einen Rekord von 2900 Schiessereien und 468 Todesopfern. Die meisten davon in den Quartieren westlich und südlich der Innenstadt. Im Süden Chicagos wohnen vor allem Afroamerikaner. Dort stehen viele Häuser leer, Türen und Fenster sind verbarrikadiert. Leute lungern herum. Sie haben keine Arbeit, dafür Alkohol und Drogen.

Die Leute sind verzweifelt und tun, um zu überleben, bedauerlicherweise oft illegale Dinge.
Autor: Roderick SawyerAbgeordneter im Stadtparlament Chicagos

Alderman Roderick Sawyer vertritt den Südteil von Chicago im Stadtparlament. Sein Büro im Quartier befindet sich in einer weissen Baracke und ist nur notdürftig eingerichtet. Für ihn hat die grosse Zahl der Morde vor allem ein Grund: «Mangelnde Chancen. Es gibt hier keine Ausbildung, keine Arbeitsplätze, keine Lebensmittelläden mit frischen Produkten. Die Leute sind verzweifelt und tun, um zu überleben, bedauerlicherweise oft illegale Dinge.»

Die Situation in den Armenquartieren ist zwar schon seit mehreren Jahrzehnten desolat, doch in letzter Zeit kommen Verzweiflung und Aussichtslosigkeit dazu. Die heile Welt mit den Touristen, den edlen Hotels und den Einkaufsläden ist nur zehn Autominuten entfernt: «Downtown ist eine der schönsten Gegenden der Welt», findet Sawyer. Aber davon spüre man hier leider nichts.

Gangs und Rassismus bei der Polizei

Experten nennen weitere Gründe für die vielen Morde: Gangs und Drogenbanden, die um Einfluss und Territorium kämpfen; die vielen illegalen Waffen; der warme Winter; der Fakt, dass Kriminelle zu schnell wieder aus dem Gefängnis kommen. Zudem ist die Polizei von Chicago wegen diverser Übergriffe massiv unter Beschuss geraten. Das US-Justizministerium untersucht die Vorfälle. Ein Bericht der Stadt Chicago konstatierte kürzlich systematischen Rassismus im Polizeikorps.

Für eine Flut von Schlagzeilen sorgte der Fall eines weissen Polizisten, der einen schwarzen Teenager mit 16 Schüssen niedergestreckt hatte, obwohl dieser nur ein Klappmesser trug. Filmaufnahmen der Polizei wurden mehr als ein Jahr unter Verschluss gehalten. Das hat dem Polizeichef seine Stelle und dem Bürgermeister fast sein Amt gekostet.

Die Polizisten machen deshalb bloss noch Dienst nach Vorschrift.
Autor: Dean AngeloPräsident der lokalen Polizeigewerkschaft

Die Moral im Polizeikorps sei auf einem Tiefststand, klagt Dean Angelo, Präsident der lokalen Polizeigewerkschaft «Fraternal Order of Police». Die Beamten hätten das Gefühl, sie würden alle über denselben Kamm geschert. «Die Polizisten machen deshalb bloss noch Dienst nach Vorschrift», sagt Angelo in seinem Büro, hinter ihm dekorieren Abzeichen und Urkunden die Wand.

Seit Jahresbeginn hat die Polizei 30 Prozent weniger Verdächtige verhaftet und 80 Prozent weniger Ausweise kontrolliert. «Jedes Mal, wenn sie jemanden anhalten, zücken die Leute ihr Handy, filmen und beschimpfen die Polizisten wie nie zuvor».

Bei den meisten Morden sind Täter und Opfer Afroamerikaner. Auch das muss aufhören!
Autor: Roderick SawyerAbgeordneter im Stadtparlament Chicagos

Ein neuer Polizeichef soll es richten. Eddie Johnson ist Afroamerikaner, stammt aus armen Verhältnissen und ist in einer der berüchtigten sozialen Wohnbausiedlungen Chicagos aufgewachsen. Seine Hauptaufgabe ist es, das Vertrauen zwischen der Polizei und der Bevölkerung wiederherzustellen. Das sei richtig und wichtig, sagt der Stadtabgeordnete Roderick Sawyer.

Die weissen Polizisten müssten die Afroamerikaner korrekt behandeln. Aber auch die schwarze Bevölkerung stehe in der Pflicht. «Bei den meisten Morden sind Täter und Opfer Afroamerikaner, meistens sogar noch Teenager. Auch das muss aufhören!»

Es ist frustrierend, aber ich gebe nicht auf.
Autor: Roderick SawyerAbgeordneter im Stadtparlament Chicagos

Einfach lässt sich der blutige Trend in Chicago nicht wenden, das weiss auch Roderick Sawyer. «Es ist frustrierend, aber ich gebe nicht auf. Ich werde hier nicht weggehen. Ich werde weiterkämpfen.»

Die Lösung liege eigentlich auf der Hand: Die Stadt und die Privatwirtschaft müssten endlich mehr Geld in die armen Quartiere investieren, nicht nur dort, wo die Wohlhabenden zu Hause seien. Das ist eine einfache Lösung, aber Chicagos Vergangenheit zeigt, dass es schwierig ist, sie zu realisieren.

12 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Die Behauptung, dass das erst seit kürzlich ist - gilt als erstunken und erlogen. Chicago South ist seit mindestens 1985 ein Brennpunkt in der US Kriminalität. FBI Crime Statistik. Dort wechseln sich St. Louis, Baltimore, Oakland, Chicago und New Orleans mehr oder weniger regelmässig in den "Top 20" Crime Cities
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  • Kommentar von Udo Gerschler (UG)
    Genau das kommt auf Europa zu.Auch hier gibt es genug No Go Areas wo die Situation ähnlich ist und die Polizei außer Razien mit anschließender Freilassung von Verbrechern nichts machen kann.
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    1. Antwort von Peter Holzer (Peter Holzer)
      Aber gleichzeitig will man die Waffengesetze in der CH liberalisieren, was für ein Hohn!
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    2. Antwort von Michael Oppliger (Ber(li)ner)
      @Herr Gerschler: Bitte zählen Sie mir eine NoGoArea in der Schweiz auf. Also ich gehe immernoch gerne nach Bümpliz und kann dort auch frei und bedenkenlos herumlaufen und zwar rund um die Uhr.
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    3. Antwort von R. Glättli (R. Maier-G.)
      Herr Oppliger, dann kommen Sie mal nach Zürich oder in eine stadtnahe Gemeinde! Danach stimmen Sie Herrn Gerschler bedingungslos zu! Vielleicht setzen Sie sogar noch einen drauf! ;-)
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    4. Antwort von Udo Gerschler (UG)
      Herr Oppliger,gerade wenn ich in Bern bin sehe ich das sich viel zum negativen geändert hat.Um den Bahnhof(außer Vorplatz)herum sieht es mittlerweile wie ein Kriegsgebiet aus.Da ich seltener in Bern bin nehme ich das wahrscheinlich eher als sie war.Fühle mich aber in der Schweiz immer sehr wohl egal ob Deutsch,Französisch oder Italienische Schweiz.
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    5. Antwort von Michael Oppliger (Ber(li)ner)
      @Gerschler: Also bitte, "rund um den Bahnhof sieht es mittlerweile wie im Kriegsgebiet aus". Sie waren wohl noch nie im Krieg? Das ist doch jetzt wirklich eine gar zu einfache Pauschalisierung. @Glättli: Ich war auch schon in zürich aber da wurde ich leider nur von schweizer Mitbürgern "angehässelet" als ich nach dem Weg fragte. Man kann nicht alle in einen Topf werfen. Es gibt nette Schweizer und weniger nette, so wie es nette Ausländer gibt und weniger nette.
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  • Kommentar von Nikolas Wirz (Libertär «don't tread on me»)
    Schon seit Jahrzehnten wählt die grösstenteils afroamerikanische Bevölkerung Chicagos ausschliesslich die Demokraten und seit Jahrzehnten verschlechtert sich die Situation der Bürger Chicagos ununterbrochen. Chicago ist das Paradebeispiel warum Wohlfahrtspolitik so zerstörerisch wirkt. Vielleicht wäre es einmal Zeit für einen Republikanischen Bürgermeister. Nur so eine Idee.
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    1. Antwort von Bruno Vogt (b.vogt)
      Sehr guter Punkt, das Vorsorgesystem der Stadt steht vor dem finanziellen Abgrund, davon wird man in Zukunft sicherlich noch einiges hören. Ausserdem ist es, für amerikanische Verhältnisse, eine Stadt mit extrem strengen Waffengesetzen und trotzdem versinkt sie im Blutbad. Das sollte Obama's Argument das eine schärfere Waffengesetzgebung automatisch für mehr Sicherheit sorgt ordentlich widerlegen. Nur werden diese Punkte natürlich weder hier, noch in den US-Medien angesprochen.
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    2. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      Als Rudolph Giuliani als Republikaner 1994 Bürgermeister im lange Zeit demokratisch regierten NYC wurde, gingen die Verbrechen binnen weniger Wochen massiv zurück. Chicago scheint dasselbe Problem zu haben, wie NYC Anfang der 90er Jahre....
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    3. Antwort von Martin Brunner (Frontal)
      Ja wenn es so einfach wäre, die Republikaner sind kein bisschen besser mit ihrer rückständigen und konservativen Politik. Auch richtet ihre Politik sich oft genau gegen die schwarzen Schichten so wie z.B. die Bekämpfung von sozialen Reformen (wie u. a. Gesundheitsreform). Übrigens @Ducrey, sie haben recht Giuliani war ein sehr fähiger Bürgermeister, doch er amtete sehr liberal und Parteiübergeordnet, aus diesem Grund ist sein Erfolg auch eher seiner Person als seiner Partei zuzuschreiben.
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    4. Antwort von Guy Fawkes (Guy Fawkes)
      "Grösstenteils afroamerikanisch" ist gemäss dem US Census Bureau falsch. http://www.census.gov/quickfacts/table/PST045215/1714000 Ausserdem wurde Richard Daley 2005 vom Time Magazine zu einem der besten fünf Bürgermeister von Großstädten gewählt.
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