«Eine Situation wie im Sommer 1914 in Europa»

Ist die Zündschnur am Pulverfass Nahost bereits angesteckt? Der Nahost-Experte Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sagt im Interview mit «RendezVous» von Radio SRF, die Unsicherheit nehme zu. Und dies könnte Reaktionen auslösen, die zu grösserem Unheil führen.

Israelische Panzer auf den Golanhöhen.

Bildlegende: Israelische Panzer auf den Golanhöhen: Die Armee zeigt sich für Bedrohungen bereit. Reuters

Radio SRF: Wie ernst ist die Lage im Nahen Osten zurzeit?

Volker Perthes: Die Lage ist ernst. Aber sie ist es nicht erst seit dem Wochenende. Wir haben einen Spannungszustand im Nahen Osten, der seit Monaten anhält, und das nicht nur in Syrien, wo Bürgerkrieg herrscht. Wir haben eine grosse Verunsicherung bei allen Herrschaftseliten in der Region. Und es gibt Kräfte, die immer wieder Öl ins Feuer giessen – das ist jetzt am Wochenende wieder geschehen.

Gewaltige Explosionen erschütterten Damaskus – laut syrischen Angaben wurde eine militärische Forschungseinrichtung nahe der Hauptstadt bombardiert. Warum riskiert Israel in dieser Situation so viel?

Israel reagiert in solchen Situationen nach jenen Kriterien, die es selbst anlegt, um seine nationalen Sicherheitsbedürfnisse zu messen. Konkret: Man denkt in Israel nicht über unerwünschte Konsequenzen nach. Sondern man sagt: ‹Es ist Gefahr im Verzug. Es gibt möglicherweise eine gefährliche Waffenlieferung an die Hisbollah. Da schlagen wir zu, wenn wir Gelegenheit haben. Über die Folgen reden wir dann, wenn sie auftreten.›

Wie realistisch ist denn das offiziell unbestätigte Szenario, dass Israel eine Raketenlieferung aus Iran an die Hisbollah bombardierte?

Ich halte das für wahrscheinlich, obschon ich natürlich auch nicht genau weiss, was dort geschehen ist. Auch die meisten Syrer wissen wohl nicht so genau, was in diesem grossen Komplex genau getroffen worden ist. Wir wissen jedoch, dass es in diesem Gebiet nordwestlich von Damaskus sehr viele militärische Einrichtungen gibt. So hat die Republikanische Garde dort die eine oder andere Kaserne. Es gibt Waffenlager und es gibt Forschungszentren. Was genau getroffen und zerstört worden ist, wissen wir allerdings nicht.

Wie kommen Raketen, die möglicherweise an die Hisbollah hätten geliefert werden sollen, aus dem Iran nach Damaskus – mitten im Bürgerkrieg?

Es gibt einen beständigen Strom an Waffen aus dem Iran über Damaskus in den Libanon an die Hisbollah. Der Flughafen von Damaskus ist dabei der wesentliche Umschlagspunkt. Was wir in jedem Fall sagen können ist, dass es den Israeli immer um eine Bedrohung des eigenen Staates geht, wenn sie einen solchen Angriff fliegen. Es geht Israel nicht darum, in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen – selbst wenn jede Aktion dieser Art auch für den Bürgerkrieg Folgen haben wird.

Ist denn die Gefahr für Israel derart gross, dass es lieber den berechenbaren Feind Assad angreift mit dem Risiko, den Rebellen zu helfen? Denn unter diesen sind ja auch Islamisten, die keine Freunde Israels sind.

Nun, da kann ich nur interpretieren: Letztlich ist es so, dass Israel lieber mit dem Regime Assad umgeht. Denn da geht Israel davon aus, dass die Reaktionen kalkulierbar sind. Offenbar geht man davon aus, dass eine Reaktion allenfalls aus dem Beschuss Israels mit einzelnen Scud-Raketen bestehen könnte. Und die hofft man mit dem eigenen Anti-Raketensystem abfangen zu können.

Wenn ich das richtig verstehe: Sie denken also nicht, dass wir uns an einem Wendepunkt im Syrien-Konflikt befinden?

Das weiss man bei den Wendepunkten ja immer erst im Nachhinein. Und dann sind sich alle einig, dass wir vorher gewusst haben, dass das der Wendepunkt war. Es ist sicher so, dass die israelischen Angriffe eine weitere Stufe der Eskalation darstellen. Sie belassen die Verantwortlichen in Syrien, im Libanon, in Israel mit noch mehr Unsicherheit und Ungewissheit. Doch Unsicherheit und Ungewissheit sind sehr schlechte Ratgeber in der Politik. Daraus entstehen gelegentlich Reaktionen, die zu grösserem Unheil führen können. Ich habe schon vor einigen Monaten die Situation im Nahen Osten mit jener in Europa im Sommer 1914 verglichen: Niemand will den grossen Krieg. Aber alle bewegen sich sozusagen auf dem Rande und hoffen, dass sie nicht abstürzen.

(snep)

Israels Erzfeind

Die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah kämpft im Syrienkrieg eng an der Seite des Regimes von Präsident Assad. Während des Libanonkriegs 2006 hatte die Hisbollah Tausende Raketen auf Israel abgefeuert. Dort sorgt man sich nun, der Hisbollah könnten in Syrien Chemiewaffen oder hochmoderne russische Flugabwehrraketen in die Hände fallen.