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International «Einige mögliche Nachfolger von Mansur sind radikaler»

Die Tötung des Taliban-Führers sei ein Erfolg für den Frieden, sagen die USA. Das Gegenteil befürchtet der Afghanistankenner Thomas Ruttig. Er glaubt, dass die versuchte Aufsplitterung der Taliban den Krieg verschärfen und die Lage noch unübersichtlicher machen könnte.

Ein ausgebranntes Auto, darum Männer.
Legende: Nach dem Anschlag auf Taliban-Führer Mansur, könnte die Taliban noch unberechenbarer werden, glaubt Thomas Ruttig. Keystone

SRF News: Die USA sprechen davon, dass die Tötung des Talibanführers Mullah Mansur den Frieden vorantreiben wird, doch ist nicht gerade das Gegenteil der Fall?

Thomas Ruttig: Ich befürchte auch, dass diese Aktion die Friedensgespräche nicht befördern wird. Es gibt hier die vierseitige Vorbereitungsgruppe bestehend aus Vertretern der Regierungen Afghanistans, Pakistans, den USA und China. Die haben sich vor wenigen Tagen getroffen und sich darauf geeinigt, den Friedensprozess voranzutreiben. Wenn man jetzt das Oberhaupt der Bewegung tötet, mit der man eigentlich reden will, ist das möglicherweise kontraproduktiv.

Ist es möglich, dass noch radikalere Kräfte auf Mansur folgen werden?

Durchaus. Noch ist unklar, wer Nachfolger von Mullah Mansur wird. Das ist unklar. Mansur hatte zwar zwei Stellvertreter, aber die gelten nicht unbedingt als Favoriten für die Nachfolge. Zwei der Namen, die als Nachfolger gehandelt werden, sind radikaler als Mansur.

Das heisst der Hydra werden weitere, hässliche Köpfe wachsen, die dann wieder abgeschnitten werden müssen.

Die Frage ist, ob man die wirklich abschneiden muss. Sollte es nun radikaler werden, wird sich wahrscheinlich die Argumentationslinie verstärken, dass man das tun muss. Man muss sich entscheiden, ob man Friedensgespräche will. Das heisst ja nicht, dass der Krieg oder die militärische Auseinandersetzung eingestellt werden muss. Die Taliban machen das auch nicht. Beide Seiten kämpfen manchmal und reden manchmal – und das schon über viele Jahre. Ich glaube nicht, dass der Tod Mansurs ein grosser Fortschritt in Richtung Friedensgesprächen ist. Allerdings wird die afghanische Regierung zufrieden sein. Denn sie hat seit Längerem darauf gedrängt, dass die USA genau solche Aktionen unternehmen. Auch um zu zeigen, dass die Taliban sich in Pakistan aufhalten. Dieser Drohnenschlag ist ja in Pakistan passiert.

Ich befürchte, dass viele Splittergruppen noch viel schwerer zu handhaben sind als eine halbwegs geeinigte Bewegung wie sie bisher existiert hat.

Die afghanische Regierung denkt, dass es gut ist, wenn man Zerwürfnisse in die Taliban, sie vielleicht sogar zur Spaltung bringen kann. Ich befürchte allerdings, dass viele Splittergruppen dann noch viel schwerer zu handhaben sind als eine halbwegs geeinigte Bewegung wie sie bisher existiert hat.

Ist der tote Mann Mansur für die Taliban nur beschränkt ein Problem?

Es ist schon ein Problem. Mansur war ein relativ etablierter Führer. Er hatte die Talibanbewegung schon viele Jahre aus dem Hintergrund geführt, schon als Mullah Omar noch lebte. Es gibt momentan niemanden in der Bewegung, der genauso konsolidiert ist. Deshalb wird dieser Prozess eine ganze Weile dauern und könnte natürlich auch zu inneren Auseinandersetzungen führen. Auf die hoffen manche hier. Aber ich glaube, dass das den Krieg verschärfen könnte und auch die Lage unübersichtlicher macht.

Mansur wurde in der pakistanischen Provinz getötet. Das sagt immer noch einiges über Pakistan aus.

Es ist das erste Mal, dass die Amerikaner ausserhalb der umstrittenen Stammesgebiete zwischen Afghanistan und Pakistan zugeschlagen haben. Der Angriff geschah in der Provinz Belutschistan, die eindeutig zu Pakistan gehört. Es ist auch ein Signal Richtung Pakistan, die Taliban nicht mehr so stark zu unterstützen, sondern Druck auf sie auszuüben. Pakistan hatte bisher immer verbale Zugeständnisse gemacht, aber praktisch ist nicht viel passiert.

Das Gespräch führte Simon Leu.

Thomas Ruttig

Thomas Ruttig

Der Mitbegründer und Co-Direktor des «Afghanistan Analysts Networks», einem unabhängigen Think Tank mit Sitz in Kabul und Berlin, beschäftigt sich seit den 1980er Jahren mit Afghanistan. Er hat dort über zehn Jahre gelebt und gearbeitet.

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