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Einladung von Kim Jong-un Trump pokert hoch

Legende: Video Donald Trump macht ernst mit Strafzöllen auf Stahl abspielen. Laufzeit 1:27 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 09.03.2018.

Manche Beobachter sind begeistert, andere hochgradig irritiert, allesamt aber sind sie verblüfft. Nach Monaten des Säbelrasselns, der harschen Worte und Drohungen soll nun also ein Dialog beginnen, und zwar gleich auf höchster Ebene. Dies, nachdem es zwischen Washington und Pjöngjang seit 2012 keinen nennenswerten Dialog mehr gibt, sondern bestenfalls diskrete Treffen auf niedrigrangiger Ebene.

Sowohl Kim Jong-un als auch Donald Trump gelingt mit dem geplanten Treffen fraglos ein Coup. Die weitaus wichtigere Frage ist jedoch, was ein solcher bilateraler Gipfel tatsächlich bringen kann. Denkbar ist alles: von einer raschen Einigung bis zu einem diplomatischen Eklat. Und auch die Variante dazwischen – nämlich der Beginn eines langen und schwierigen Verhandlungsprozesses.

Nordkorea sucht Anerkennung der USA

Das Regime in Pjöngjang sehnt sich seit langem nach Direktverhandlungen mit Washington. Nicht mit der UNO will es reden, nicht mit einer Ländergruppe, sondern gleich und exklusiv mit der Supermacht USA selber. Es will von dieser als militärische Regionalmacht in Ostasien anerkannt werden und es will Garantien, dass die Vereinigten Staaten nichts unternehmen zum Sturz der nordkoreanischen Machthaber.

Bisher war das Kim-Regime jedoch nicht bereit, über sein Atom- und Raketenprogramm zu verhandeln, allenfalls dieses gar wegverhandeln zu lassen. Es galt und gilt als absolut zentral, um die Machtverhältnisse in Nordkorea zu zementieren.

Woher kommt Pjöngjangs Kehrtwende?

Das ist nun auf einmal anders. So zumindest die Signale aus Pjöngjang. Der Meinungswechsel kann zwei völlig unterschiedliche Gründe haben: Entweder greifen die in den letzten Jahren Schritt für Schritt verschärften Sanktionen und tun derart weh, dass Kim einlenken muss.

Oder aber er fühlt sich derart sicher im Sattel, dass er glaubt, sich Verhandlungen und allenfalls gar Zugeständnisse erlauben zu können, ohne seine Macht zu gefährden. Denn das hat für ihn absolute Priorität.

Trump wittert epochalen Erfolg

Trump wiederum traut sich offenbar zu, etwas zu erreichen, an dem alle seine Vorgänger scheiterten. Nämlich Nordkorea Konzessionen abzutrotzen im einzigen Bereich, der für die USA wirklich zählt, also beim Atomprogramm: Als erstes wohl einen Stopp der Atom- und Raketentests, einen Stopp der Produktion spaltbaren Materials und die Rückkehr der Inspektoren der UNO-Atombehörde IAEA nach Nordkorea, um Transparenz zu schaffen.

Gelänge das, hätte Trump, der bislang auf der diplomatischen Bühne so gut wie nichts erreicht hat, einen Grosserfolg eingefahren.

Ist Trump geeignet?

Für die Regierung in Washington ist klar: Es darf nicht sein, dass Pjöngjang einmal mehr Verhandlungen missbraucht, um Zeit zu gewinnen und sein Atom- und Raketenprogramm weiter auszubauen. Deshalb soll es nicht allein schon als Belohnung für Gespräche eine Lockerung der Sanktionen geben. Sondern frühestens, wenn Kim konkrete Schritte unternimmt zur Denuklearisierung.

Die Frage, die sich nun viele stellen: Ist Trump der geeignete Mann für das, was nun kommt? Ist er imstande mit ruhiger Hand und kühlem Kopf Verhandlungen zu führen mit einem geschickt taktierenden Jung-Diktator? Verfügt Trump für diese Verhandlungen über eine klare Linie, die er auch einzuhalten gedenkt. Besitzt er die nötige Geduld? Bringt er die erforderliche Mischung aus Härte und Zielstrebigkeit hin? Und lässt er sich, wie es in diesem Fall zwingend ist, beraten?

Für Trump steht mehr auf dem Spiel

Ein Gipfeltreffen im Mai in Pjöngjang, in Seoul, in der demilitarisierten Zone zwischen den beiden Korea – oder sogar in Genf – ist für beide Seiten riskant. Für Trump allerdings mehr noch als für Kim.

Erreicht er nichts, dreht ihm Kim am Ende eine lange Nase, indem er dann doch zu keinerlei Einlenken beim Atomprogramm bereit ist, dann schenkt der US-Präsident dem nordkoreanischen Regime den Triumph eines Gipfeltreffens mit der Supermacht, ohne irgendetwas zu erreichen. Trump würde dann erneut eine diplomatische Schlappe einfahren.

Kann sich Kim das leisten?

Auch für Kim ist der Gipfel nicht risikolos – allerdings kann er die Berichterstattung im eigenen Land weitaus besser steuern. Doch so abgeschottet ist Nordkorea nicht mehr, dass nichts ins Landesinnere dringt.

Ein Gipfeltreffen mit den USA dürfte auch unter den Nordkoreanern Hoffnungen wecken, Hoffnungen auf ein endlich besseres Leben. Und da stellt sich erneut die Frage: Sitzt Kim sicher genug im Sattel, damit er sich eine Normalisierung leisten kann? Eine Situation ohne Feindbilder, ohne Atombomben, ohne Sanktionen?

Jedenfalls wäre schon viel erreicht, wenn die jetzige Ankündigung bedeuten würde, dass man sich auf einen langen, holprigen Weg der Annäherung begibt. Selbst wenn das Ziel noch in weiter Ferne liegt.

Fredy Gsteiger

Fredy Gsteiger

Diplomatischer Korrespondent, SRF

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Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».

23 Kommentare

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  • Kommentar von martin blättler (bruggegumper)
    Abe Lincoln war mitnichten ein überzeugter Gegner der Sklaverei,trotzdem hat er diesem Unwesen das Ende in den USA bereitet und ging als grosser Präsident in die Geschichte ein. Wenn Trumps Gegner hier ein Debakel herbeiwünschen,zeigt das lediglich,wo deren Prioritäten sitzen,sicher nicht beim Wohlergehen des Volkes,beidseitig des ominösen Breitengrades.
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Supertrump konnte bisher auch in „einfacheren“ Dingen nicht überzeugen. Sollte ihm hierbei etwas positives gelingen würden sich nicht nur seine Lemminge freuen. Ich fürchte es bleibt wie gehabt. Grosse Klappe, nichts dahinter.
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  • Kommentar von Tim Buesser (TimBue)
    Das ist Unterschied, wenn ehemaliger Geschäftsmann aus realem Leben Taktik, Erfahrung und Geschick als Staatsmann einsetzt, gegenüber Berufspolitikern noch nie im realen Leben was machen mussten. Während Erstere selbst mit jedem bereits sind zu reden, verkünden Letztere pauschal "mit solchen Leuten spricht man nicht". Bezeichnend dazu ist das abwertende Hinterfragen durch Journalisten. Wo gemacht und entschieden wird ist man immer am Pockern, und nicht am Aussitzen wie bei Politikern.
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