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International Einwanderungsland Kanada: Vorbild für die Schweiz?

Die SVP fordert die Rückkehr zum Kontingente-System – und Kontingente kennt auch Kanada. Die Einwanderernation geht noch weiter und richtet den Fokus auf Hochqualifizierte. Was in der Theorie gut klingt, hat in der Praxis aber viele Schönheitsfehler.

Legende: Video Kontingente im Einwanderungsland Kanada abspielen. Laufzeit 5:33 Minuten.
Aus 10vor10 vom 28.05.2014.

Beatrice Umana wollte weg aus ihrer Heimat Guatemala. In Kanada erhoffte sich die studierte Oekonomin bessere Berufschancen – und war überrascht, wie leicht das Einwandern war: Als Hochqualifizierte konnte sie den sogenannten Punktetest machen. Wer ihn besteht, kriegt automatisch die Niederlassungsbewilligung.

Sprachkenntnis und Ausbildung sind am wichtigsten. Umana bestand den Test, reiste nach Toronto und fand sofort Arbeit in einer Anwaltskanzlei. Für qualifizierte Arbeitsmigranten und ihre Familien hat Kanada ein Kontingent von rund 250'000 Bewilligungen jährlich, was fast einem Prozent der Bevölkerung entspricht.

Ingenieure fahren Taxi

Um netto 1 Prozent ist letztes Jahr auch die Bevölkerung in der Schweiz aufgrund der Zuwanderung gewachsen. Das will die Masseneinwanderungsinitiative stoppen. Auch in Kanada sagen Kritiker, das Einwanderungsmodell sei zu grosszügig.

Einwanderer Raiz Hussain aus Pakistan am Steuer seines Taxis
Legende: Ingenieur Raiz Hussain aus Pakistan muss in Kanada Taxi fahren, weil er in seinem Beruf keine Erfahrung vorweisen kann. 10v10

Die Geschichte des Ingenieurs Raiz Hussain aus Pakistan ist typisch: Obwohl er den Punktetest bestanden hat, findet er in Kanada keine Arbeit in seinem Beruf. Raiz Hussain zu «10vor10»: «Die kanadischen Arbeitgeber verlangen Arbeitserfahrung in Nordamerika. Wie aber soll ich die sammeln, wenn ich keinen Job bekomme?» Notgedrungenen fährt der Ingenieur Taxi. Im Grossraum Toronto sind 16 Prozent der eingewanderten Hochqualifizierte arbeitslos, doppelt so viel wie der nationale Durchschnitt.

Wartezeiten bis zu sieben Jahren

Der Punktetest orientiere sich zu wenig an der Nachfrage der Arbeitgeber, sagt Andrea Holmes von der Handelskammer Ontario. Noch schlimmer aber sei der bürokratische Aufwand: «Die Gesuchsteller und Arbeitgeber mussten bis zu sieben Jahr lang warten, bis die Regierung die Punktetests bearbeitet hatte.» Unterdessen hätten sich tausende von neuen Tests angehäuft. Letztes Jahr zog die kanadische Regierung darum die Notbremse: Sie annullierte 100'000 alte Tests und verschärfte das System.

Auch Kanada hat die Einwanderung verschärft

Als Beatrice Umana den Punktetest im Jahr 1996 bestand, brauchte sie keinen Arbeitsvertrag, um einzuwandern. Das hat sich geändert: Wie die SVP verlangt die kanadische Regierung jetzt auch von Hochqualifizierten, dass sie eine Jobzusage im Land haben, ausser sie haben einen speziell gesuchten Beruf wie Arzt oder Programmierer. Und auch für speziell gesuchte Berufe gibt es Kontingente.

Nicht kontingentiert dagegen sind temporäre Arbeitsbewilligungen für Einwanderer in Tieflohnjobs. Auch die SVP will keine Kontingente für Kurzaufenthalter in der Landwirtschaft und im Tourismus. In Kanada hat das dazu geführt, dass unterdessen 30 Prozent mehr Einwanderer in Tieflohnjobs arbeiten als in akademischen Berufen.

Die Näherin Julieta Vizcarra
Legende: Die philippinische Näherin Julieta Vizcarra darf ihre Tochter nicht zu sich nach Kanada nehmen. 10v10

Auch Kanada kennt ein Saisonnier-Statut

Und gleich wie es die SVP vorschlägt, dürfen temporär angestellte Einwanderer in Kanada ihre Familien nicht nachziehen. Dies im Gegensatz zu Hochqualifizierten. In einer Textilfabrik im hohen Norden Kanadas klagt die philippinische Näherin Julieta Vizcarra, sie vermisse ihre Tochter in der Heimat: «Es ist wirklich ungerecht. Ich bin doch auch ein Mensch».

Das erinnert an das Saisonnier-Statut der Schweiz. Julietas Arbeitgeber Stirling MacLean spricht von einem Zwei-Klassen-System: «Ein Land funktioniert nicht nur mit einer Art von Qualifikation.» Darum sollten alle Einwanderer gleich behandelt werden.

Angebot und Nachfrage abstimmen

Die Lehren aus Kanada für die Schweiz: Das perfekte Einwanderungssystem gibt es erstens nicht. Und zweitens: Kontingente allein lösen das Problem nicht. Drittens: Die wirklich notwendigen Arbeitskräfte sind nicht immer die am besten Qualifizierten.

Kanada jedenfalls krempelt seine Einwanderungspolitik auf 2015 nochmals um: Bewerbungen von Einwanderern kommen künftig in einen Pool, aus dem Regierung und Arbeitgeber auswählen. Um Angebot und Bedarf besser aufeinander abzustimmen.

Karin Bauer

Porträt Karin Bauer

Die Journalistin Karin Bauer ist Autorin von verschiedenen Filmen für «DOK» und für «Reporter».

7 Kommentare

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  • Kommentar von Sandy Koller, Halifax
    Dass die Guatemaltekin auf einer Anwaltskanzlei gleich Arbeit fand, spricht Bände. Der wohl unproduktivste Wirtschaftsbereich schlechthin wurde auch in Kanada auf ein unerträgliches Mass aufgebläht. Mittlerweile versucht die Regierung Gegensteuer zu geben.
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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Auf den Philippinen wird Empfängnisverhütung massiv erschwert.Der Katholischen Kirche sei Dank.Hat sie auch dort Geld springen lassen um Einfluss auf die Politik auszuüben?Resultat:die Frauen sind"gezwungen"auszuwandern um ihre Kinder ernähren zu können.Absurder geht es nicht mehr.Menschenverachtung pur!Frauenfeindlicher ist nicht mehr möglich!Typisch!Was ist anderes zu erwarten von diesem"heiligen Männerveren"der es nötig hat sich an Kinder zu vergreifen um auf seine"Rechnung"zu kommen!
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  • Kommentar von Enzo Cefaloni, Zürich
    Und wieder ein mühsamer Bericht darüber, welches 'Einwanderungssystem' wohl das beste wäre, damit die gut oder weniger gut qualifizierten Auswanderer auch einen Job finden. Der eigentliche Skandal aber ist, dass all diese Leute überhaupt ihre Länder verlassen müssen. Viele stammen aus potenziell sehr reichen Ländern, deren unfähigen und korrupten Eliten ganze Generationen wirtschaftlich ausbluten, so dass nur noch Taxifahren in Kanada übrig bleibt. Darüber sollte diskutiert werden!
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