«Einzelne Neonazis wähnen sich kurz vor der ersehnten Revolution»

In den letzten Wochen wurden deutsche Asylbewerberunterkünfte vermehrt zum Ziel von Angriffen. Zuletzt brannte in der Nacht auf Dienstag bei Berlin eine geplante Unterkunft. Die Politik reagiere viel zu zögerlich, klagt der Ex-Neonazi Felix Benneckenstein, der heute eine Aussteigerhilfe leitet.

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«Einzelne Neonazis sehen sich kurz vor der ersehnten Revolution»

0:29 min, vom 25.8.2015

Der braune Mob hat mittlerweile auch die deutsche Politik aufgerüttelt. Als «ekelerregend» brandmarkte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bilder, wie Flüchtlinge im sächsischen Heidenau von der Polizei beschützt werden. Vizekanzler Siegmar Gabriel bezeichnete die Rechtsradikalen als «Pack».

«  Einzelne Neonazis haben schon das Gefühl, dass sie kurz vor der Revolution oder dem Bürgerkrieg stehen, auf den sie jetzt seit Jahren hinarbeiten. »

Felix Benneckenstein
Szene-Aussteiger

Dennoch sei das zuwenig, klagt Felix Benneckenstein in einem Interview mit dem ZDF. Der heutige Vorsitzende der Aussteigerhilfe München war bis 2011 aktives Mitglied der deutschen Neonazi-Szene. «Die Signale aus der Politik kommen jeweils nur nach Vorfällen», sagt Benneckenstein. Er fordert griffigere Gesetze gegen Rechtsextremismus. Dazu gehöre auch ein Verbot der NPD.

Benneckenstein.

Bildlegende: «Kann nur hoffen, dass in Deutschland nicht bald Häuser brennen, in denen sich Menschen befinden»: Felix Benneckenstein. SRF

Die aktuelle Situation mache ihm Angst, sagt der ehemalige Neonazi. Einzelne seiner einstigen Gesinnungsgenossen hätten das Gefühl, kurz vor der Revolution oder dem Bürgerkrieg zu stehen, auf den sie seit Jahren hinarbeiteten.

Gleichzeitig würde die Szene durch mangelndes Durchgreifen und viel zu wenige Festnahmen bei Ausschreitungen geradezu ermutigt, klagt Benneckenstein: «Viele Polizeieinheiten schienen die Neonazi-Szene nicht ernst zu nehmen.»

Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland 2015

24. August
Im brandenburgischen Nauen bei Berlin brennt in der Nacht eine Sporthalle nieder, in der Asylbewerber hätten untergebracht werden sollen. Die Polizei geht nach ersten Erkenntnissen von Brandstiftung aus.
22. August
Zum wiederholten Mal demonstrieren im säschsischen Heidenau Hunderte gegen die Aufnahme von Asylbewerbern. In den folgenden Tagen kommt es zu Gewalt gegen die Polizei, Duzende Beamte werden verletzt.
21. August
In der Nacht schleudern in Berlin mehrere Angreifer Brandsätze gegen eine neue Asylunterkunft. In der selben Nacht brennt es in einem Flüchtlingsheim im oberpfälzischen Neustadt an der Waldnaab.
26. Juli
In Dresden gehen in einem Flüchtlingsheim nach Steinwürfen Scheiben zu Bruch. In Brandenburg/Havel entgeht eine Flüchtlingsfamilie nur knapp einem Brandanschlag auf ihre Wohnung.
19. Juli
Jugendliche werfen bei einer Flüchtlingsunterkunft in Sachsen-Anhalt Steine auf Rotkreuz-Helfer. Eine 20-jährige Helferin wird leicht verletzt.
18. Juli
In der Nacht geht in Remchingen (Baden-Württemberg) ein leerstehendes früheres Vereinsheim in Flammen auf, in das Flüchtlinge einziehen sollten.
16. Juli
Im oberbayerischen Reichertshofen legen in der Nacht Unbekannte Feuer an zwei Eingängen eines Gebäudekomplexes. Im September sollten 67 Asylbewerber einziehen.
Mitte Juli
Gleich an mehreren Tagen wird auf ein Flüchtlingsheim in Böhlen bei Leibzig geschossen. Teile der Fassadenverglasung und eine Fensterscheibe gehen zu Bruch.
1. Juli
In der Nacht wird eine geplante Flüchtlingsunterkunft im hessischen Mengerskirchen mit Schweineköpfen, Innereien und Schmierereien verschmiert.
28. Juni
Im sächsischen Meissen verüben Unbekannte in der Nacht einen Brandanschlag auf eine noch leere Unterkunft. Am Tag darauf bricht in Lübeck in einem Rohbau für ein Asylbewerberheim Feuer aus.
JuniÜber Wochen kommt es im sächsischen Freital zu Neonazi-Aufmärschen gegen Asylbewerber, selbsternannte Bürgerwehren machen Stimmung gegen eine Unterkunft. Die Lage eskaliert, als wiederholt Gegendemonstranten attackiert werden.
6. Mai
In Limburgerhof im Bundesland Rheinland-Pfalz zünden in der Nacht Unbekannte eine noch im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft an.
4. April
Noch in der Nacht wird in einer fast fertigen Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz in Sachsen-Anhalt Feuer gelegt.
9. Februar
In Escheburg bei Hamburg wird eine Flüchtlingsunterkunft durch einen Brand unbewohnbar.

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Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • FOKUS: Rechtsradikale in Deutschland

    Aus 10vor10 vom 25.8.2015

    Der Fremdenhass geht in Deutschland um. Rechtsradikale und sogenannte «besorgte Bürger» vermischen sich bei Protesten gegen Flüchtlinge. Auch wenn es sich nicht um eine Mehrheit der Bevölkerung handelt, treten die Rechten immer ungehemmter auf.

  • Deutschland im Kampf gegen den Rechtsextremismus

    Aus Tagesschau vom 25.8.2015

    Beinahe täglich machen in Deutschland rassistische Übergriffe auf Flüchtlinge Schlagzeilen. Das Thema Fremdenhass ist inzwischen zur Chefsache in Berlin geworden. Erneut stellt sich die Frage des richtigen Umgangs mit Neonazis.

  • UNO kritisiert EU-Flüchtlingsmanagement

    Aus Tagesschau vom 25.8.2015

    Das UNO-Flüchtlingswerk appelliert an die EU-Staaten, die vielen Flüchtlinge aus Syrien und andern Krisenregionen gerechter auf die 28 Länder zu verteilen. Es gelte, die Würde und die Menschenrechte der Hilfesuchenden besser zu respektieren.