Ende des Kampfes um ein freies Korsika?

Auf Korsika will die wichtigste Nationalistengruppe ihren bewaffneten Kampf gegen den französischen Staat beenden. Die nationale Befreiungsfront Korsikas (FLNC) kündigte an, dass sie die Waffen niederlegen werde. SRF-Korrespondent Ruedi Mäder ist überrascht, aber auch skeptisch.

Eine Frau an einer Demonstration des korsischen Widerstands, hinter ihr eine korsische Flagge.

Bildlegende: Der Widerstand gegen die Regierung in Paris soll nun auf politischem Weg ausgeübt werden. Reuters

Die korsische Separatistenorganisation FLNC will ihren bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit der Insel aufgeben. In einem über französische Medien verbreiteten Pamphlet kündigte die wichtigste Gruppe korsischer Nationalisten an, sie wolle eine Demilitarisierung einleiten und aus dem Untergrund herauskommen.

Neu geht es auch um die Entwaffnung

Die Verfasser des 14 Seiten umfassenden Dokuments schreiben, dass sie ihre Ziele künftig auf offiziellen Wegen verfolgen wollen. «Das ist einigermassen überraschend», sagt SRF-Korrespondent Ruedi Mäder in Paris. «Die Organisation hat zwar schon verschiedentlich einen Waffenstillstand verkündet. Aber es ist das erste Mal, dass sie sagt, sie werde auch die Waffen niederlegen.»

Die FLNC begründet den Schritt mit den jüngsten Beschlüssen des korsischen Parlaments gegen die Immobilienspekulation auf der Insel. «Das korsische Parlament hat eine Art Lex Koller verabschiedet», erklärt Mäder. Das bedeutet, wer auf der «île de beauté» Land kaufen will, muss den Status des «résident corse» haben. Er muss seinen Wohnsitz damit seit mindestens fünf Jahren auf Korsika haben.

Dieser Status sei aber auch eine Art Vorstufe zur «citoyenneté corse», also der korsischen Staatsbürgerschaft, erläutert der Korrespondent weiter. Und das sei das, was die FLNC eigentlich wolle. «Deshalb hat sie beschlossen, ihre Ziele in Zukunft auf der politischen Ebene und nicht mehr mit militärischen Mitteln zu verfolgen.»

Kein Verzicht auf Fernziel Unabhängigkeit

Das Hauptziel der FLNC bleibt die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich. Offiziell habe die Befreiungsfront keine Vorbedingungen diesbezüglich gestellt, weiss Mäder. «Allerdings heisst es in dem Communiqué auch, der französische Staat solle die Frage der politischen Gefangenen lösen.» Das sei ein grosser Konfliktpunkt.

«Es ist ganz klar, dass sich der französische Staat nicht darauf einlassen kann oder wird», gibt Mäder zu bedenken. «Denn was für die korsische Unabhängigkeitsbewegung Freiheitskämpfer und politische Gefangene sind, sind aus Sicht der Regierung in Paris Terroristen, die zum Teil wegen Mordes hinter Gitter sitzen.»

Unklarheit über Position der Splittergruppen

Der Kampf um die Unabhängigkeit Korsikas war bisher ein blutiger Kampf. «Es gab in den letzten 30 Jahren rund 1000 Anschläge», sagt Mäder. Die FLNC habe zwar immer gesagt, sie wolle Menschenleben schonen. In dieser Zeit seien jedoch rund zehn Politiker und Polizisten ums Leben gekommen. «Deshalb wird die FLNC immer wieder sagen können, ihr habt unser Friedensangebot ausgeschlagen, wir müssen zur Methode des bewaffneten Kampfes zurückkehren», so die Einschätzung Mäders.

Die Ankündigung der FLNC bedeutet wohl nicht wirklich das Ende der Gewalt auf Korsika, befürchtet der Korrespondent. Zum Problem der Gefangenen komme hinzu, dass diese Organisation sich wiederholt gespalten hat. «Es gab bis zum Jahr 2001 einen regelrechten Bruderkrieg innerhalb der Organisation.»

Seither ist sie laut Mäder nicht mehr klar fassbar. «Es ist nicht sicher, dass sich alle Fraktionen an die Aufforderung, die Waffen niederzulegen, halten werden. Da ist doch grosse Vorsicht geboten.»

Wer ist die FLNC?

Die Nationale Befreiungsfront Korsikas (FLNC) ist als Teil einer zersplitterten Separatistenszene seit fast 40 Jahren auf der französischen Insel aktiv. Korsika wurde in der Zeit immer wieder von Anschlagsserien erschüttert. Ziele waren dabei vor allem Villen reicher Franzosen. Bei Attentaten wurden auch Menschen im Auftrag der Mafia erschossen.