Energiewende in Deutschland verläuft anders als erwartet

Deutschland hat im vergangenen Jahr vier Mal mehr Strom exportiert als im Jahr zuvor. Das meldet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Das heisst, die von vielen befürchtete Stromknappheit ist – nach der Abschaltung von acht Atomkraftwerken – offenbar ausgeblieben.

Ein Grund für die Steigerung des deutschen Stromexportes liegt vor allem im Zuwachs bei den erneuerbaren Energien. Vergangenes Jahr wurde deren Anteil um 13 Terrawattstunden ausgebaut. Gleichzeitig wurden, abgesehen von den acht bereits stillgelegten Meilern, keine weiteren Atomkraftwerke vom Netz genommen. Damit stand schlicht mehr Strom zur Verfügung als im Jahr zuvor. Das ist das Eine.

Auf der anderen Seite weist die Stromindustrie aber auch auf Fehlentwicklungen im Markt hin, welche diesen Trend verstärkten. Mit dem günstigen Strom aus erneuerbaren Quellen sinke der Strompreis am europäischen Markt. In Extremfällen – wie gerade heute – reichten die Preisschwankungen bisweilen sogar bis unter Null. Dann muss Deutschland dafür zahlen, dass andere ihm den Strom abnehmen.

Die Folge der insgesamt tieferen Preise: Die Niederlande, die vor allem Gaskraftwerke betreiben, importieren billigen Strom aus Deutschland und produzieren selber entsprechend weniger. Das Land bezieht effektiv am meisten vom deutschen Überschuss, gefolgt von Österreich und der Schweiz. Letztere hat letztes Jahr per Saldo 9,5 Terrawattstunden Strom aus Deutschland importiert.

Stromkunden unzufrieden

Diese Entwicklung kann man natürlich positiv sehen. Umweltschädliche Energie wird europaweit mindestens teilweise verdrängt von erneuerbarer Energie. Genau das war die Idee hinter der Energiewende. Deutsche Stromkunden sehen das allerdings weniger positiv: Sie subventionieren mit einem konstant hohen Strompreis die erneuerbaren Energien in Deutschland, und das Ausland kommt so zu billigem Strom. Das gehe doch nicht an, wird auf Internetforen gewettert.

Vier Windräder von Deutschlands erstem kommerziellen Nordsee-Windpark BARD, seit 2011 in Betrieb, im Meer stehend.

Bildlegende: Der Strompreis ist eine Frage des Marktes – erst recht, wenn die Einspeisung schwankt. Keystone

Der Verband der Energiekonzerne, der BDEW, gab zu bedenken, es sei ohnehin zu früh, sich zu freuen. Weil der bisher sehr konstant produzierte Atomstrom immer mehr ersetzt werde durch den unregelmässig eingespeisten Wind- und Sonnenstrom komme es zu den genannten heftigen Schwankungen am Markt.

Import von Atomstrom

Und mehr noch: Ein wesentlicher Teil dessen, was Deutschland an Strom zwischendurch zur Stabilisierung des Netzes importieren musste – immerhin 44 Milliarden Kilowatstunden im Jahr 2012 – sei aus Frankreich und Tschechien gekommen. Also aus Ländern, die vorwiegend Atomstrom produzieren.

Kurz: Deutschland produziert auch nach der Abschaltung von acht Atomkraftwerken unter dem Strich mehr als genügend Strom. Aber die Lage auf dem europäischen Strommarkt wird vorerst komplizierter mit der zunehmenden – aber noch immer unregelmässigen – Produktion von billiger und sauberer Energie.