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International Enttäuschte Hoffnungen in Slawjansk

Seit Anfang Juli ist die ostukrainische Stadt wieder unter Kontrolle der Regierung. Viele Bewohner sind orientierungslos. Die Brutalität der Separatisten hat sie geschockt und die Bombardements der Armee obdachlos gemacht. Derweil laufen die Aufräumarbeiten und bringen Schreckliches zutage.

Legende: Video Enttäuschte Hoffnungen in Slawjansk abspielen. Laufzeit 2:00 Minuten.
Aus Tagesschau vom 25.07.2014.

Die Menschen in Slawjansk sind desillusioniert. Laut SRF-Korrespondent Christof Franzen stehen sie sowohl der ukrainischen Regierung, als auch den Rebellen kritisch gegenüber.

«Die pro-russischen vermeintlichen Freiheitskämpfer haben sich teilweise als Mörder und Diebe entpuppt.» Die Befreiung der Stadt durch ukrainische Truppen hat jedoch auch «grosse menschliche Opfer gefordert und materielle Schäden hinterlassen.»

Anschluss an Moskau

Laut Franzen setzten viele Bürger der Stadt anfangs grosse Hoffnungen in die pro-russischen Proteste. «Sie waren kritisch gegenüber den Forderungen der Maidan-Bewegung und wünschten sich einen Anschluss an Moskau.»

Bald sei jedoch die Einsicht gewachsen, dass sich ihre Lage nicht bessern würde. «Viele Menschen waren einerseits enttäuscht von der Brutalität der Rebellen und andererseits darüber, dass es keinen Anschluss an Russland gab wie auf der Krim», sagt Franzen.

Die Menschen wissen nicht mehr was gut oder schlecht ist.
Autor: Christof FranzenSRF-Korrespondent

Wiederaufbau läuft an

Langsam aber sicher läuft auch die Wiederaufbauhilfe an. Franzen berichtet, dass viele Bewohner jedoch misstrauisch sind, weil die Hilfe von der Regierung in Kiew kommt, die die Stadt schwer bombardiert hat. «Die Menschen wissen nicht mehr was gut oder schlecht ist.» Laut dem Korrespondenten sind nun aber die meisten froh, dass wieder Frieden herrscht. «Mittlerweile ist es ihnen egal, von welcher Seite dieser kommt.»

Am Donnerstagnachmittag war Franzen dabei, als ukrainische Behörden in Slawjansk ein Massengrab aushoben. Die Rebellen hatten es angelegt, kurz bevor sie die Stadt verlassen haben. Die Bagger sorgten für schreckliche Gewissheit: Sie bringen 14 Tote ans Tageslicht. Es hiess, dass einige der Leichen Folterspuren aufweisen würden.

Gemäss internationalen Beobachtern haben Separatisten in den besetzen Gebieten hunderte von Menschen gefoltert und getötet. Überall in und um Slawjansk läuft jetzt die Suche nach weiteren Vermissten und Schuldigen.

Drei Leute laufen vor einem ausgebombten Haus vorbei.
Legende: Die Menschen haben nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihre Hoffnungen verloren. SRF

Schwieriger Neuanfang

In einem anderen Stadtteil sind die Spuren von heftigen Kämpfen noch deutlich zu sehen. Tatjana Maschurina und ihre Mutter Alexandra warten seit Stunden auf eine staatliche Bau-Kommission. Diese soll ihr Haus begutachten, das während des Kampfes um Slawjansk von Granaten getroffen wurde. Die beiden hoffen jetzt sehnlichst auf Hilfe. «Wenn sie das nur wieder in Ordnung bringen. Ich mag gar nicht an den Winter denken. Mutter ist ja bereits 86 Jahre alt», sagt Tatjana Maschuria.

Fast 2500 Häuser und Wohnungen wurden beschädigt oder zerstört und müssen jetzt repariert werden. Aber auch Krankenhäuser, Gasleitungen und die Wasserversorgung wurden getroffen. Der Neuanfang für die Menschen und die ukrainischen Behörden in Slawjansk wird sehr schwer – die Staatskassen sind praktisch leer.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Keller, Binningen
    Nun, warum ist die Ukraine so arm. Diese Antwort ist leicht zu geben denn Korrupion und Abzockerei sind für die ukrainischen Oligarchen prioritär, weil sie als Waffenlieferanten der eigenen Arme dienen, so wie der Präsident Poroschenko. Die Ukraine ist auf tiefem Level stehen geblieben derweil sie von einigen ausgenommen wurde, und diese Leute stehen heute am Ruder der Macht. Föderalismus lehnen sie strikte ab. Wie sagte Schmitt, wir stehen am Vorabend einer Revolution.
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  • Kommentar von Werner Wüthrich, Wabern
    Könnte es sein, dass auch der erwähnte Videobeitrag mit dem Titel: So sieht Russland die Welt, Propaganda ist? Die beiden Kommentatoren B. Reitschuster und P. Gysling sind meiner Meinung nach nicht unparteiisch in ihrem Urteil. Gewiss sind dies die russischen Medien ebenfalls nicht. Selbstkritik würde auch dem Schweizer Fernsehen gut anstehen, aber wie die Redewendung vom Balken im eigenen Auge sagt, ist es leichter, dies beim Andern zu sehen.
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  • Kommentar von Rutz Werner, 8903 Birmenssorf
    Die Ausräumung des Grabes werden in der ARD die Opfer als Zivilisten und prorussischen Kämpfern bezeichnet. Leider wird Ihnen der Unterschied nicht einleuchten.Wen gemäss ARD Teletext 100 000 Zivilisten nach Russland geflohen sind, welches sind da die Terroristen, die Häuser zerstören und Zivilisten zu Flucht zwingen? Erkennen Sie die Abstimmung mit den Füssen. Ist das ein Vergnügen sein Landsleute zu erschiessen? Mariano und der Jura lassen grüssen. MfG W. Rutz
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    1. Antwort von S. Meier, Adliswil
      Auch das wird eine unabhängige Untersuchung benötigen. Übrigens ist Dimitro Jarosch, Leiter des Bataillon Azow und des Rechten Sektors, letztes Tätigkeitsgebiet, Ostukraine, bei Interpol zur Fahndung ausgeschrieben.
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    2. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Als Zivilisten, welche zum Teil von den Separatisten gefoltert worden sind. Und ein Freund wusste zu berichten, dass sein Freund bei einer Schlägerei von Separatisten verhaftet & abgeführt worden wäre & dann mit einem Kopfschuss hingerichtet wurde. War er dabei? Sollten tatsächlich Folterungen statt gefunden haben, ist dies aufs schärfste zu verurteilen. Aber dann sollte es sicher nicht Amerika tun, denn der CIA foltert auch! Die sind betreffend Menschenrechte keinen Deut besser.
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    3. Antwort von M.Krebser, Thun
      E.Waeden, ich glaube nicht dass "Separatisten" das machen könnten. Sie sind viel menschlicher als Rechter Sektor, der in Odessa die Leute lebendig verbrannt hat. Die verwundete Ukrainische Soldaten werden von Selbstverteidigungskräften gepflegt und nach Russland über die Grenze geschickt (wenn möglich). Im Massengrab waren gefolterte Priester mit ihren Söhnen begraben (weil sie den Aufständigen geholfen haben) und die Anti-Kiever Protestler. Es ist jetzt eine Diktatur aus der Ukraine geworden.
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    4. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @M. Krebser: Habe nur ergänzt, was in westlicher Berichterstattung diesbezüglich zu erfahren war. Und es wäre ja ein Wunder geschehen, wenn von der Regierung aus Kiew nicht sofort die Schuldigen gefunden worden wären & man NICHT die Separatisten an den Pranger gestellt hätte. Aber Hand an Unschuldige anzulegen ist, egal wer es tut immer ein Verbrechen. Und die Hemmschwelle dafür liegt bei der Regierung sehr viel niedriger, denn sie feuern ja auch Raketen auf Zivilisten ab.
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