Erdbeben heizt Menschenhandel in Nepal zusätzlich an

Nach dem Beben ist in Nepal der Menschenhandel weiter angestiegen. Bis zu 15‘000 Frauen und Mädchen werden jährlich nach Indien verschleppt. Die armen Familien wüssten oft nicht, dass sie ihre Töchter in die Prostitution verkaufen, berichtet Hilfswerkmitarbeiter Gereon Wagener gegenüber SRF News.

Junge Frau in Indien auf der Strasse

Bildlegende: Sie hat sich aus der Zwangsprostitution befreit. Nun arbeitet sie für ein Hilfswerk, das sich um Betroffene kümmert. Keystone/Archiv


Probleme verschärfen sich durch zunehmende Not

5:47 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.06.2015

SRF News: Warum hat das Beben das Risiko für Frauen und Mädchen, verschleppt zu werden, verstärkt?

Gereon Wagener: Organisierte Schlepperbanden gehen in die abgelegenen Dörfer Nepals und bieten dort Familien attraktive Arbeitsplätze für ihre Töchter an, meist in Indien in einem Hotel, in einem Restaurant, als Zimmermädchen. Die Eltern geben ihnen oft gutgläubig ihre Kinder mit. Die Mädchen landen nicht in den versprochenen Arbeitsstätten, sondern in den indischen Bordellen und Rotlichtvierteln. Aufgrund des Bebens und der enormen Not der Menschen ist die Gefahr stark gestiegen, dass noch mehr Frauen und junge Mädchen verschleppt werden.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Die Zustände sind höchst primitiv. Man kann sie nicht mit dem hiesigen Begriff «Bordell» vergleichen. Es sind einzelne, ganz kleine Räume, oft nur mit Sperrholzplatten oder Vorhängen zum Gang hin getrennt. Die Mädchen wohnen dort und empfangen dort auch ihre Freier. Die Zimmer sind unglaublich unhygienisch, die Spuren der Vorgänger sind deutlich sichtbar.

Wieso kommen die Schlepper nach Nepal?

Nepalesische Mädchen sind in Indien etwas Besonderes. Sie gelten als exotisch. Für ein nepalesisches Mädchen wird auf dem Fleischmarkt mehr bezahlt als für eines aus Indien. Mädchen aus Nepal haben eine hellere Hautfarbe und oft eben auch ein anderes Aussehen.

Wie war es vor dem Beben?

Diese Problematik besteht schon seit Jahrzehnten, wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber die NGOs sprechen von 10‘000 bis 15‘000 Mädchen, die pro Jahr nach Indien verschleppt werden.

Gibt es in Nepal selbst auch Prostitution, in Zusammenhang mit den vielen westlichen Helfern vor Ort?

Nepal ist kein klassisches Sextouristen-Reiseland. Es gibt sicherlich auch lokale Prostitution. Sie ist in den letzten Jahren nach der maoistischen Revolution und dem Abdanken des Königs auch angestiegen. Durch die jahrelangen Bürgerkriege sind viele Frauen auch in die Städte geflohen. Unseren Partnerorganisationen können nicht bestätigen, dass internationalen Hilfsorganisationen dort verstärkt nach nepalesischen Mädchen nachfragen. So etwas ist uns nicht bekannt.

Nimmt die nepalesische Regierung den Menschenhandel als Problem wahr?

In unseren Augen wird viel zu wenig seitens der Regierung getan. Doch es gibt auch positive Aspekte. Die Zusammenarbeit mit den NGOs hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Das Thema Traficking ist in die Schulbücher aufgenommen worden. Bei den Grenzkontrollen, die durch unsere Partner durchgeführt werden, stehen mittlerweile auch Polizistinnen bereit. Das gab es früher nicht. Man kann schon erkennen, dass die Regierung mehr und mehr versucht, doch am Ende wird die Arbeit immer noch von unseren Partnerorganisationen erledigt.

Gibt es neben den Grenzkontrollen noch andere Massnahmen?

Das Schwergewicht unseres Hilfswerk in Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen in Nepal liegt auf der Prävention. Wir versuchen, Verschleppung zu verhindern, bevor sie stattfindet. Das wird zum einen durch Aufklärungskampagnen in den abgelegenen Dörfern erreicht, durch Prävention-Homes, das sind Ausbildungszentren für die jungen Mädchen und durch Workshops mit Behörden und Polizei und durch die genannten Grenzkontrollen.

Was muss geschehen, damit weniger Frauen dieses Schicksal erleiden müssen?

Nepal ist geprägt von einer Männergesellschaft. Es genügt, sich die Alphabetisierungsrate anzuschauen. 71 Prozent der Männer können lesen und schreiben, aber nur 44 Prozent der Frauen. Da haben Sie schon eine der Hauptursachen: Die Bildung von Frauen ist ein grosses Thema. Es wäre auch wichtig, dass die Familien die Gefahr der Verschleppung kennen und realistisch einschätzen können. Und: Irgendwann sollte sich die Achtung und der Schutz von Frauen in der nepalesischen Gesellschaft stark erhöhen.

Das Gespräch führte Melanie Pfändler.

Gereon Wagener

Gereon Wagener mit einem kleinen Kind

zvg

Gereon Wagener setzt sich seit mehr als zehn Jahren gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution in Nepal und Indien ein und arbeitet für mehrere Hilfswerke, unter anderem für Chancesuisse. Diese NGO unterstützt benachteiligte Kinder in den Armutsivierteln Kathmandus und fokussiert auf auf den Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution.