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International Erdogans Popularität bröckelt auch im Hinterland

Die Proteste der Regierungskritiker in der Türkei begannen in Istanbul und griffen schnell auf andere Städte über. Inzwischen verliert Premier Erdogan aber auch in Anatolien an Ansehen – dort also, wo seine AKP traditionell ihre Anhänger hat. Viele haben sein autoritäres Auftreten satt.

Gaziantep liegt im Südosten der Türkei, etwa 150 Kilometer nördlich der syrischen Stadt Aleppo. Wenn hier der Muezzin von den Minaretten zum Gebet aufruft, so wird seiner Aufforderung in dieser konservativen Stadt ganz beondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Zum Gebet finden hier wie auch anderswo nicht alle Männer Platz in der Moschee. Mitten im dichten Marktgeschehen, im Umfeld der Moschee, breiten sie deshalb kleine Teppiche vor sich aus und nehmen, vor der Moschee oder irgendwo in der Fussgängerzone in der Nähe am Gebet teil. Während der Imam über Lautsprecher zu hören ist, geht der Marktbetrieb weiter.

Lehmhäuser werden verdrängt

Es fällt auf: Mindestens jede zweite Frau, jedes zweite etwas ältere Mädchen in Gaziantep trägt ein Kopftuch. Doch es gibt auch Mütter, die unter der sengenden Sonne mit Kopftuch und knöchellangem Mantel unterwegs sind, die sich von einer Tochter begleiten lassen, welche sich überhaupt nicht um die muslimischen Bekleidungstraditionen schert.

Diese Besonderheit hat wohl mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Gaziantep zu tun. Neben zweistöckigen Wohnhäusern aus Lehmsteinen schiessen hier überall moderne Wohnbauten, Verwaltungsgebäude, Geschäftszentren und modernste Fabriken aus dem Boden.

Etwa die Slipper- und Sandalenfabrik Aschan. Hier werden pro Jahr 30 Millionen Paar Billigsandalen aus Poliurethan gefertigt. Der 60jährige Achmet Schan ist Gründer dieser Fabrik. Als Bürger dieser Stadt sei er stolz, auch selbst zum wirtschaftlichen Erfolg Gazianteps beigetragen zu haben, sagt er bei einem Halt in seiner Fabrikationsanlage. Direktor Schan möchte seinen wirtschaftlichen Erfolg nicht gefährden. Er könne deshalb mit den Protesten der Taksim-Bewegung nichts anfangen.

«Die machen den Staat schlecht»

Auch auch viele andere Menschen, die man spontan in den Strassen von Gaziantep anspricht, äussern sich skeptisch über die neue Opposition. Die Proteste brächten nichts und einige der Demonstranten hätten sogar Alkohol getrunken, sagen Passanten. «Die machen unsern Staat schlecht, dabei tut der Staat doch alles für uns!»

Viele der einfacheren Menschen in Gaziantep haben den Eindruck, sie hätten es allein Premier Recep Tayip Erdogan verdanken, dass sich ihre Stadt in den letzten zehn Jahren zu einem der sogenannten «anatolischen Tiger» gewandelt hat.

Aber: Auch hier in Gaziantep haben in diesen Wochen Studenten mehrere Kundgebungen durchgeführt. Meltem Karadag ist Soziologie-Professorin an der Universität von Gaziantep. Sie verfolgt die jüngsten Ereignisse mit grossem politischen Interesse, insbesondere hier im Südosten des Landes.

«Die lieben den Luxus, wollen konsumieren»

Vor allem unter den jüngeren bisherigen AKP-Wählern gebe es viele gemässigte Muslime, meint sie. Und sie spricht von einer besonderen islamischen Oberklasse. «Diese bisherigen Erdogan-Wähler möchten ebenfalls mehr individuelle Freiheitsrechte. Die lieben den Luxus, wollen konsumieren. Und die haben das autoritäre Gehabe der Regierung ebenfalls satt.»

Erdogan komme also zumindest bei gewissen Wählerschichten auch im konservativen Anatolien unter Druck. Auch wenn hier die Taksim-Bewegung noch kaum wirklich Fuss gefasst hat.

(krua;fasc)

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Ali Dogan, Berlin
    Ich bin aus Gaziantep. Meine Stadt ist sehr Modern und ist eine Industriestadt. Der Artikel berichtet auch darüber. Ich frage mich aber, woher Sie diese Bilder hergetrieben haben? Wie lange haben Sie gebraucht solche Bilder zu bekommen? Als Industrie eine Hinterhofproduktion wahrscheinlich illegal und ist fraglich ob es von Gaziantep stammt. Als hohe Häuser ein Bild von einem Dorf aus tiefsten Osten. Typisch kurdische Frauen, die vor den Haustüren sitzen und quatchen.
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  • Kommentar von Amr ibn al-As, Basel
    Im islamischen Kulturkreis hat sich und kann sich auch in Zukunft keine mündige Bürgerklasse entwickeln, da der Islam als Religion alle Lebensbereiche (Strafrecht, Zivilrecht, Wirtschaftsrecht etc.) kanonisch reglementiert. Durch diese dogmatische Entmündigung ist die Etablierung einer gesunden Demokratie unmöglich. Das besonders tragische daran ist, dass man den Koran nicht sachlich kritisieren kann, da es ja angeblich wortwörtlich von Allah stammt. Nur die Säkularisation kann helfen.
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