«Erdogans Schritt ist für die türkische PKK eine Demütigung»

Die Türkei lässt irakische Kurden nun doch in den Kampf nach Syrien ziehen. Dabei handle es sich um ein relatives Zugeständnis, sagt SRF-Korrespondentin Iren Meier. Die türkischen Kurden hingegen könnten sich über Erdogans Beschluss nicht freuen.

Kurdische Kämpfer bei der Vorbereitung einer Attacke gegen IS-Kämpfer

Bildlegende: Irakische Kurden können neu über die Türkei nach Syrien reisen: Peschmerga-Kämpfer beim Kampf gegen den IS im Irak. Reuters

Wochenlang hatte sich die Türkei geweigert, den syrischen Kurden in Kobane zu helfen. Nun hat Präsident Recep Erdogan überraschend entschieden, irakische Peschmerga-Kämpfer in die Grenzstadt reisen zu lassen. «Das ist ein wichtiger Schritt», sagt SRF-Korrespondentin Iren Meier in Istanbul. Der Grund für den Entscheid sei, dass der Druck auf die Türkei von allen Seiten gewachsen sei – insbesondere von der amerikanischen Regierung.

«Das Zugeständnis des türkischen Präsidenten ist ein relatives», stellt Meier aber fest: Auch in Zukunft sei es nur irakischen Peschmerga erlaubt, über die türkische Grenze nach Syrien zu reisen und dort gegen die Terrormiliz IS zu kämpfen. Türkischen Kurden, die der PKK angehören, ist das hingegen nicht erlaubt. Erdogan betrachtet die PKK als Terrororganisation. «Sein Schritt bedeutet für die PKK und ihren Chef Abdullah Öcalan eine Demütigung», sagt Meier.

Zusammenarbeit mit irakischen Kurden

Anders sehe es für Masud Barzani aus, den Präsidenten des kurdischen Teilstaates im Nordirak. Er unterhält gute Beziehungen mit der türkischen Regierung. Und wie Erdogan will auch Barzani den Sturz des syrischen Präsidenten Assad. «Barzani, der mit PKK-Chef Öcalan um die Führerschaft der Kurden in der Region rivalisiert, kann nun seine Peschmerga nach Kobane schicken», sagt Meier.

Die Bereitschaft, Peschmerga-Truppen nach Syrien zu schicken, habe Barzani schon vor ein paar Wochen ausgedrückt. Das sagt SRF-Korrespondent Philipp Scholkmann, der im Nordirak unterwegs ist. «Barzani steht unter Druck der eigenen Bevölkerung.» Die dramatischen Bilder aus Kobane hätten Betroffenheit und Entsetzen ausgelöst.

Zu wenig Kämpfer

Allerdings seien die Ressourcen der irakischen Kurden begrenzt, so Scholkmann. Das habe auch ein Gespräch mit einem irakischen Peschmerga-Kommandanten gezeigt. Laut diesem fehlt es alleine schon im Irak an Kämpfern für grössere Operationen. Deshalb sei es den Kurden nicht möglich, in sunnitischen Gebieten des Iraks aktiv zu werden – also nicht kurdisch beanspruchte Gebiete zurückzuerobern. In einer solchen Situation «kann man sich fragen, wie viele Peschmerga aus dem Nordirak wirklich den syrischen Brüdern zu Hilfe eilen werden», so Scholkmann.

Eine weitere Folge der Ereignisse in Kobane ist, dass ein Schulterschluss zwischen irakischen und türkischen Kurden näher gerückt ist. Offenbar gibt es auf beiden Seiten die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, sagt Scholkmann: «Die syrischen Kurden brauchen eine Annäherung, weil sie in Kobane und darüber hinaus bedroht sind.» Die nordirakischen Kurden seien unter Druck, weil sie eng mit der türkischen Regierung verbündet seien. Damit sehen sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, mit dem Feind der kurdischen Brüder in Syrien gemeinsame Sache zu machen. «Das hat die Fronten offenbar bewegt», sagt Scholkmann. Doch: «Wie tragfähig das ist, bleibt eine offene Frage.»