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Gericht entscheidet über Zukunft der Hagia Sophia
Aus Tagesschau am Vorabend vom 30.06.2020.
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Erdogans Traum Hagia Sophia – nach 86 Jahren wieder eine Moschee?

Ein Gericht entscheidet am Donnerstag über die Zukunft der einstigen byzantinischen Grosskirche in Istanbul.

Fast 600 Jahre ihrer langen Geschichte war die «Ayasofya», wie die architektonische Einzigkeit aus der Spätantike auf Türkisch heisst, schon einmal Moschee. Dieser Traum für den türkischen Präsidenten und seine Anhänger könnte jetzt wieder wahr werden – wenn die Richter das Ende der Hagia Sophia als staatliches Museum besiegeln.

Die Hagia Sofia ist seit 1934 ein Museum

Hagia Sofia.
Legende:keystone

Die «Sophienkirche» wurde zwischen 532 und 537 nach Christus als byzantinische Kirche erbaut. Bei der Eroberung des damaligen Konstantinopel 1453 durch Sultan Mehmed II. wurde die Kirche in eine Moschee umgewandelt.

Die Anregung, die Moschee Hagia Sofia in ein Museum umzuwandeln, kam vom ersten Präsidenten der Türkei persönlich: Mustafa Kemal Atatürk. Der Ministerrat entschied sich im November 1934 dafür.

Für weniger religiös-nationalistische geprägte Türkinnen und Türken, Archäologen und Kunsthistoriker aber, wäre die Umwandlung des 1500 Jahre alten Bauwerks in eine Moschee ein Albtraum. «Die Hagia Sophia ist von universellem Wert für die gesamte Menschheit. Der antike Bau kann nicht auf die Nutzung als Sakralobjekt für eine spezielle Glaubensgemeinschaft reduziert werden», sagt Zeynep Ahunbay. Sie ist Architekturhistorikerin und Mitglied im Wissenschaftsrat des Hagia-Sophia-Museums.

Zeynep Ahunbay
Legende: Zeynep Ahunbay, Architekturhistorikerin und Mitglied im Wissenschaftsrat des Hagia-Sophia-Museums, fürchtet den Entscheid des türkischen Gerichts. SRF

Sie erinnert an die Restaurierungsarbeiten der Tessiner Architektenbrüder Fossati, die 1847 die berühmten byzantinischen Mosaiken nach Jahrhunderten wieder freilegten und konservierten. Da noch im 19. Jahrhundert der Bau als Moschee diente, mussten die Christus-, Maria- und Engelsfiguren wieder unter Gips verschwinden. Denn christliche Figurationen in einem islamischen Gotteshaus waren und sind bis heute nicht gestattet.

Die Hagia Sophia ist von universellem Wert für die gesamte Menschheit. Der antike Bau kann nicht auf die Nutzung als Sakralobjekt für eine spezielle Glaubensgemeinschaft reduziert werden.
Autor: Zeynep AhunbayWissenschaftsrat des Hagia-Sophia-Museums

Das aber würde dem Monumentalbau jetzt wieder blühen. Yunus Genç, Mitglied der national-konservativen Anatolischen Jugendgemeinschaft, sieht da aber gar kein Problem: «Die frühchristlichen Mosaiken müssen nach islamischen Recht wieder bedeckt werden – aber nur während des Gebets. Man könnte also Vorhänge installieren, die für die Touristen während der Besuchszeiten wieder aufgezogen werden.»

Yunus Genç.
Legende: Yunus Genç, Mitglied der national-konservativen Anatolischen Jugendgemeinschaft, sieht keine Probleme, wenn die christlichen Mosaiken wieder bedeckt werden müssten. SRF

Die Wissenschaft aber schüttelt den Kopf: «Wissen die Moschee-Anhänger in welcher Höhe sich die Apsis-Mosaiken befinden? Wie will man da Vorhänge befestigen, die sich auch noch auf- und zuschieben lassen?» meint Zeynep Ahunbay.

Man könnte Vorhänge vor die christlichen Mosaiken installieren, die für die Touristen während der Besuchszeiten wieder aufgezogen werden.
Autor: Yunus GençNational-konservative Anatolische Jugendgemeinschaft

Mehr noch macht aber vielen der Machtanspruch Sorgen, der hinter der Forderung nach einer Umwandlung zur Moschee steht. «Die Türkei ist ein islamisches Land. Wir entscheiden, wo wir unsere Gotteshäuser errichten. Die Rückführung der ‹Ayasofya› in eine Moschee ist eine souveräne Entscheidung.» Yunus Genç fühlt sich von oberster Stelle, von seinem Präsidenten, unterstützt.

Erdogan in der Hagia Sofia.
Legende: Recep Tayyip Erdogan liess Ende Mai in der Hagia Sophia den Koran verlesen – und war per Video zugeschaltet. TRTRT

Ende Mai liess Recep Tayyip Erdogan anlässlich des Jahrestages der Eroberung Konstantinopels durch die Ottomanen in der Hagia Sophia den Koran verlesen und feiert den Triumph der Vorfahren der heutigen Türkei: «Wir haben nicht nur Istanbul erobert, wir haben Jahrhunderte verbracht, um noch mehr Schönheiten dieser Stadt hinzuzufügen.»

Orthodoxe Christen fühlen sich ausgeschlossen

Für Mihail Vailiadis, Herausgeber der einzigen griechischsprachigen Zeitung in der Türkei, sind das Warnsignale. Das Pochen auf souveräne Entscheidungen, auch in Glaubensfragen, berge eine Gefahr für ethnische und religiöse Minderheiten. «Wenn Souveränität bedeutet: Ich mache und entscheide, was ich will, egal wie das Gesetz lautet, wer garantiert dann unsere Sicherheit und Integrität?»

Denn mit dem neuen Status Quo der Hagia Sofia als Moschee würden die orthodoxen Christen in der Türkei völlig ausgeschlossen sein. Denn schliesslich war die Hagia Sophia lange Zeit auch religiöser Mittelpunkt der Orthodoxie. Zumindest als staatliches Museum aber konnte der Monumentalbau seine Eigenständigkeit zwischen den Regionen verteidigen.

Tagesschau, 30.06.2020, 19:30 Uhr

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Osman Erdogan  (Divide and Rule)
    So wie ich das aus (verschiedenen) türkischen Medien verstanden habe, würde der Status wie bei der Blauen Moschee sein und für Gebete, muslimisch sowie christlich orthodoxe, zugelassen werden.
    Dass dabei Bilder abgedeckt sein müssen ist nicht wahrscheinlich. Das im Bericht erwähnte Koran-Lesen wurde ja auch mit christlichen Bildern durchgeführt. Schlussendlich glaube ich nicht, dass die Türken solche Tourismusmagneten wie die Sophia aufs Spiel setzen würden, egal wie fromm die auch sein mögen.
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Osman Erdogan: Danke für Ihren Kommentar aus erster Hand. Die Frage ist aber dann: Warum will Recep Tayyip Erdoğan das überhaupt tun, wenn es doch insgesamt ein Nachteil ist? Hat es zu wenige Moscheen in der Türkei, so dass man in der Not keine Wahl hat, als eine der wertvollsten Kirchen der Welt zur Moschee umzuwandeln. Ich glaube eben dass Erdogan seine Ideologie über alles stellt. Er hat schon sehr viel Goodwill in den westlichen Ländern zerstört, ohne Rücksicht auf die eigene Wirtschaft.
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    2. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Osman Erdogan: Danke für Ihren Kommentar aus erster Hand. Die Frage ist aber dann: Warum will Recep Tayyip Erdoğan das überhaupt tun, wenn es doch insgesamt ein Nachteil ist? Hat es zu wenige Moscheen in der Türkei, so dass man in der Not keine Wahl hat, als eine der wertvollsten Kirchen der Welt zur Moschee umzuwandeln. Ich glaube eben dass Erdogan seine Ideologie über alles stellt. Er hat schon sehr viel Goodwill in den westlichen Ländern zerstört, ohne Rücksicht auf die eigene Wirtschaft.
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    3. Antwort von Osman Erdogan  (Divide and Rule)
      Es geht ihm eher um die symbolische Wirkung in alle Richtungen, vornehmlich die arabische Welt. Die Türkei mit Erdogan macht osmanische Politik und diese hat einen gewissen Anklang auf arabischen Strassen als kämpferischen Widerstand ggü. westlicher Kolonialisierung. Nicht jede osmanische Region wollte von der Triple-Entente „befreit“ werden.
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  • Kommentar von Paul Müller  (paulmueller)
    Ich finde es grundsätzlich auch nicht gut das Museum wieder in eine Moschee zu verwandeln. Doch die Türkei ist allgemein viel toleranter gegenüber „fremden“ Religionen als wir Schweizer! In Istanbul werden (durch die Stadt selbst!) momentan sechs Kirchen gebaut und zwei renoviert. Drei Synagogen sind ebenfalls im Bau. Hat der Bund (/Kanton/Gemeinde) je einmal eine Moschee in der Schweiz erbauen lassen? Ah, geht ja nicht. Wir haben ja ein Minarettverbot...
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Paul Müller: Es gibt inzwischen fast in jeder kleinstädtischen Gemeinde der Schweiz eine Moschee. Ich glaube nicht, dass es in der Türkei in mittleren Gemeinden Kirchen gibt. Weshalb auch? Die seit 2000 Jahren ansässige christliche Minderheit der Armenier wurde im Durcheinander des ersten Weltkriegs von der damaligen türkischen Regierung komplett ausgelöscht. Wenn Sie das in der Türkei als Völkermord bezeichnen, wandern Sie ins Gefängnis. Das Regime leugnet die eigene Geschichte.
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  • Kommentar von Stefan Gisler  (Stefan Gisler)
    Dspoten tun was immer sie wollen.
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