Erinnern als Auftrag

Im Konzentrationslager in Auschwitz zum 70. Mal der Befreiung von 1945 gedacht. Viele Regierungschefs und Staatsoberhäupter sind erschienen, darunter die Schweizer Bundespräsidentin. Aber ausgerechnet der russische Präsident hat gefehlt.

Viele Menschen, die der Gedenkfeier in Polen beiwohnen, sitzen beisammen.

Bildlegende: Auschwitz Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sind zahlreiche Menschen nach Polen gereist. Keystone

70 Jahre nach der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Soldaten wird ebenda an die zahlreichen Opfer erinnert.

Mehr als eine Million Menschen sind dort von den Nazis ermordet worden – Sinti, Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Polen, Homosexuelle, vor allem aber Juden.

Zum Gedenktag, den das staatliche Auschwitz-Museum veranstaltet, sind Regierungschefs und Staatsoberhäupter aus rund vierzig Ländern erschienen. Etwa aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und – mit Simonetta Sommaruga – auch aus der Schweiz. Ansprachen hielten sie in Auschwitz allerdings nicht.

«  Wenn ich könnte, würde ich ein elftes Gebot verfügen: Du sollst kein unbeteiligter Zuschauer sein. »

Roman Kent
Überlebender von Auschwitz-Birkenau

Als Redner waren nicht Leute aus der politischen Elite, sondern Betroffene vorgesehen: Drei ehemalige Auschwitz-Häftlinge ergriffen stellvertretend für rund 300 Überlebende das Wort. Einzig der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski hielt eine kurze Begrüssungsrede.

Teil einer internationalen Veranstaltung

Die Gedenkfeier war Teil und Höhepunkt einer internationalen Erinnerungs-Veranstaltung, die nebst Auschwitz auch an anderen Orten abgehalten wurde: in Prag, in New York, in Jerusalem und Luzern. Ferner stand sie in der Tradition langjähriger Begehungen: Nach einem UN-Beschluss wird seit 2006 alljährlich am 27. Januar der Opfer des Holocaust gedacht, in Deutschland seit 1996.

Gedenken im Deutschen Bundestag

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Auschwitz-Gedenkfeier Rede Gauck

0:38 min, vom 27.1.2015

Deutschland hatte die diesjährige Erinnerung an die Opfer des Naziregimes schon im Bundestag, mit einer Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck, begonnen.

Gauck betonte, dass es keine deutsche Identität ohne Auschwitz gäbe. Ferner gab er zu Bedenken, dass Erinnern allein nicht genug sei, «denn aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag.»

Feier ohne Putin

Der russische Präsident Wladimir Putin war nicht an der Gedenkfeier im Konzentrationslager Auschwitz erschienen. Dass er als Vertreter der Befreier nicht persönlich eingeladen wurde, hat in Russland zum Teil empörte Reaktionen hervorgerufen.

Die Gedenkstätte Auschwitz hatte allerdings darauf hingewiesen, dass die Veranstaltung nicht von der Warschauer Regierung organisiert worden sei und niemand eine offizielle Einladung von Polen erhalten habe.

Putin selbst sprach an einer Auschwitz-Gedenkfeier in einem jüdischen Museum in Moskau und würdigte den Beitrag des jüdischen Volkes im Kampf gegen den Faschismus. Ferner wies er – indem er auf den Ukraine-Konflikt Bezug nahm – auf die Gefahr eines «Strebens nach Weltherrschaft» hin. Gemeinsam solle man «das Recht von Staaten auf ihren eigenen Weg der Entwicklung verteidigen», betonte er.

Grussbotschaft von Simonetta Sommaruga

Beim Abschluss der Feierlichkeiten stellten die Chefs der offiziellen Delegationen Kerzen vor dem Opferdenkmal Birkenau auf. Die Schweizer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga war bei diesem feierlichen Akt mit von der Partie. Am Rande der Gedenkfeier traf sie Gàbor Hirsch, den Gründer und ehemaligen Präsidenten der Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust Schweiz. Bereits am Vormittag war sie im Bundeshaus mit Menschen zusammengekommen, die Auschwitz überlebt haben.

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Simonetta Sommaruga empfängt Holocaust-Überlebende

0:19 min, vom 27.1.2015

Aus aktuellem Anlass veröffentlichte das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) auf seiner Homepage eine Grussbotschaft von Sommaruga: Da gibt die Bundespräsidentin zu bedenken, dass es nurmehr wenige Menschen gebe, die sich an die Zeit des Holocaust erinner könnten. Und sie mahnte daran, dass alle in der Verantwortung stünden, ihren «Beitrag für ein Zusammenleben in gegenseitigem Respekt zu leisten.»