«Erst gestern wurde wieder eine Lehrerin in Rio erschossen»

In Rio de Janeiro ist die Mordrate im Juni auf den tiefsten Stand seit 1991 gefallen: Noch 272 Menschen sollen laut den Behörden im letzten Monat ermordet worden sein. Das subjektive Empfinden stütze die Statistik jedoch nicht unbedingt, sagt SRF-Korrespondent Achermann.

Polizisten mit schusssicheren Westen in einer Gasse.

Bildlegende: Polizisten patrouillieren durch eine Favela in Rio. Reuters

Die Mordrate in Rio de Janeiro ist laut offiziellen Angaben auf den niedrigsten Stand seit 24 Jahren gesunken. Mit 272 Morden im gesamten Bundesstaat ist die niedrigste Quote für einen Juni seit 1991 ermittelt worden. Das waren fast 28 Prozent weniger Morde als im Juni 2014 (377 Fälle).

Von Januar bis Juni dieses Jahres fielen im Staat Rio de Janeiro demnach insgesamt 2101 Menschen einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Zum Vergleich: 2009 waren es im selben Zeitraum noch 3198 Morde.

Olympische Spiele im nächsten Jahr

Die brasilianische Polizei versucht, etwa durch eine starke Präsenz in den Favelas, die Sicherheit zu erhöhen. Im August 2016 werden in der 7-Millionen-Einwohner-Stadt die Olympischen Sommerspiele durchgeführt.

«Ich muss mich fragen, ob die Behörden nicht eine etwas gar kreative Buchhaltung der Gewalt führen», sagt SRF-Korrespondent Ulrich Achermann, der sich derzeit in Rio befindet. So komme es immer noch beinahe täglich zu Schiessereien zwischen der Polizei und Drogenbanden in den Armutsvierteln. Dabei gälten diese seit den Säuberungsaktionen im Vorfeld der Fussball-WM vom vergangenen Jahr als mehr oder weniger befriedet.

Die Disziplin der Polizei lässt nach

Zwar hätten die Polizeiaktionen in den Favelas während einer gewissen Zeit tatsächlich einen Erfolg gebracht. Doch: «Jetzt stellt man fest, dass die Disziplin seitens der Behörden und der Polizei nachlässt», so Achermann. Die Drogenbanden seien zurückgekehrt, Menschen kämen bei Schiessereien ums Leben. «Gerade gestern ist eine Lehrerin in ihrer Schule von einem Querschläger getroffen und getötet worden.»


«Die Disziplin der Polizei lässt nach»

3:04 min, aus SRF 4 News aktuell vom 16.07.2015

Angesichts der Olympischen Spiele im kommenden Jahr würden die Behörden sicher versuchen, die Gewaltsituation in Rio möglichst positiv darzustellen, sagt der Korrespondent weiter. «Ich kann ihnen aber nicht unterstellen, sie würden die Öffentlichkeit mit diesen neuen Zahlen hinters Licht führen.»

Wie sich die Gewaltsituation im laufenden Jahr in der Olympiastadt 2016 tatsächlich entwickle, lasse sich erst Anfang kommenden Jahres sagen, wenn die Zahlen fürs ganze laufende Jahr und alle Gewalttaten vorlägen.