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International «Es geht den Menschen eindeutig schlechter»

Regen, Kälte, Matsch. Im Balkan kündigt sich der Winter an. Doch die Flüchtlingsströme reissen nicht ab, vermehrt kommen ganze Familien mit Kleinkindern. Leo Meyer vom Hilfswerk Heks warnt: Mit der kalten Jahreszeit warten ungekannte Herausforderungen.

Eine Mutter sitzt mit ihrem Kind an einem Feuer (slowenisch-kroatische Grenze, 23.10.2015)
Legende: Der Winter bricht herein, und trotzdem nehmen vermehrt Familien mit Kinder die strapaziöse Flucht auf sich. Keystone

SRF News: Herr Meyer, Sie sind derzeit in Serbien an der Grenze zu Kroatien. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von einem neuen Höhepunkt. Diese Woche kamen in Slowenien 12'000 Menschen an einem Tag an, so viele wie noch nie. Teilen Sie die Einschätzung der UNO-Flüchtlingshilfswerks?

Leo Meyer: Ganz klar. In den letzten Monaten waren es durchschnittlich um die 3000 Leute, die in Serbien ankamen und auch wieder hinausgingen. Gestern wurden von der Südgrenze rund 6000 gemeldet, also etwa doppelt so viele wie an einem normalen Tag. Serbien ist ein typisches Transitland, die meisten Menschen bleiben nicht mehr als zwei bis drei Tage. Es ist ein Korridor von Süden her. Die Leute kommen von Mazedonien und reisen dann per Bus an die Grenze zu Kroatien, die momentan offen ist.

Kommen vor allem Einzelpersonen oder ganze Familien an?

Das ist interessant zu beobachten. Als wir vor einenhalb Monaten mit unserer Arbeit begannen, waren es mehr Einzelpersonen, auch jüngere. Jetzt kommen mehr Menschen im Familienverband, vor allem Kinder und Kleinkinder, einige sogar mit Neugeborenen. Wenn man in diesem Kulturraum von Familien spricht, heisst das Grossfamilien. Sie reisen wenn immer möglich im Verbund, das gibt ihnen auch einen gewissen Schutz. Meistens hat eine der zehn bis zwanzig Personen die Funktion des «Clan-Chefs». Manchmal treffen wir auch Leute, die Teile ihrer Familie verloren haben. Sie bleiben dann auch länger, um sich möglichst wieder zu treffen und Famlienangehörige zu suchen.

Wir sehen zurzeit Bilder von Menschen, die durch Flüsse waten, die die Nacht völlig durchnässt im Freien verbringen müssen, Regen und Kälte ausgesetzt sind. Wie geht es den Leuten, die bei Ihnen ankommen?

Es kommen Menschen ohne Schuhe an – das muss man sich einmal vorstellen.

Sie sprechen hier eine ganz zentrale Frage an: Der Winter kommt. Es ist noch nicht Winter, aber die letzten Tage haben wir einen Vorgeschmack davon erhalten, es war kalt und vor allem auch regnerisch. Das erschwert die Reise für die Menschen ungemein. Von unserem Sanitätsposten an der Grenze erhalten wir jeweils Rückmeldungen darüber, was sie brauchen. Vor einem Monat war es vor allem Verbandszeug zur Wundbehandlung und ähnliches. Jetzt sind Menschen erkältet. Es geht ihnen eindeutig schlechter. Während dem Frühherbst konnten sie noch draussen übernachten. Diese Zeit läuft ab. Serbien hat sehr strenge Winter, es ist dann kälter als in der Schweiz. Das wird eine ganz neue Herausforderung.

Womit können Sie den Menschen aktuell am besten helfen?

Nahe beim Grenzübergang zu Serbien haben wir einen Posten mit einem Zelt aufgebaut. Dort verteilen wir Grundnahrungsmittel, Brot, Früchte, vor allem auch Wasser. Verstärkt kommt Winterkleidung dazu, beispielsweise kommen Menschen ohne Schuhe an – das muss man sich bei der Kälte und dem Regen einmal vorstellen. Wir müssen aber selektiv sein. Wir können nicht allen Schuhe und Regenmäntel geben. Dazu fehlen uns auch die Mittel. Wir wählen dann vor allem Familien mit Kindern aus, damit wenigstens sie etwas bekommen. Schliesslich unterstützen wir die Menschen mit einem kleinen medizinischen Team. Sie machen, was vor Ort möglich ist, zum Beispiel Wundbehandlung. Und was sehr wichtig ist: Wer wirklich in ein Spital muss, kann einer lokalen Einrichtung zugewiesen werden.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

Leo Meyer

Leo Meyer

Leo Meyer ist Programmbeauftragter für Moldau, Serbien, Kosovo und Rumänien beim evangelischen Hilfswerk Heks. Er ist seit 2006 fest bei der Organisation, zuvor amtete Meyer während 15 Jahren als externer Mitarbeiter für die Heks.

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Christa lohmann (Saleve2)
    Was geschieht aber mit den Flüchtlingen, die bei den jetzigen Wetterbedingungen Krank werden? Da sehe ich ein grosses Problem. Wer hilft in diesem Chaos? Man kann sie doch nicht einfach liegen lassen. Vereinzelt gibt es Ärzte . die sich als private Helfer zur Verfügung stellen. Aber auch sie brauchen eine Organisation, für Unterkünfte, für Medizin. Müsste hier nicht sofort die WHO eingreifen? Das kann zu einer entsetzlichen Katastrophe führen. Da darf man nicht abwarten!
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Merkel hat sie eingeladen.. jetzt sollen die Deutschen fuer diese Menschen sorgen.. andernseits wie kann man so blauaeugig in den Winter hinein migrieren ohne zu wissen was einem erwartet.. also mein Mitleid haelt sich in Grenzen.. jedoch meine auch ich, dass Europa jetzt sofort massiv reagieren sollte.. einerseits den Stromman der Wurzel zu stoppen andernseits die auf dem Weg schuetzen.. Wer trotzdem noch versucht via Tuerken und Griechenland zu migrieren wird nicht mehr unterstuetzt.. !!!
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    1. Antwort von roland goetschi (pandabiss)
      Diese Menschen wissen haargenau auf was Sie sich einlassen. Nur sehen viele einfach keine andere Möglichkeit. Ich denke es zeigt doch nur wie verzweifelt viele Menschen sind. Das Europa schwierigkeiten bei der Hilfe hat ist verständlich, der Logistische Aufwand ist enorm. Hilfe muss jetzt schnell und unbürokratisch geleistet werden, der Winter steht vor der Tür.
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Vorsorglich sollten nun Dispositionen getroffen werden, für den wahrscheinlich eintretenden Fall, dass der Winter in voller Härte einzieht und die Leute dann beginnen zu erfrieren. Sollten solche Bilder doch noch auftauchen wäre ein kausaler Zusammenhang zu dieser unseligen "Willkommenskulturpolitik" nicht mehr in Abrede zu stellen. Immerhin damit hat man diesen Menschen damit ja auch von unserer Seite her Hoffnungen geweckt. Dh. wir sind, dank unserer Politiker mitverantwortlich.
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