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International «Es geht um den wachsenden Einfluss des Irans in der Region»

Saudi Arabien hat vor zwei Tagen zwar angekündigt, die Luftangriffe gegen die Huthis in Jemen einzustellen. Aber der Luftkrieg geht weiter. Eine Kennerin des Landes erklärt, was die Saudis antreibt.

SRF News: Wir hören täglich von Opfern in Jemen, vor allem in der Zivilbevölkerung. Das Vorgehen und die Ziele der Saudis werden diskutiert und hinterfragt. Gibt es diese Diskussionen auch in Saudi Arabien?

Karen Elliott House: In Saudi-Arabien werden die Ereignisse meist als Einmischung Irans im Jemen dargestellt und als Bedrohung der Sicherheit des Landes. Für Differenzierungen gibt es da kaum Platz. Die Hauptbotschaft lautet: Wir bekämpfen den iranischen Feind.

Gibt es zuverlässige Umfragen darüber, wie die Bevölkerung von Saudi-Arabien über die kriegerische Einmischung im Jemen denkt?

Ich habe keine gesehen. Aber die Leute erinnern sich an den letzten kriegerischen Zusammenstoss mit Jemen 2009, im Grenzgebiet. Damals schlug sich die saudische Armee nicht besonders gut. Und es gibt auch Saudis, die der Ansicht sind, dass man die Prioritäten im Inland setzen sollte. Die Bevölkerung macht sich Sorgen wegen der steigenden Arbeitslosigkeit und der tiefen Ölpreise. Das Land lebt vom Öl. Das ist die Haupteinnahmequelle der Regierung. Gleichzeitig steigt der inländische Ölverbrauch, was dazu führt, dass weniger für den Export zu Verfügung steht. Die Terrormiliz IS, der Iran, die Lage im nahen Ausland beunruhigt die Leute.

Die Regierung versucht der Bevölkerung einzuhämmern, dass der Iran der Feind Nummer eins, zwei und drei ist. Es geht um dessen wachsenden Einfluss in der Region, um den Nukleardeal der USA mit Iran, um die Befürchtung, dass der Iran alles unterwandert. Aber die Probleme im Inland machen den Leuten noch mehr Sorgen.

Die Luftschläge im Jemen hat der neue Verteidigungsminister veranlasst: Mohammed, der Sohn von König Salman. Wie erfahren ist er?

Ich habe Mohammed 2010 getroffen. Damals sagte er mir, er sei 25. Das heisst, er ist jetzt erst dreissig Jahre alt. In offiziellen Biographien heisst es zwar, er sei 35, aber mir hat er etwas anderes gesagt. Kampferfahrung hat er offensichtlich keine. Aber er steht dem Verteidigungsministerium vor, er kontrolliert den Zugang zu seinem Vater, dem König, und er leitet den neuen Wirtschaftsrat, den sein Vater geschaffen hat. Er ist sehr mächtig, wird aber im Allgemeinen als sehr unerfahren betrachtet.

Das heisst, die Bevölkerung stellt seine Erfahrung in Frage?

Ja, viele Saudis betrachten ihn als zu wenig reif, zu unerfahren und zu wenig erprobt, und das in einem Land, wo Alter ein sehr wichtiger Faktor ist. Alter bedeutet alles, egal ob in der Durchschnittsfamilie oder in der Königsfamilie. Und da kann er nicht punkten. Sein Vater hat zwölf Söhne, und er ist bei weitem nicht der älteste oder erfahrenste.

Und warum hat König Salman ausgerechnet ihn zum Verteidigungsminister gemacht?

In Saudi Arabien heisst es, er sei der Lieblingssohn der Lieblingsfrau des Königs. Der König ist frei zu wählen, und er hat ihn gewählt. Und das schon, als er noch nicht König, sondern Gouverneur von Riad war. Der Sohn hatte schon damals die Funktion, den Zugang zu seinem Vater zu kontrollieren. Das tut immer noch, hat aber noch zusätzliche Befugnisse erhalten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der Einfluss der königlichen Familie schwindet. Was sind die Gründe dafür?

Ich denke, die Leute wissen, vor welchen Problemen das Land steht. Stichwort Arbeitslosigkeit und niedriger Ölpreis. Und sie begreifen, dass das Land trotz endloser Fünfjahrespläne es nicht geschafft hat, die Wirtschaft zu diversifizieren. Sie machen sich grosse Sorgen um ihre Zukunft, und sie betrachten die Führung der al Saud als ältlich und etwas von gestern. Die Leute sind schlicht nervös, denn sie leben in einer schwierigen Region, und sie befürchten, dass ihre Führung nicht in der Lage ist, sie zu beschützen.

Und der Krieg im Jemen, ist er ein Risiko für die Königsfamilie oder im Gegenteil eine Chance?

Er ist ein grosses Risiko. Das saudische Regime will verhandeln, aber aus einer Position der Stärke. Die Militärschläge dienen dazu, Stärke zu demonstrieren, und dann zu verhandeln, sich ein paar Leute zu kaufen und eine Schein-Stabilität zu schaffen. Ob das so klappt oder nicht, ist noch nicht abzusehen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich der Ruf der Saudis durch das militärische Vorgehen verbessert, und gestärkt werden sie dadurch wohl auch nicht. Wahrscheinlich müssen sie wieder tun, was sie am besten können: Ihre Widersacher kaufen und bestechen, bis die sich fügen.

Das Gespräch führte Matthias Kündig.

Karen Elliott House

Karen Elliott House

Die amerikanische Journalistin und Pulitzer-Preis-Trägerin ist eine intime Kennerin Saudi-Arabiens. Sie berichtet seit über dreissig Jahren über das Land. Ihr neustes Buch heisst: «On Saudi Arabia. Its people, past, religion, fault lines – and future».

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11 Kommentare

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  • Kommentar von S. Meier, Adliswil
    Der jemitische Ableger des IS, Saudi Arabien und die USA sind gemeinsam gegen diese Huti-Rebellen. Was da noch alles kommen wird.
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  • Kommentar von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
    Saudi-Arabien, die Golfstaaten, Jemen, Irak, Syrien u. Libanon haben starke schiitische Bevölkerungsanteile. Im Irak bilden sie die Mehrheit. Saudi Arabien und auch Aegypten fühlen sich von Innen wie auch v. aussen durch den Iran bedroht. Jetzt kommt dazu, dass die USA, EU und NATO einen Abbau der Spannungen mit Teheran anstreben, da man befürchtet, dass Russland sich dem Iran annähern wird. Der Iran hat mit sehr wenig Einsatz das Maximum im Jemen herausgeholt.
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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Betrachten wir die Militärbudgets der ölreichen Emirate. Alle aussergewöhnlich hoch. Hauptlieferanten der Kriegsausrüstung? Zum Grossteil der Westen. Was wird mit der Ausrüstung unternommen? Volksaufstände im Inland und Ausland bekämpft.
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