«Es gibt keine Perspektive, solange der Krieg nicht aufhört»

Allein im Libanon leben eine Million syrische Flüchtlinge – in einem Land mit gerade einmal vier Millionen Einwohnern. Unser Korrespondent hat eine Schule für vertriebene Kinder besucht. Er berichtet vom täglichen Kampf um ein bisschen Zukunft.

Ein Schulkind läuft durch ein Flüchtlingslager im östlichen Libanon.

Bildlegende: Ausnahmezustand als Dauerzustand: Viele Kinder haben ihr halbes Leben in Flüchtlingslagern verbracht. Keystone

SRF News: Spüren die syrischen Flüchtlinge in Beirut, wenn das Geld fliesst?

Philipp Scholkmann: Sie spüren vor allem, wenn keines fliesst. Im letzten Jahr haben viele Hilfswerke ihre Unterstützung wegen Geldmangel drastisch zusammengestrichen. Das hat viele Flüchtlingsfamilien tiefer in die Armut gestossen. In den letzten Monaten geht es offenbar eher aufwärts, es fliesst etwas mehr Geld, sagen mir die Leute von der UNO. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Flüchtlingskrise in Europa in den Schlagzeilen ist und sich die Appelle wieder häufen, dass man hier im Nahen Osten helfen müsse. Aber selbst wenn von Milliarden gesprochen wird: Bei einer so gewaltigen Krise ohne absehbares Ende bleibt das doch immer zu wenig.

Sprechen wir über ein konkretes Hilfsprojekt: Sie besuchten gerade eine Schule für Flüchtlingskinder im Süden von Beirut. Welchen Eindruck hatten Sie?

Es war für einmal ein echter, kleiner Lichtblick mitten in der Not. Es wird in Schichten unterrichtet: Am Morgen die libanesischen Schülerinnen und Schüler in ihrem angestammten Schulhaus; dann kommt die Nachmittagsschicht, mehrere hundert syrische Kinder – und zwar nicht symbolisch, um die Kinder zu beschäftigen. Es wird ernsthaft nach dem vollwertigen libanesischen Lehrplan unterrichtet. Natürlich gibt es hier Probleme: der libanesische Lehrplan startet etwa viel früher mit Fremdsprachen als der syrische. Alles in allem wirkt das aber eingespielt, die Lehrer sind motiviert – und entsprechend auch die Kinder.

Ist dieses Projekt langfristig finanziert?

Nein, auch hier müssen die Gelder immer wieder von Neuem bewilligt werden. Aber im Moment klappt das. Und gerade die Europäer sind in diesem Bereich offenbar stark engagiert.

Wird jetzt allgemein mehr in Schulen investiert – auch in Jordanien zum Beispiel?

Die Schulen sind eine der Prioritäten, die auch an der grossen Geberkonferenz in London genannt wurden. Und in beiden Ländern, Jordanien und Libanon, sind nun etwa die Hälfte der Flüchtlingskinder in der einen oder anderen Form eingeschult. Das sind deutlich mehr als noch vor einem Jahr. Das heisst aber natürlich auch, dass unzählige andere Kinder noch immer keine Schulbildung erhalten – und das zum Teil schon über vier Jahre hinweg. Allein im Libanon sind etwa 200'000 syrische Kinder betroffen – weil es noch keine Plätze gibt, aber auch, weil sie schlicht im Überlebenskampf ihren Eltern helfen müssen. Mit häufig miserabel bezahlten Gelegenheitsjobs oder gar mit Betteln.

«  Viele Kinder müssen ihren Eltern beim Überlebenskampf helfen – mit Gelegenheitsjobs oder gar mit Betteln. »

Ein Engpass herrscht bei der Nahrungsmittelhilfe, sie wurde reduziert auf 20 Dollar, und die Hälfte der Flüchtlinge erhalten gar keine Nahrungsmittel. Ist das ein Problem, hungern die Flüchtlinge?

Vielleicht hungern sie nicht, aber die UNO geht davon aus, dass über 70 Prozent der Flüchtlinge unter der Armutsgrenze leben. Und wenn nur die Hälfte überhaupt noch Nahrungsmittelhilfe bekommt, weil das Geld nicht für mehr reicht – dann bedeutet das, dass die UNO Einzelentscheide fällen muss: Braucht diese oder jene Familie dringend Überlebenshilfe, oder schafft sie auch ohne? Das ist drastisch und in vielen Fällen sehr hart.

Hunderttausende wandern nach Europa aus, weil sie keine Perspektive haben in den Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien und der Türkei – welche Hilfeleistungen könnten da helfen? Reine Nothilfe reicht da wohl nicht?

Die Schule ist sicher ein Beispiel, wo sich Chancen öffnen können. Lehrstellen sind eine andere Piste, die auch in London diskutiert wurde. Es gibt auch solche Pilotprojekte. Aber im Libanon sind es gerade einmal 1000 solche Lehrstellen – das ist nichts, gemessen an den Bedürfnissen. Danach stellt sich die grosse Frage der Jobs. Das war am Anfang der Krise noch sehr viel einfacher für Syrerinnen und Syrer.

Aber inzwischen haben die Behörden die Schraube angezogen, weil der Druck zu gross wurde – die Angst der Einheimischen vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Die Nachbarländer Syriens, Libanon und Jordanien, stecken selbst in der Krise. Und mit den neuen Vorschriften ist es für syrische Flüchtlinge viel schwieriger geworden, überhaupt noch zu arbeiten. Zumindest legal. Übrigens sind auch die Grenzen in Libanon und Jordanien fast dicht für neue Flüchtlinge aus Syrien. Entsprechend perspektivlos bleibt die Lage, solange der Krieg nicht aufhört.

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

Philipp Scholkmann

Portrait von Philipp Scholkmann

Scholkmann ist Nahost-Korrespondent bei SRF. Er hat in Basel und Paris Geschichte und Philosophie studiert. Vor seiner Tätigkeit im Nahen Osten war er Korrespondent in Paris und Moderator bei «Echo der Zeit».