Zum Inhalt springen

International «Es handelt sich hier um einen kulturellen Völkermord»

In den letzten hundert Jahren wurden in Kanada systematisch Indianerkinder ihren Eltern weggenommen. Man steckte sie in Internatsschulen, wo sie oft misshandelt wurden und teilweise nie wieder zurückkehrten. Auf diese Weise wollte man die Lebensweise der Ureinwohner Kanadas «auslöschen».

Ein Schwarzweissfoto einer Gruppe junger Indianermädchen mit einer Nonne als Lehrerin
Legende: Anno 1940 Während des ganzen 20. Jahrhunderts wurden Kinder von den Ureinwohnern Kanadas in staatliche Internatsschulen gesteckt. Reuters

Während mehr als 100 Jahren wurden Kinder von indianischen Ureinwohnern ihren Eltern systematisch weggenommen und in staatliche Internatsschulen gesteckt. Oft erlebten sie dort körperliche und seelische Misshandlungen, viele kehrten nie mehr zu ihren Familien zurück. Durch einen Bericht der obersten Verfassungsrichterin, der diese Woche veröffentlicht wurde, erfahren nun viele Kanadier erstmals von diesem düsteren Kapitel der Geschichte Kanadas.

«Schockierende Deutlichkeit»

Der Bericht sage in einer schockierenden Deutlichkeit, dass es sich bei diesen Internatsschulen um einen kulturellen Völkermord handelte, der darauf abzielte, die Kultur der Ureinwohner zu zerstören. Dies erklärt Gerd Braune, deutscher Journalist in Ottawa im Interview mit SRF.

Das Neuartige am Bericht sei, dass er von offizieller Seite komme. Für jene, die sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzen, sei der Inhalt nicht neu. «Doch nun ist es die oberste Verfassungsrichterin, die sich äussert. Und das in einer neuen Deutlichkeit.» Das werde die Debatte in Kanada beeinflussen, erwartet Braune.

Dimension wird deutlich

Überrascht habe ihn die aufgezeigte Dimension des Leides, das den Familien zugefügt wurde. So schreibt der Bericht von 6000 Kindern, die in der Schule starben und anonym beerdigt wurden, ohne dass die Eltern davon wussten.

«Das ganze Schulsystem zielte darauf ab, die indianische Bevölkerung der Einwanderungsbevölkerung anzupassen», sagt Braune. Man habe versucht, die Kultur der Ureinwohner auszumerzen.

Was Politiker nun fordern, einen respektvollen Umgang der weissen Bevölkerung gegenüber der indigenen. «Die weisse Bevölkerung muss wissen, was in diesen Internaten passiert ist.» Auch Gerd Braune findet, das Ziel sei ein friedliches Nebeneinander.

Gerd Braune

Braune lebt seit 1997 in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. Er schreibt für mehrere Zeitungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Braune berichtet über den Multikulturalismus Kanadas und seine Einwanderungspolitik

8 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von S.Petrovic, Luzern
    Es war echte Völkermord nicht nur kulturelle. Hunderttausende wenn nicht Millionen Ureinwohner sind getötet.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von E. Jenni, Ottikon
    Das ist eigentlich Völkermord im 20. Jahrhundert! Die kath. Kirche hat diese und ähnliche Methoden erfolgreich über Jahrhunderte angewandt. Zur Blütezeit ihrer Macht im 12. und 13. Jh. wurden ganze Ethnien und sog. Ketzer wie die Waldenser fast vollständig ausgerottet. Südamerika wurde später von der Kirche zwangsmissioniert. Wer sich nicht zur kath. Kirche bekehrte, wurde meist auf dem Scheiterhaufen verbrannt. All diese Verbrechen geschahen im Namen des Christentums! Kein Ruhmesblatt!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von P. Stalder, Ottikon
      @Jenni. Betreffend Religion hatte Lenin wohl nicht ganz unrecht, Zitat: "Die Religion ist eine Art geistiger Fusel, in dem die Sklaven des Kapitals ihre Menschenwürde und ihren Anspruch auf eine halbwegs menschenwürdige Existenz ersäufen".
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Pestalozzi, Zürich
    Diese Geschichte hat vermutlich Ähnlichkeiten mit der Aktion "Kinder der Landstrasse", mit der in der Schweiz Fahrende in die Mainstream-Kultur hätten überführt werden sollen. Integration mit dem Brecheisen, sozusagen. Heute sieht man die Sache anders, Probleme im Umgang mit Minderheiten bestehen aber fort, besonders wenn sie wirtschaftlich schwach sind. Nicht ganz fair finde ich, wenn man den kritisierten Institutionen a priori schlechte Absichten unterstellt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen