Italienische Seenotretter «Es ist eine Pflicht, zu helfen»

Im Römer Kommandoraum gehen die Hilferufe vom Mittelmeer ein. Von hier aus dirigiert die Küstenwache die Rettungseinsätze.

Ein fensterloser Raum in einem Aussenquartier Roms: Alle Augen sind hier auf die Aussenwelt gerichtet – Bildschirme vermitteln die Informationen. Kleine Punkte zeigen Schiffe an, die jetzt gerade im Mittelmeer unterwegs sind. «Das Wichtigste hier sind die roten Telefone», erklärt Filippo Marini, der Küstenwache-Offizier. «Über diese Telefone kommen sämtliche Hilferufe, die zwischen Libyen und Italien abgesetzt werden.»

Viel Arbeit bei ruhiger See

Wer auf hoher See Hilfe braucht, ruft entweder selber an oder wird im Meer gesichtet. Das sind die zwei Möglichkeiten, um einen Einsatz der italienischen Küstenwache auszulösen. Oft drücken die Menschenhändler in Libyen irgendeinem der Migranten ein Satellitentelefon in die Hand, auf dem die Nummer der Küstenwache bereits gespeichert ist. Mit diesem Telefon werden die Retter alarmiert, sobald das Boot sich von der Küste entfernt hat.

Boote, die über kein solches Telefon verfügen, müssen aus der Luft oder von einem anderen Schiff aus gesichtet werden, um eine Hilfsaktion auszulösen. Ein wichtiges Hilfsmittel für die Küstenwache sind die Wetterdaten: «Wenn die Wellen zwischen Libyen und Italien hoch sind, dann wissen wir, dass kaum Schiffe oder Boote unterwegs sind», sagt Marini. Wenn die See dagegen ruhig sei, müsse man davon ausgehen, dass viele Boote in See stechen. «Dann schicken wir unsere Schiffe und Flugzeuge los, um das Meer zu überwachen.»

Hilfeleistung ist gesetzlich vorgeschrieben

Sobald ein Boot mit Migranten an Bord gesichtet wird, muss die Küstenwache oder jedes andere Schiff in der Nähe Hilfe leisten: «Leben zu retten, ist nicht nur eine humanitäre, sondern eine rechtliche Pflicht. Die italienische Küstenwache kann zum Beispiel Handelsschiffe oder Fischerboote dazu zwingen, von ihrem Kurs abzuweichen, um Schiffbrüchige zu retten. So will es das internationale Seerecht», führt der Offizier aus.

Seit ein paar Jahren sind es zunehmend private Hilfsorganisationen, die mit ihren Schiffen im Mittelmeer unterwegs sind und von der Küstenwache zu Hilfseinsätzen aufgeboten werden. Wenn die Küstenwache allerdings ein Rettungsschiff in der Nähe hat, macht sie sich selber auf den Weg.

Menschen dichtegedrängt auf einem Holzkahn auf offenem Meer, manche winken mit den Händen.

Bildlegende: Migranten im Mittelmeer: Hunderttausende Menschen hat die italienische Küstenwache seit 1990 gerettet. Imago

Rund eine Million Menschen gerettet

«In den letzten 26 Jahren hat die italienische Küstenwache rund eine Million Flüchtlinge und Migranten aus dem Meer gerettet», erklärt Admiral Vincenzo Melone, der Kommandant der Küstenwache. Es ist dies eine Leistung, auf die der Admiral, aber auch die meisten Italienerinnen und Italiener immer wieder verweisen.

«Ich kann nicht verbergen, dass ich stolz darauf bin, Chef dieser Organisation und Italiener zu sein», sagt Melone. 11'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat die italienische Küstenwache. Mit rund 600 Booten und Schiffen kontrolliert sie eine Meeresfläche, die doppelt so gross ist wie das italienische Festland.

Die Aufgabe zehrt an den Kräften, gibt er zu: «Vor allem die psychische Belastung des Personals bei den fast täglichen Rettungseinsätzen ist gross.» Er erhoffe sich mehr Unterstützung anderer Länder, sagt der Admiral, fügt aber gleich an, dass sich die Politiker um dieses Problem kümmern müssten. Die Aufgabe der Küstenwache sei einzig und allein, Leben zu retten.