Eskalation im Irak erfasst die Nachbarländer

Innerhalb von zwei Tagen ist die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) fast bis nach Bagdad vorgedrungen. Der irakische Staat droht zu zerfallen. Doch auch für viele Nachbarländer ist die jüngste Entwicklung katastrophal.

Auto-Konvoi mit schwarz gekleideten Dschihadisten

Bildlegende: Die schwerbewaffneten Isis-Kämpfer stehen kurz vor Bagdad. Keystone

Nicht nur im Irak hat die Offensive der Isis-Truppen gravierende Folgen. Auch die Nachbarstaaten bleiben von der Krise nicht verschont:

  • Türkei: Ankara ist wegen der Geiselnahme von dutzenden Türken in Mossul durch Isis-Extremisten direkt betroffen. Die Türkei setzt weiterhin auf Diplomatie. Aussenminister Ahmet Davutoglu droht jedoch mit «Vergeltung», sollte seinen Landsleuten etwas zustossen. Die Eskalation im Irak zeigt, dass der türkische Versuch zur führenden Regionalmacht aufzusteigen, gescheitert ist. In den vergangenen Jahren wollte Ankara dabei helfen Konflikte im Nahen Osten zu lösen und dabei selbst als stärkster Player dazustehen. Vor allem der Bürgerkrieg in Syrien führte zu erheblichen Spannungen zwischen Teheran und Ankara.
Video «Islamisten im Irak auf dem Vormarsch» abspielen

Islamisten im Irak auf dem Vormarsch

1:59 min, aus Tagesschau am Mittag vom 12.6.2014

  • Syrien: Im Bürgerkriegsland ist Isis erst stark geworden. Die radikale Sunnitenmiliz profitierte von Saudi-Arabien und Katar. Die sunnitischen Länder haben die Regimegegner mit Geld und Waffen versorgt. Bei der Eroberung von Mossul und dem Sturm auf andere irakische Städte fiel den Dschihadisten eine grosse Menge an Kriegsgerät der irakischen Armee in die Hände. Über die offenen Grenzen dürfte dieses schnell nach Syrien gelangen. Auch Banken will die Terrorgruppe geplündert haben. Das bedeutet nicht nur einen hochgerüsteten Gegner für Assad, sondern ist auch ein Problem für die syrische Opposition. Die Isis kämpft inzwischen auf eigene Rechnung und duldet keine anderen Regimegegner in ihrem Machtbereich.
  • Iran: Teheran sieht in der aktuellen Eskalation eine Bestätigung seiner Regionalpolitik. «Wir hatten mehrmals davor gewarnt, dass sich ohne eine vernünftige Politik der Terrorismus in der Region nur ausweiten würde», sagte Aussenamtssprecherin Marsieh Afcham. Besonders gegenüber der Türkei oder Saudi-Arabien ist es für den schiitischen Iran eine Genugtuung, dass deren Unterstützung für die Rebellen in Syrien zu einer Eskalation der Krise geführt hat. Nach Auffassung Teherans sind die Erfolge der Isis auch die Konsequenz der westlichen Politik in der Syrien-Krise. Terroristen seien ermutigt worden ihre Aktivitäten auf andere Länder auszuweiten, heisst es dort. Der Iran hat dem schiitisch regierten Irak von Nuri al-Maliki bereits Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt.
  • Saudi-Arabien: Das ölreiche Königreich führt in Syrien einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran. Es finanziert und bewaffnet die Rebellen im Kampf gegen Assad, was auch der Isis zugutekam. Das streng sunnitische Riad will den Einfluss schiitischer Muslime in der Region auf kleiner Stufe halten. Zu diesem Zweck unterstützt es auch gerne unberechenbare und ultrakonservative salafistische Gruppierungen wie die Isis. Das Königshaus bangt um den eigenen Einfluss, denn in Saudi-Arabien lebt eine unzufriedene schiitische Minderheit. Besonders heikel für die Herrscher: Die meisten Schiiten leben in der Ost-Provinz, wo die grossen Öl-Felder liegen.
  • Jordanien: Das haschemitische Königreich ist im Arabischen Frühling 2011 von einem Umsturz verschont geblieben. Doch gibt es auch dort islamistische Gruppen, die in Amman einen Machtwechsel anstreben. Die wirtschaftliche Lage im Land hat sich durch die Aufnahme von über einer Million syrischer Flüchtlinge noch mehr verschlechtert. Auf die Entwicklung im Irak schauen viele Jordanier nun mit Sorge.