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Eskalation in Kosovo Die Schweiz als Vermittlerin?

Legende: Video Eskalation im Kosovo abspielen. Laufzeit 2:35 Minuten.
Aus Tagesschau vom 27.03.2018.

Es ist das fast epochale Versagen der europäischen Soft Power: Die Beitrittsperspektive zur EU reicht nicht mehr, um die starken Männer in Belgrad und Pristina im Griff zu haben. Die brutale Verhaftung des serbischen Kosovo-Beauftragten Marko Djurić in Kosovo inklusive Zurschaustellung in den Strassen von Pristina und die düstere Rhetorik des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić sind Zeugnis dafür, dass die Situation zwischen Serbien und Kosovo ausser Kontrolle geraten ist.

Europäische Kabinettspolitik

Statt energisch den Reset-Knopf zu drücken, überlässt die EU das Feld der Grossmacht Russland und auch der Türkei. Das ist brandgefährlich – für die Menschen in der Region, aber auch für Europa. Autoritäre Staaten als Partner wirken unterdessen interessanter als der Westen, der nach dem Zerfall Jugoslawiens in Südosteuropa das europäische Friedensprojekt vollenden wollte. Insbesondere nach der Nato-Intervention 1999.

Doch gerade der sogenannte Normalisierungsprozess in Kosovo unter EU-Schirmherrschaft weist erhebliche Konstruktionsfehler auf: Die EU hat die letzten Deals zwischen Belgrad und Pristina in einer Art Kabinettspolitik über Handschläge der Mächtigen abschliessen wollen. Ohne Beteiligung der Parlamente geschweige denn der Bevölkerung. Mit Demokratie hat das wenig bis nichts zu tun. So hat die Glaubwürdigkeit Brüssels erheblich gelitten. Auch, weil die EU (und auch die Schweiz) zu lange keine kritischen Fragen an die Adresse der herrschenden Ex-Rebellen-Kommandanten in Pristina gestellt haben.

Krim-Szenario?

Gleiches gilt für den Verband kosovo-serbischer Gemeinden. Auf den ersten Blick eine Lösung wie im Berner Jura: Eine föderale Idee, damit auch die Minderheiten angemessen am Staat Kosovo teilhaben können. Doch die direkte Einflussmöglichkeit Belgrads auf den Gemeindeverband macht dieses Gebilde zu einer Art Staat im Staat und untergräbt die kosovarische Souveränität. Brüssel glaubte, Belgrad würde so die Kosovo-Kröte schlucken und im Gegenzug für den EU-Beitritt seine ehemalige Provinz definitiv ziehen lassen.

Doch weit gefehlt. Mit russischem Backup kämpft der serbische Präsident Alkesandar Vučić um immer mehr Einfluss in Kosovo. Gestern hat er in einem Interview mit dem staatlichen Fernsehen in aller Deutlichkeit den alten Kampf-Slogan der Nationalisten ausgesprochen: Kosovo ist Serbien. Verschiedene Stimmen befürchten seit längerem, im mehrheitlich serbisch besiedelten Norden Kosovos könnten über Nacht «grüne Männchen» die Kontrolle übernehmen. Soldaten in Kampfanzügen ohne Hoheitsabzeichen. Ein Krim-Szenario.

Angehöriger der Swisscoy in Nord Kosovo.
Legende: Angehöriger der Swisscoy in Nord Kosovo. Zum Eigenschutz ohne Grad- und Namensabzeichen SRF

Gute Dienste auf dem Balkan

Noch ist dies eine der vielen Balkan-Spekulationen, aber eine ernsthafte Herausforderung für die Nato-Friedenstruppe KFOR (Kosovo Force), die seit 1999 in Kosovo die Sicherheit garantieren soll. Im Norden Kosovos sind vor allem Soldaten der Swisscoy, dem Schweizer KFOR-Kontingent, eingesetzt. Als Liaison-Monitoring-Teams sind sie von allen Seiten geschätzte Vermittler zwischen allen Akteuren.

Die Schweiz spielt aber nicht nur militärisch eine wichtige Rolle in Kosovo: Sie hat den Staat als eines der ersten Länder überhaupt anerkannt und erheblich unterstützt. Ob zu Recht oder nicht: Das bedeutet eine erhöhte Verantwortung Berns. Gerade weil es im Kosovo nicht um einen ethnischen Konflikt, sondern vor allem um einen Machtpoker geht, könnten die offenen Kanäle der Schweiz zu allen Seiten einen Beitrag zur Deeskalation leisten.

Georg Häsler

Georg Häsler

Korrespondent Serbien und Kosovo, SRF

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Georg Häsler ist SRF-Korrespondent in Serbien und Kosovo sowie Bundeshausredaktor in Bern. Er studierte Klassische Philologie. Seine Spezialgebiete sind Südosteuropa, Sicherheitspolitik und die internationalen Beziehungen.

36 Kommentare

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  • Kommentar von Luke Highwalker (highwalker)
    Ja genau, alle haben so viel Ahnung, beim Tippen sind alle Weltmeister. Ich würde statt grosser Floskeln (an gewisse Kommentatoren hier gerichtet) wärmstens empfehlen sich in erster Linie mit Geschichte zu befassen, richtiger Geschichte, nicht Wikipedia, und nicht zwangsläufig das Internet. In der Schweiz gibt es gute Bibliotheken, befasst euch mal mit der Geschichte des Balkans, wenn ihr verstehen wollt warum es so ist wie es ist:Albaniens Golgatha, von Leo Freundlich. Zurück an den Ursprung
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  • Kommentar von Ben Holdren (Albani)
    Der Staat Kosovo ist als Konsequenz auf die serbischen Verbrechen und Massakern entstanden. Als Hauptverantwortlicher für das Unheil auf dem Balkan muss Serbien Vergangenheitsbewältigung und Versöhnung versuchen, anstatt ununterbrochen Benzin ins Feuer zu werfen. Herr Djuric wurde wegen illegaler Einreise und illegalem Aufenthalts verhaftet und ausgewiesen. Durch solche Aktionen versucht Serbien, eine Eskalation herbeizuführen, um in den Kosovo wieder einzumarschieren.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Die serbische Minderheit im Kosovo hat nicht dieselben Rechte wie die albanische Mehrheit. Vielleicht wäre es gar nicht so dumm, falls jemand wirklich an Frieden interessiert ist, die Grenzen neu zu definieren - selbstverständlich nach einer geheimen Befragung der betroffenen Menschen. Offenbar ist es der EU/ Nato/ USA nicht gelungen, den Kosovo auf eigene Beine zu stellen, denn es fehlt immer noch eine funktionierende Wirtschaft. Das einzige "Highlight" im Kosovo: Camp Bondsteel...
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    1. Antwort von Ben Holdren (Albani)
      Der serbischen Minderheit im Kosovo sind durch die Kosovarische Verfassung 10 Parlamentssitze garantiert, obwohl sie nur ca. 4% der Gesamtbevölkerung stellen, und das ist auch gut so. Die Kosovo-Serben beziehen zwei Renten: Eine aus Serbien, eine aus dem Kosovo. Soviel zu Ihrer Bemerkung, Serben hätten nicht dieselben Rechte im Kosovo, wie die albanische Mehrheit.
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