Essensrationen für syrische Flüchtlinge werden halbiert

Die Nahrungsmittelhilfe für Flüchtlinge in Syrien und den Nachbarländern muss massiv gekürzt werden. Dem Welternährungsprogramm (WFP) der UNO fehlt es an Geld. Das WFP sei mit fünf grösstmöglichen Krisen gleichzeitig am Anschlag, hiess es nach dem wenig erfolgreichen Spendenappell Anfang September.

Not leidende Syrer bekommen bald noch weniger zu essen. Denn dem Welternährungsprogramm (WFP) der UNO fehlt es an Geld. Die Lebensmittelhilfe für Vertriebene in Syrien wird deshalb ab heute um 40 Prozent gekürzt, wie die Organisation mitteilt. Bis Ende Jahr fehlen rund 350 Millionen Dollar.

Zeltlager mit Syrern im Nordlibanon nach Regenfällen Ende September.

Bildlegende: Syrische Flüchtlinge in einem Zeltlager in Halba im Nordlibanon nach schweren Regenfällen Ende September. Reuters/Archiv

Das WFP kümmert sich im Moment gleichzeitig um fünf Krisen, die von den Vereinten Nationen als «Level-Drei-Krisen» eingestuft wurden: Ebola, Syrien, Irak, Südsudan und Zentralafrikanische Republik. «So eine Situation hat es in der Geschichte der Organisation noch nie gegeben», sagt WFP-Vizedirektorin Elisabeth Rasmusson.

Von den Kürzungen sind Hunderttausende Flüchtlinge betroffen, wie WFP-Sprecher Ralf Südhoff gegenüber SRF sagt. Er verweist auf die dramatische Lage in der Türkei, wo erneut über 140‘000 Flüchtlinge eingetroffen sind. «In der Türkei müssen wir vier von fünf Flüchtlingen schlicht jede Hilfe streichen.» Aber auch in den Nachbarstaaten Jordanien und Libanon müssten die Hilfen um fast die Hälfte gekürzt werden. Gleiches gelte für die über vier Millionen Menschen, die in Syrien unterstützt werden müssten.

Flüchtlingsstrom im Libanon

Besonders problematisch ist laut Südhoff die geplante Kürzung der monatlichen Nahrungsmittelhilfe im Libanon von 30 auf 20 Dollar pro Flüchtling. Damit sei eine der innovativsten Ernährungshilfen betroffen, die weltweit überhaupt geleistet werde: Die Syrer im Libanon erhalten eine Prepaid-Kreditkarte. Damit können sie in den dortigen Supermärkten direkt einkaufen. Dies wiederum hilft auch dem Libanon, wo mittlerweile auf jeden fünften Einwohner ein Flüchtling kommt. «Mit der jetzigen Kürzung können die Betroffenen nur noch halb so viel essen, wie sie bräuchten, um gesund zu bleiben», sagt Südhoff.

Mädchen in einem syrischen Flüchtlingslager

Bildlegende: Die Flüchtlinge in Syrien und in Nachbarländern erhalten bald nur noch zwei Drittel der Lebensmittel, die sie benötigen. Keystone

Gleichzeitig werde die Lage der Menschen vor Ort immer dramatischer, weil sie schon so lange in Zeltlagern lebten, bei teilweise starken Regenfällen. Die Lage sei dramatisch. So gebe es Berichte, wonach sich Flüchtlinge überlegten, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken oder Mädchen zur Prostitution anhielten.

Kein Zugang wegen Al-Nusra-Front

Laut Vizedirektorin Rasmusson sind die Menschen in den von der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) kontrollierten Gebieten derzeit die einzigen, die keine UNO-Nahrungsmittelhilfe erhalten. Der Zugang zu Gebieten unter Kontrolle der islamistischen Al-Nusra-Front sei eingeschränkt.

«Die Al-Nusra-Front will, dass die Menschen nicht erfahren, dass diese Hilfe von den Vereinten Nationen kommt», sagt Rasmusson. Die Front wolle den Eindruck erwecken, dass sie die Lebensmittel beschaffe. Es sei sehr befremdlich, zu sehen, wie Familien in der Stadt Tartus im Restaurant essen, während wenige Kilometer entfernt gekämpft und gehungert werde, so Rasmusson.

Hoffnung auf rasche Überbrückung

Bereits Anfang September hatte das UNO-Welternährungsprogramm bei den Mitgliedstaaten um mehr finanzielle Unterstützung gebeten. Leider habe dies nicht rechtzeitig geklappt, sagt Südhoff. Es gebe nun aber Anzeichen von einzelnen Regierungen wie etwa Deutschland, dass sehr schnell weitere Hilfe bereitgestellt werde. Möglicherweise werde dies noch einmal für ein paar Wochen weiterhelfen, aber nur, wenn sehr schnell etwas geschehe.

Sind den Menschen die Syrer egal?

Südhoff appelliert auch an die privaten Spender. Denn ganz im Gegensatz zu Naturkatastrophen ist die Spendenbereitschaft bei Krisen und Konflikten eher klein. «Zwei Millionen Menschen in den Nachbarstaaten Syriens sind absolut erreichbar. Es gibt keine Gefahr, dass die Hilfe nicht ankommen könnte.»

Von den Regierungen werde in der Regel sehr grosszügig geholfen, räumte Südhoff ein. Gerade die Syrien-Krise sei aber bezüglich Hilfsbedarf die grösste Krise aller Zeiten und dauere bereits das vierte Jahr an. Insofern mache sich eine gewisse Müdigkeit bei allen Spendern breit.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • IKRK-Präsident Peter Maurer.

    «Humanitäre Hilfe wird Geisel von fehlendem politischen Konsens»

    Aus Rendez-vous vom 1.10.2014

    Zahlreiche regionale Konflikte bringen humanitäre Organisationen an ihr Limit. Besondere Sorgen bereitet IKRK-Präsident Peter Maurer, dass sich Staaten sogar darüber streiten, wer die humanitäre Hilfe überhaupt regeln soll. Susanne Brunner hat ihn in Genf getroffen.