EU-Studie: Homosexuelle werden diskriminiert

Was Betroffene täglich erleben, ist nun durch eine Untersuchung belegt: Homosexualität ist nach wie vor in vielen EU-Ländern ein Tabu. Wer sich zu seiner Sexualität bekennt, muss Nachteile in Kauf nehmen.

Die zehn Länder mit der höchsten Diskriminierung In diesen zehn EU-Ländern ist die Diskriminierung oder Belästigung auf Grund der sexuellen Orientierung am höchsten: Litauen (LT), Kroatien (HR), Polen (PL), Zypern (CY), Italien (IT), Rumänien (RO), Bulgarien (BG), Slowenien (SI), Slowakei (SK), Polen (PL), Portugal (PT), Malta (MT), Griechenland (EL), Lettland (LV), Österreich (AT), Irland (IE). Insgesamt wurden 93'000 Personen befragt. Quelle: FRA, EU LGBT survey, 2012

Es ist die erste so grosse Studie der EU-Grundrechte-Agentur zur Situation von Lesben, Schwulen, und Bisexuellen in Europa. Insgesamt nahmen über 93‘000 Personen über 18 Jahren aus der gesamten EU und Kroatien teil. Die Resultate sind zwar nicht repräsentativ, aber sie zeigen deutlich: Homosexuelle werden in Europa noch immer diskriminiert. Viele können sich nicht offen zu ihrer Neigung bekennen.

Etwa ein Viertel aller Befragten gab an, dass sie in den vergangenen fünf Jahren tätlich angegriffen worden oder Gewaltandrohungen ausgesetzt gewesen seien. Zu einer Anzeige bei der Polizei kam es aber nur selten. Viele Betroffene zweifeln laut der Studie, dass sich dadurch etwas verbessern würde.

Ein Tabu in Osteuropa

Seit 1980 werde Homosexualität zwar im Allgemeinen mehr akzeptiert, stellt die Studie fest. Doch vor allem in Mittel- und Osteuropa bleibe sie ein Tabu.

Das bestätigt auch SRF-Korrespondent Walter Müller. In den Ländern des Westbalkans sei es immer noch sehr schwierig, öffentlich als Schwuler oder Lesbe aufzutreten. «Man geht das Risiko ein, zusammengeschlagen zu werden.»

 

Ein Gradmesser dafür sei auch die Auseinandersetzungen um die Schwulenparaden. In Serbien konnte ein solcher Gay-Pride-Umzug erstmals 2010 durchgeführt werden – unter schwerster Bewachung der Polizei. Damals zogen Hooligans durch die Belgrader Innenstadt und schlugen alles kurz und klein. In den zwei folgenden Jahren wurde die Parade wieder verboten.

Laut früheren Umfragen verurteilt auch eine Mehrheit der Bevölkerung in Polen, Bulgarien, Litauen oder Russland die Homosexualität. In Westeuropa ist dagegen die grosse Mehrheit der Befragten für eine freie Lebensgestaltung von Homosexuellen.

 Restriktives Russland

Mehr als 70 Prozent der Russen waren gemäss einer Umfrage im Jahr 2010 der Ansicht, dass schwule oder lesbische Bürger nicht so leben dürfen, wie sie wollen. Der Ursprung dieser Homophobie führt nach Ansicht von SRF-Korrespondent Christoph Franzen weit in die Sowjetunion zurück: «In der UdSSR war Homosexualität entweder eine Geisteskrankheit oder ein Verbrechen, für das es mehrere Jahre Lagerhaft geben konnte.» Dieser Gesetzesartikel sei zwar 1993 abgeschafft worden. Das negative Bild sei aber in vielen Köpfen geblieben.

Hinzu komme, dass in einigen russischen Städten mittlerweile neue anti-homosexuelle Gesetze erlassen wurden. «Zum Beispiel steht nun die Propaganda von Homosexualität wieder unter Strafe», erklärt Franzen.

Viele homosexuelle Russen sähen deshalb von provokativen Aktionen ab. «Sie sagen, die russische Gesellschaft sei einfach nicht soweit. Es sei besser, weniger Öffentlichkeit zu haben und dafür so zu versuchen, langsam aber sicher mehr Akzeptanz zu erhalten.»

Die Ergebnisse der Studie sollen an diesem Freitag, dem Tag gegen Homophobie, in Den Haag vorgestellt werden. Dort findet seit Donnerstag die erste europäische Konferenz für die Rechte und die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen statt.

Die zehn Länder mit der tiefsten Diskriminierung In diesen zehn EU-Ländern ist die Diskriminierung oder Belästigung auf Grund der sexuellen Orientierung am tiefsten: Niederlande (NL), Dänemark (DK), Luxemburg (LU), Schweden (SE), Belgien (BE), Tschechien (CZ), Finnland (FI), Spanien (ES), Frankreich (FR), Grobritannien (UK), Estland (EE), Ungarn (HU), Deutschland (DE). Insgesamt wurden 93'000 Personen befragt. Quelle: FRA, EU LGBT survey, 2012

Gewalt in Georgien

Gewalt in Georgien

Anführer der Proteste waren Priester. Reuters

Chaos in Georgiens Hauptstadt Tiflis, weil Homosexuelle für mehr Gehör kämpfen: Mit Steinwürfen vertrieben Tausende orthodoxe Gläubige gut zwei Dutzend Schwule und Lesben aus der Innenstadt. 30 Menschen wurden verletzt. Regierungschef Iwanischwili verurteilte die Gewalt gegen Minderheiten.

Zur vollständigen Studie geht es hier.